Verstrahltes Gebiet

08. November 2019 18:23; Akt: 08.11.2019 18:23 Print

Ur-Pferde fühlen sich in Tschernobyl pudelwohl

Przewalski-Pferde gelten als die letzten noch lebenden Vertreter von Wildpferden. Doch sie lieben offenbar feste Behausungen.

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Menschen sind in der Gegend um Tschernobyl kaum zugegen, dafür aber jede Menge Wildtiere. Dazu zählen unter anderem die Przewalski-Pferde. Sie sind Nachkommen einer Handvoll Pferde, die im Rahmen eines Experiments in das Sperrgebiet gebracht wurden. Forscher der University of Georgia haben bereits vor einigen Jahren Kameras mit Bewegungsmeldern installiert und mehr als 11'000 Aufnahmen von den Tieren gemacht. Doch Auskünfte über den genauen Bestand können die Wissenschaftler dennoch nicht geben. Allerdings hofft das Team um James Beasley, dass dies künftig anders sein wird. So konnten sie auf den Fotos erkennen, dass die Wildpferde, die anders als Hauspferde nicht vom Menschen domestiziert wurden und keinerlei Stallhaltung kennen, gerne Unterschlüpfe aufsuchen. Die Przewalski-Pferde würden sich immer wieder in verlassenen Häuser und Scheunen zurückziehen, heisst es im Fachjournal «Mammal Research» – zum Schutz, zum Schlafen und um sich zu vermehren. Die Przewalski-Pferde nutzten routinemässig verlassene Gebäude in der Zone. Infolgedessen könnten diese Strukturen als wichtige Schwerpunkte für die Forschung dienen, um wichtige demografische Informationen wie Alter, Geschlechterverhältnis, Population und genetische Struktur zu erhalten.» Neben den Przewalski-Pferden sind über 30 Jahre nach dem GAU auch Elche (im Bild), Wildschweine, Hirsche und Rehe in der Schutzzone anzutreffen. Wölfe kommen laut Forschern in der Region inzwischen sogar siebenmal häufiger vor als anderswo. Ebenfalls unter den tierischen Besuchern der Sperrzone ist laut einer im Fachjournal «Food Webs» veröffentlichten Studie der Wolf (Canis lupus), ... ... der Fischotter (Lutra lutra), ... ... der Marderhund (Nyctereutes procyonoides) und ... ... der Eichelhäher (Garrulus glandarius). Weiter konnte das Team um Peter E. Schlichting von den Universitäten von Georgia und Arizona Seeadler, amerikanische Nerze und Flussotter sichten. Wie sich die Radioaktivität auf die Tiere auswirkt, können Wissenschaftler nicht sagen. Möglich sei sowohl, dass die Strahlung ihre Lebensdauer oder Fortpflanzung beeinträchtigt, als auch, dass die Tiere davon profitierten, Der Biowissenschaftler Tim Mousseau, der mit seinem Team seit Jahren die Artenvielfalt in Tschernobyl und neuerdings auch im japanischen Fukushima untersucht, zeigt sich wenig euphorisch: Von der Verstrahlung sei selbst der Ruf des Kuckucks betroffen. Radioaktivität hin oder her: «Die Daten zeigen, wie widerstandsfähig Wildtiere sind, wenn ihnen der Mensch nicht das Leben schwermacht», da sind sich verschiedene Forscherteams einig. Die Sperrzone liefere einen Eindruck, wie viele Wildtiere es heute in vielen Gegenden Europas geben würde, wenn der Mensch nicht wäre. Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Es war der erste nukleare Unfall, der auf der internationalen Bewertungsskala Ines mit dem Maximum von sieben Punkten eingestuft wurde. Das heute stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl wurde zwischen 1970 und 1983 erbaut. Dabei wurden vier der insgesamt sechs geplanten Reaktorblöcke fertiggestellt. Im AKW wurden graphitmoderierte Reaktoren des Typs RBMK-1000 eingesetzt, die gravierende Sicherheitsmängel aufwiesen. Gleichwohl galt das Kraftwerk in der Sowjetunion als Musteranlage. Am Anfang des Super-GAUs in Tschernobyl stand ein Experiment. Um festzustellen, wie viel Leistung der Generator nach der Abkopplung vom Netz und von der Dampfversorgung noch liefert, schaltete das Personal im Lenin-Kraftwerk am Abend des 25. Aprils 1986 die