07. November 2007 15:12; Akt: 20.04.2008 20:28 Print

Schlangenkult in den Appalachen

von Daniel Huber - Kürzlich machte ein Texaner Schlagzeilen, der sich mit 87 Klapperschlangen in eine Badewanne legte. Die giftigen Reptilien stehen aber auch im Zentrum eines seltsamen religiösen Kults: «Snake Handling».

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Die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sind auch das Land der unbegrenzten Religionsnarreteien. Besonders im so genannten «Bible Belt» (Bibelgürtel) in den Südstaaten gedeiht so manche merkwürdige Sektenpflanze.

Eine der skurrilsten Kirchen ist mit Sicherheit die «Church of God with Signs Following», besser bekannt unter der Bezeichnung «Snake Handlers». Die Sekte, die aus dem Schoss der Pfingstbewegung hervorgegangen ist, hat immer noch Anhänger in den Appalachen und anderen Gebieten in Alabama, Georgia, Kentucky, Tennessee, West Virginia und Ohio.

«Little George» greift in die Schlangengrube

Die Ursprünge der Sekte liegen in den Hügeln von Tennessee. Dort wurde um das Jahr 1880 herum der charismatische Prediger George Went Hensley geboren, der unter dem Namen «Little George» berühmt wurde.

Irgendwann gegen Ende des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts schuf Hensley während eines Gottesdienstes in der «Church of God» in Cleveland (Tennessee) den Gründungsmythos der Snake Handlers: Während er aus dem Kapitel 16 des Evangeliums von Markus predigte (vgl. InfoBox rechts), stellten einige Männer eine Kiste mit Klapperschlangen vor ihm auf. «Little George» predigte weiter ohne zu stocken, griff in die Kiste und hob die Schlangen heraus. Dann forderte er seine Gemeinde auf, es ihm nach zu tun.

Trance und Strichnin

Die Gläubigen bringen oft selber Schlangen - meist Klapperschlangen, aber auch Kobras oder andere Giftschlangen - an einen «Snake-Handling»-Gottesdienst mit. Die Macht, die beim Ritual über das Reptil demonstriert wird, symbolisiert die Macht über das Böse.
Während des Gottesdienstes geraten manche Gläubige in Trance. Sie holen eine oder mehrere Schlangen aus den Behältern und halten sie in die Höhe. Allerdings dürfen nicht alle Anhänger das Ritual ausführen, sondern nur die Gesalbten.

Ein Schlangenbiss kann auf mehrere Arten interpretiert werden: Es kann sich um ein Zeichen handeln, dass der Glaube des Gebissenen nicht fest genug war, oder dass sein Glaube von Gott auf die Probe gestellt wird. Ein Biss kann auch bedeuten, dass Gott an dem Opfer seine Macht als Heiler erweisen will.

Manche Gläubige trinken auch giftige Flüssigkeiten (Markus 16;18: «und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird's ihnen nicht schaden»). Die am häufigsten verwendete Substanz ist dabei Strichnin.

Verbotener Schlangenkult

Hensley blieb der «Church of God» als charismatischer Prediger bis 1955 erhalten - dann griff er einmal daneben und starb an einem Schlangenbiss. Doch auch andere Todesfälle konnten das Ritual des «Snake Handling» nicht ausrotten. Der Kult geriet zwar jeweils unter Druck, und es gab Zeiten, zu denen er nur noch von einigen standhaften Gläubigen praktiziert wurde.

Die US-Staaten Alabama, Kentucky und Tennessee haben Gesetze gegen die Verwendung von Schlangen in Gottesdiensten erlassen; die Anhänger des Kults umgehen das Verbot, indem sie sich in privaten Hinterzimmern treffen. Heute wird die Zahl der Anhänger auf zwischen 1000 und 2000 geschätzt.