Covid-19

24. März 2020 20:00; Akt: 25.03.2020 16:47 Print

Intensivpatienten erhalten Malaria-Medikament

von Fee Riebeling - Ein Medikament gegen Covid-19 gibt es noch nicht. Tatenlos sehen die Mediziner dennoch nicht zu. Sie gehen zum Teil völlig neue Wege.

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Was tun, wenn gegen eine neue Krankheit noch kein spezifisches Medikament existiert? Mit dieser Frage sehen sich angesichts der grassierenden Corona-Pandemie auch die Mediziner des Universitätsspitals Zürich konfrontiert. Ihnen bleibt laut Peter Steiger, dem stellvertretenden Direktor des Instituts für Intensivmedizin am Universitätsspital Zürich (USZ), nur, die Symptome zu lindern und den Patienten in dessen Selbstheilung zu unterstützten – mit Maschinen und Medikamenten. Neben erprobten Herangehensweisen wie ... ... der Bauchlagerung von Patienten, die künstlich beatmet werden müssen, kommen im USZ – wie auch in anderen Kliniken im In- und Ausland – auch experimentelle Therapien zum Einsatz. Das heisst: Präparate, die eigentlich für ganz andere Krankheiten entwickelt und zugelassen wurden. Dazu zählte zunächst auch das Medikament Kaletra (Abbott-AbbVie), ein Mittel gegen HIV. In China hatte zwischenzeitlich ein echter Run darauf eingesetzt, nachdem Mediziner aus Thailand Erfolge mit dem Medikament gemeldet hatten. Auf die Idee gekommen, dieses einzusetzen, war man, weil es bereits bei der Sars-Epidemie im Jahr 2003 Patienten geholfen haben soll. Zwei Wirkstoffe im Medikament sorgen dafür, die Menge des Virus im Körper der Betroffenen – die sogenannte Viruslast – zu dämpfen. Da Kaletra aber spezifisch auf ein Enzym des HI-Virus ausgerichtet ist, ist unklar, ob es tatsächlich etwas gegen das entsprechende Enzym bei Sars-CoV-2 wirkt. Derzeit laufende Studien sollen das klären. Deutlich zuversichtlicher ist man, was den Effekt des eigentlich nicht mehr produzieten Malaria-Präparats Hydroxychloroquin auf Covid-19-Patienten angeht. Mit diesem werden im USZ alle Intensivpatienten behandelt, wie Peter Steiger sagt. Auch in China und Italien setzen die Mediziner darauf. In der breiten Öffentlichkeit wurde das Medikament bekannt, nachdem US-Präsident Donald Trump behauptet hatte, es könne in Kombination mit dem Antibiotikum Azithromycin «einer der grössten Durchbrüche der Geschichte der Medizin sein.» Ob das stimmt, ist derweil noch offen. Denn bisher gibt es nur vereinzelte Berichte über die Wirksamkeit, aber keine klinischen Studien. Die befinden sich derzeit in Planung. (Im Bild: Pharmamitarbeiter bei der Wiederaufnahme der Produktion des Malaria-Medikaments, China, 2020) Ein weiterer Kandidat, der im USZ erst einmal – auf der Normalstation – zum Einsatz gekommen ist, ist die von Roche produzierte Gelenkrheumatherapie Actemra. In einer Salzburger Klinik wurde diese laut Medienberichten zwei schwer kranken Patienten verabreicht. Grund dafür seien Berichte aus China ... ... nach denen der enthaltene Wirkstoff Tocilizumab die Schwere einer Covid-19-Erkrankung um bis zu 90 Prozent abmildern könnte, weil es Entzündungsstürme ausbremsen kann. Dabei handelt es sich um eine schnelle Abfolge von den ganzen Körper schädigenden Entzündungsreaktionen. Was das noch nicht zugelassene Remdesivir (Gilead) angeht, ist Intensivmediziner Steiger mit Bruce Aylward von der Weltgesundheitsorgnisation WHO einer Meinung: Im Kampf gegen Covid-19 scheint das vielversprechendste Präparat zu sein. Ursprünglich ist es entwickelt worden, um bei Ebola die Vervielfachung es Viruserbguts zu sabotieren. Doch bereits im vergangenen Jahr zeigten Tiermodelle, dass Remdesivir gegen die ebenfalls von Coronaviren ausgelösten Krankheiten Sars und Mers wirkt. Im USZ «haben wir es bisher erst einer Patientin verabreicht, deren Überlebenschancen wir eigentlich als gering eingeschätzt hatten», so Steiger. Trotz der schlechten Vorzeichen habe diese mittlerweile auf die normale Station verlegt werden können. «Ob das am Remdesivir lag, ist extrem schwer zu sagen.» Dazu braucht es gross angelegte Studien mit vielen Probanden. (Noch) nicht im USZ im Einsatz, aber auch vielversprechend ist das japanische Grippemedikament Avigan (Fujifilm Toyama Chemicals), auch Favipiravi genannt. Laut dem chinesischen Wissenschafts- und Technologieministerium ist es auch bei der Behandlung von Covid-19 «eindeutig wirksam». Patienten, denen es verabreicht wurde ... ... wurden im Schnitt vier Tage danach negativ getestet. Bei den nicht behandelten waren es im Schnitt elf Tage. Auch der Zustand der Lunge verbesserte sich gemäss Röntgenaufnahmen deutlich. Laut japanischen Medizinern wirkt es aber wohl nur bei leichten bis mittelschweren Symptomen. Weiterer Hoffnungsträger: der Wirkstoff Camostat, der in Japan gegen chronische Entzündungen der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis) zugelassen ist. In Zellexperimenten konnte er verhindern, dass das Coronavirus in die Lungenzellen eindringt. Ob das auch bei Menschen funktioniert, müssen weitere Untersuchungen zeigen. (Im Bild: akute Pankreatitis im CT)