Sicherheitssysteme in Block 4 ab. Um 01.23 Uhr kam es zum Turbinenstillstand. Es entstand ein Hitzestau. Die Leistung des 1000-Megawatt-Reaktors stieg innerhalb von Sekunden plötzlich drastisch an, eine manuelle Notabschaltung war nicht mehr möglich. Dampf und Wasserstoff lösten gewaltige Explosionen aus und sprengten die tonnenschwere Abdeckplatte des Reaktorgebäudes weg. Der Reaktorkern schmolz und der Graphitmantel der Brennelemente fing Feuer. Eine Wolke aus radioaktiven Spaltprodukten wurde in die Luft geschleudert. Das Graphit-Feuer konnte neun Tage lang nicht gelöscht werden. Das freigesetzte radioaktive Material verstrahlte bis zu km² Fläche in der Ukraine, Weissrussland und Russland. Greenpeace schätzt, dass in den betroffenen Gebieten rund sieben Millionen Menschen lebten. Hunderttausende von Aufräumarbeitern, so genannte «Liquidatoren», mussten unter lebensgefährlichen Bedingungen den radioaktiven Schutt wegräumen. An den am stärksten verstrahlten Stellen wurden die Liquidatoren jeweils nur wenige Sekunden lang eingesetzt. Dennoch wurden viele von ihnen lebensbedrohlich verstrahlt. Ein Kraftwerksmitarbeiter zeigt im Jahr 2000 auf den Ort, wo 1986 der Reaktor explodierte. Verfestigter Schaum, Blei-Haufen und Bor-Pulver von Helikoptern aus abgeworfen, zeugen von den verzweifelten Versuchen, die nuklearen Prozesse im beschädigten Reaktor zu stoppen. Aus Helikoptern wurden neben Blei und Bor auch Dolomit, Sand und Lehm abgeworfen, um die Freisetzung von Spaltprodukten einzudämmen. Die dabei eingesetzten Helikopter stehen - zusammen mit anderen Fahrzeugen und Geräten - heute noch in der Sperrzone. Sie sind verstrahlt. Die Aufräumarbeiten dauerten drei Jahre. Arbeiter feierten im November 1986 vor Reaktorblock 4 die Errichtung der ersten Hülle des Sarkophags. Auf dem Banner steht: «Wir werden die Vorgabe der Regierung erfüllen!» Dieser erste Sarkophag hat seine Lebenserwartung bereits erreicht und ist brüchig geworden. Der zweite soll für mindestens 100 Jahre die Freisetzung von Strahlung verhindern. Er sollte 2014 fertig sein, allerdings verzögerte sich das Projekt wegen der Ukraine-Krise. Zudem fehlt das Geld. Von den rund innerhalb der ersten zehn Jahre. Um den Reaktor wurde eine Sperrzone errichtet. Nur vier Kilometer vom Reaktor entfernt lebten in der erst 1970 gegründeten Stadt Pripjat knapp Menschen. Einen Tag nach der Katastrophe befahlen die Behörden die Evakuierung der Industriestadt. Zunächst hiesses, es handle sich um eine reine Vorsichtsmassnahme; alles werde lediglich drei Tage dauern. Doch die Bewohner durften nie mehr zurückkehren. Die Strahlenbelastung war - und ist - zu hoch. Schritt für Schritt wurden später alle Anwohner im Umkreis von 30 Kilometern in Sicherheit gebracht. Aus Pripjat wurde eine Geisterstadt. Die kontaminierte Zone reichte weit bis nach Weissrussland hinein, das besonders schwer vom radioaktiven Fallout getroffen wurde. Die Kernschmelze in Tschernobyl und der Austritt von grossen Mengen Radioaktivität war ein Super-GAU, der über den GAU («Grösster anzunehmender Unfall») hinausgeht. Der GAU bezeichnet den schlimmsten beherrschbaren Störfall, für den das Kraftwerk ausgelegt ist. Auch im Westen hatte die Katastrophe Folgen: Die radioaktive Wolke kontaminierte grosse Gebiete in Skandinavien und Mitteleuropa. Hier wurde ein westdeutsches Auto an der ostdeutsch-polnischen Grenze dekontaminiert. Schwangeren und Kleinkindern unter zehn Jahren wurde geraten, auf Gemüse und Milch zu verzichten. Ein wegen der radioaktiven Wolke geschlossener Spielplatz in Wiesbaden. Der Super-GAU in dem sowjetischen AKW stärkte in der Folge die ökologischen und atomkritischen Bewegungen im Westen. Auch in der Schweiz erhielt die Anti-AKW-Bewegung Aufwind. Tschernobyl und die Sperrzone entwickeln sich immer mehr zu einer eigentlichen Touristenattraktion.

