Umfrage

22. Mai 2012 12:50; Akt: 22.05.2012 14:25 Print

Schweizer wissen kaum etwas über Suizid

Viele Schweizer unterschätzen die Häufigkeit von Suiziden und Suizidversuchen. Ein Grossteil hält die Selbsttötung fälschlicherweise für eine lang geplante Handlung. Dies zeigt eine neue Umfrage.

Suizide sind entgegen der Meinung der Schweizer nicht langfristig geplant - und könnten bei einer ganzheitlichen Betreuung - verhindert werden. (Video: Keystone)
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Jährlich versuchen in der Schweiz zwischen 15 000 und 25 000 Menschen, sich das Leben zu nehmen. Über 1000 Personen sterben dabei - das sind dreimal so viele wie im Strassenverkehr. Dies ist den meisten Schweizern nicht bewusst, wie die Meinungsumfrage zum Thema Depression und Suizid zeigt.

Bei der Frage «Was glauben Sie, durch was sterben in der Schweiz mehr Menschen: durch Verkehrsunfälle oder durch Suizide?» tippte nur jeder Zweite auf Suizid. Die andere Hälfte glaubt, dass Verkehrsunfälle gleich viele oder gar mehr Menschenleben fordern.

Das Marktforschungsinstitut Isopublic hatte im April 2012 insgesamt 1001 Deutsch- und Westschweizerinnen und -schweizer im Alter von 18 bis 74 Jahren befragt. Auftraggeber war die Initiative «Lean on Me», die von der Europäischen Depressionsgesellschaft unterstützt und mehrheitlich von der Pharmafirma Lundbeck finanziert wird.

Keine geplante Handlung

Eine Mehrheit der Befragten glaubt weiter, dass ein Suizid gut überlegt und von langer Hand geplant ist. Der Suizidexperte und Psychiater Konrad Michel aus Bern widerspricht: «Ein Suizid ist eine Verzweiflungstat, die der Betroffene in einer anderen Situation nicht begangen hätte», sagte er gemäss Mitteilung von «Lean on Me».

Für vier von fünf Personen, die einen Suizid oder Suizidversuch im Bekanntenkreis erlebten, kam dieser dennoch überraschend. «Das grösste Problem ist, dass viele Menschen Suizidgedanken für sich behalten», sagte Michel. Jedermann sollte wissen, dass diese ein Warnzeichen seien und professionelle Hilfe erforderten.

Als ein positives Resultat der Umfrage wertet es Michel, dass die Mehrheit der Befragten richtig reagieren würde: Sie würden einen guten Freund oder eine gute Freundin in einer Krisensituation ansprechen und ihm oder ihr empfehlen, professionelle Hilfe zu suchen oder selbst zu helfen versuchen.

Depressionen werden verkannt

Zu wenig bewusst ist der Bevölkerung laut der Umfrage dagegen die Tatsache, dass hinter 70 Prozent der Suizide eine Depression steckt. Falsch ist auch die Annahme von fast zwei Dritteln der Befragten, dass ein Suizid mit genügend Zuwendung und Aufmerksamkeit durch das Umfeld verhindert werden könnte.

«Zuwendung alleine genügt in den wenigsten Fällen», sagte der Psychiater. Grössere Lebenskrisen und Depressionen müssten ganzheitlich und auf die Person angepasst behandelt werden.

Diese verbreiteten Fehleinschätzungen über Suizid überraschen, denn gemäss der Umfrage kennt jede zweite Person in der Schweiz Menschen, die durch Suizid gestorben sind. So erachtet die grosse Mehrheit der Befragten Suizid als ein «schwerwiegendes» oder «eher schwerwiegendes Problem» für die Schweiz.

Viele der Befragten halten Aufklärungskampagnen für sinnvoll - eine Einschätzung, die Barbara Weil von der IPSILON-Initiative zur Suizidprävention in der Schweiz, teilt: «Gerade die Medien können viel zur Aufklärung und Entstigmatisierung beitragen.» Für eine erfolgreiche Prävention müsse mehr über Ursachen und Folgen von Depressionen und Tipps zu Auswegen aus Krisensituationen berichtet werden.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Manu am 22.05.2012 15:51 Report Diesen Beitrag melden

    Guter und wichtiger Beitrag

    Aus eigener Erfahrung kenne ich beide Seiten. Mein Bruder hat sich 1994 mit der Armeewaffe das Leben genommen, und ich bin nach 15 Jahren selber durch einen Burnout in eine tiefe Depression geraten. Sie kommt schleichend, und ohne professionelle Hilfe wirds gefährlich. Ich komme aus einer behüteten Familie hatte ne sehr glückliche Kindheit. Trotzdem haben Schicksalsschläge (Bruder suizid, Tochter verstorben) den Druck erhöht, und dann braucht es nur noch einen Auslöser und die Depression ist da. Darum empfehle ich allen, holt euch bei Schicksalsschlägen professionelle Hilfe.