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Mehr als 30 Jahre nach dem GAU von 1986 gleicht das Gebiet um das havarierte Atomkraftwerk einem wahren Wildtierparadies. Neben Bären, Wölfen, Luchsen, Wildschweinen und Elchen, haben auch Seeadler, amerikanische Nerze und Flussotter ihren Weg das Sperrgebiet gefunden.

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Auch die vom Aussterben bedrohten Przewalski-Pferde sind in dem verstrahlten Areal wieder anzutreffen. Sie sind die Nachkommen von 36 Pferden, die vor Jahren im Rahmen eines Experiments in das Sperrgebiet gebracht wurden. Inzwischen sollen rund einhundert von ihnen über die einstigen Felder streifen.

Wildpferde mögen es heimelig

Wie viele es genau sind, ist allerdings unklar. Zwar haben Forscher der University of Georgia bereits vor einigen Jahren Kameras mit Bewegungsmeldern installiert und mehr als 11'000 Aufnahmen von den Tieren gemacht. Doch Auskünfte über den genauen Bestand können die Wissenschaftler dennoch nicht geben.

Allerdings hofft das Team um James Beasley, dass dies künftig anders sein wird. So konnten sie auf den Fotos erkennen, dass die Wildpferde, die anders als Hauspferde nicht vom Menschen domestiziert wurden und keinerlei Stallhaltung kennen, gerne Unterschlüpfe aufsuchen.

Schutz, Schlaf, Schäferstündchen

Die Przewalski-Pferde würden sich immer wieder in verlassenen Häuser und Scheunen zurückziehen, heisst es im Fachjournal «Mammal Research» – zum Schutz, zum Schlafen und um sich zu vermehren.

«Unsere Ergebnisse zeigen, dass Przewalski-Pferde routinemässig verlassene Gebäude in der Zone nutzen», zitiert die Hochschule Beasley in einer Mitteilung. Infolgedessen könnten diese Strukturen als wichtige Schwerpunkte für die Forschung dienen, um wichtige demografische Informationen wie Alter, Geschlechterverhältnis, Population und genetische Struktur zu erhalten.» Kurz: um mehr über die offiziell vom Aussterben bedrohten Tiere herauszufinden.

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Aleks am 08.11.2019 18:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    das grössere Übel

    Angesicht der reichen Tierpopulation scheint es, dass wir Menschen das grössere Übel für Tiere sind als radioaktive Strahlung.

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  • Marlis am 08.11.2019 18:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naturschutz Gebiet

    Ich hoffe, dass dort nie wieder Menschen ansiedeln. Das man aus dieser Gegend ein großes Naturschutzgebiet gibt.

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  • Fraz am 08.11.2019 18:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So guet!

    Wie schön, dass offenbar nur der Mensch grosse Probleme mit der Strahlung hat. Somit wäre die "Krone der Schöpfung" an ihrer Grenze angekommen. Wie wohltuend! Tschernobyl, eine Oase für die geschundene Kreatur. Das freut mich!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sauglatt am 09.11.2019 21:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wie geht das?

    ein Pferd, dass sich wohl und wie ein Pudel fühlt... braucht es einen Psychologen? oder sind das Strahlungsschäden, die diese Art von Schizophrenie auslösen?

  • S. Berger am 09.11.2019 21:23 Report Diesen Beitrag melden

    Strahlung nach wie vor gefährlich

    Die Strahlung in Tschernobyl ist langfristig für Menschen und höher entwickelte Säugetiere gefährlich, da das Erbgut verändert werden kann. Die Krebsgefahr steigt. Vor allem die Auswirkungen auf spätere Generationen kann nun an den dort wild lebenden Tieren gut beobachtet werden, allerdings wird erst nach ein paar Jahrzehnten ein Resultat sichbar. Die Idee eines Nationalparks finde ich gut.

  • Umweltschützer am 09.11.2019 17:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wahrheit

    Die grösste Gefahr für Umwelt und Natur ist die überbordende Menschheit! Aber wer soll das der Greta beibringen und würde die es begreifen?

  • m.h. am 09.11.2019 14:19 Report Diesen Beitrag melden

    Überlegen dann schreiben

    Ob die Tiere Probleme haben oder jicht ist dadurch nicht bewiesen und auch nicht widerlegt....

    • oki am 09.11.2019 17:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @m.h.

      Sie haben einen kürzeren Lebenszyklus. Elefanten Schildkröten und ähnliche hätten es genauso schwer wie der Mensch aber die Gegend gehört ja nicht zu ihrem Lebensraum.

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  • Roman am 09.11.2019 14:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mensch weg, Natur zurück

    Ist der Mensch weg entfaltet sich Fauna und Flora wieder.