  • Suneshiii am 22.05.2012 13:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    viel Kraft, Geduld, Liebe & mehr

    Bej versuchten Suizid sollte man die Person nicht mit samt Handschuhen anfassen sondern dort helfen wo die Probleme auftauchen... ob Probleme mit "Post holen" weil wieder Mahnungen & co drin sein könnten usw. es sind erneute "lernprozesse" Die Gesellschaft schweigt,... da wir aber immer mehr in einer Egoistischen Gesellschaft leben wird es immer schwerer. (man redet einfach nicht darüber... es wird unter den Tisch gekehrt... überfordert mit Job, Familie & co) Suizide ob geplant oder als Verzweiflungstat sind schlimm. Allen Betroffenen viel Kraft,.. aber redet darüber!

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  • Sonja am 22.05.2012 14:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gesellschaft Druck

    Die Menschen sind der Druck nicht gewachsen, Mann verlang und verlangt und fordert und erwartet von uns mehr als wir geben können, auch die jugendliche sind überfordert, schlussendlich für wem oder für was? Mann bekommt kein Merci. In ärmere Länder haben die Menschen weniger und sind glücklicher. Die Gesellschaft sollte was daran ändern und offen darüber reden, es wir vieles nicht erzählt damit keinen schlechtes Bild der Schweiz gestellt wird. Die Menschen leben nur für sich und sind egoistisch, lachen??? Nein gibt es selten alle mache nur ein strengen Blick

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Smilla am 24.05.2012 07:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt tausend Gründe!

    Ich stecke momentan delber in dieser Spirale... Und dies aus einer permanenten Selbstüberforderung! Will perfekt sein, will es allen recht machen, arbeite 150% (bin selbständig), So konnte ich seit Monaten meine Batterie nicht mehr aufladen! Dann mag und will man einfach nicht mehr! Das Fass zum Überlaufen hat dann ironischerweise ein Selbstmörder gebracht! Ist mir von einer 24 Meter hohen Brücke vors Auto gesprungen! Nun habe ich Hilfe angenommen... ist aber ein langer Weg der viel Kraft braucht! Man sieht nur an den Menschen heran und nicht hinein und sollte also nicht urteilen!

  • ivo am 23.05.2012 18:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    suizid/selbstmord...

    macht die gleiche umfrage mit dem wort selbstmord und schaut dan was die schweizer darüber wissen. englisch als weltsprache ist ja oke aber wir schweizer reden hauptsächlich immer noch deutsch...

    • Dario am 27.05.2012 10:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Suizid

      Suizid ist nicht englisch sondern neulateinisch: aus caedes= Tötung und sui= seiner selbst

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  • Joel S. am 23.05.2012 11:30 Report Diesen Beitrag melden

    Bligg

    Es gibt von Bligg ein gutes Lied welches genau das thematisiert. Vielleicht wäre das ein geeigneter Weg um die Jugend zu sensibilisieren. Das Lied heisst: Bligg - Gang nöd

  • Steve Meyer am 23.05.2012 09:49 Report Diesen Beitrag melden

    Man kann niemanden mehr trauen

    Überall wird nur noch gelogen und betrogen. Das fängt beim Privaten an und stoppt auch nicht bei Beamten und Ämtern. Man muss sich nur noch wehren und verteidgen, oder man schluckt alles. Dass dies mal zu einer Kurschlusshandlung führt ist nachvollziehbar. Zum Glück ist die Hemmschwelle noch hoch genug dass nicht alle mit dem Gedanken daran auch Erfolg haben.

  • Robert am 23.05.2012 09:40 Report Diesen Beitrag melden

    Massiver Gesellschaftsdruck

    Innerhalb Gruppierungen, insbesondere bei jugendlichen, besteht ein immenser Druck möglichst vollkommen und ohne Schwächen zu sein. Man soll erfolgreich sein, sportlich, schlank, heterosexuell und gesund. Vermittelt wird das vor allem durch die Medien, aber auch durch die Gesellschaft selber. Ein Kind begreift rasch, dass das eigene Ansehen massiv darunter leidet, wenn es bezüglich Erscheinungsbild und Leistung nicht mit den anderen mithalten kann. Es beginnt sich als permanenter Versager zu fühlen. Es bildet sich ein Teufelskreis, aus dem man selber kaum mehr herauskommt.

    • Le Moi am 24.05.2012 02:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      zu hohe erwartungen an die gesellschaft

      als wäre das je anders gewesen... lediglich die ideale haben sich verändert. es gibt keine denkbare lösung für das druckproblem, es liegt in unserer natur uns untereinander zu vergleichen. man will ja schliesslich seine gene weitergeben...

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