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Weil gegen die vom neuen Coronavirus ausgelöste Krankheit kein spezifisches Medikament existiert, können die Ärzte nur die Symptome lindern und «den Patienten mit Medikamenten oder Maschinen in seiner Selbstheilung unterstützen», so Peter Steiger, stellvertretender Direktor des Instituts für Intensivmedizin am Universitätsspital Zürich (USZ). Das gilt für Betroffene auf der Normal- wie auf der Intensivstation.

Nahezu alle Patienten leiden an Atemnot. «Viele kann man mit Sauerstoff behandeln, andere müssen jedoch auf die Intensivstation verlegt und künstlich beatmet werden», so Steiger. Dann müssten auch immer Schlaf- und Schmerzmittel gegeben werden. «Häufig braucht es auch den Kreislauf unterstützende Mittel.»

Am USZ wie auch in anderen Spitälern im In- und Ausland komme jedoch nicht nur Erprobtes zur Bekämpfung der Symptome zum Einsatz, sondern auch sogenannt experimentelle Therapien, erklärt Steiger. Darunter zählen Medikamente, die eigentlich für ganz andere Krankheiten entwickelt und zugelassen wurden (siehe Bildstrecke oben).

Drei vielversprechende Kandidaten

«Vom Kaletra, einem alten HIV-Mittel, wird allgemein wie auch bei uns ein bisschen Abstand genommen. Gute Erfahrungen haben wir dagegen mit dem Malaria-Präparat Hydroxychloroquin gemacht», sagt Steiger. Das bekommen im USZ alle Intensivpatienten. Auch das Medikament Actemra von Roche, eigentlich eine Gelenkrheumatherapie, habe in Studien Wirkung gezeigt. Jedoch sei dieses bisher erst auf der Normalstation zum Einsatz gekommen.

Remdesivir, das gegen Ebola entwickelt wurde und noch nicht zugelassen sei, scheint am vielversprechendsten zu sein. Allerdings sei es nur schwer zu bekommen. «Wir haben es bisher erst einer Patientin verabreicht, deren Überlebenschancen wir eigentlich als gering eingeschätzt hatten.» Trotz der schlechten Vorzeichen habe diese mittlerweile auf die normale Station verlegt werden können. «Ob das am Remdesivir lag, ist extrem schwer zu sagen.» Dazu braucht es gross angelegte Studien mit vielen Probanden.

Internationale Studie

Aus diesem Grund hat die Weltgesundheitsorganisation WHO am 23. März 2020 die globale Solidarity-Studie lanciert, mit deren Hilfe «auf schnellstem Weg ein wirksames Mittel zur Behandlung von Covid-19» gefunden werden soll, wie unter anderem das «Ärzteblatt» berichtet. In dieser soll die Wirksamkeit von Remdesivir, der Wirkstoffe Lopinavir und Ritonavir (im HIV-Medikament Kaletra enthalten) und Hydroxychloroquin (ein Malariamittel ähnlich dem Chloroquin) in unterschiedlichen Kombinationen getestet werden (siehe Box).

Wie weit die Suche nach potenziellen Impfstoffes gegen Sars-CoV-2 fortgeschritten ist, erfahren Sie hier.

Update vom 25. März 2020:

In einer ersten Version dieses Artikels lautete der Titel «Schweizerin überlebt Covid-19 mit Ebola-Medi». Dieser sei irreführend gewesen, hält das Universitätsspital Zürich fest: Die Patienten erholte sich zwar nach der Gabe des Präparates, aber ob dies auf das Ebola-Medikament zurückzuführen ist, ist unklar. Ein Kausalzusammenhang kann nur durch eine klinische Studie mit vielen Probanden geprüft werden.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kristijan C. am 24.03.2020 20:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo!

    Endlich mal gute Nachrichten. Ein Hoch auf unsere Ärzteschaft und Krankenpfleger/innen!

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  • Fred am 24.03.2020 20:09 Report Diesen Beitrag melden

    Grosse Leistungen

    Vielen Dank den Helden der Stunde. Jene welche trotz grössten Anstrengungen die Ruhe haben um notwendige und teils schwierige Lösungen anstreben.

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  • Pasteur Koch am 24.03.2020 20:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    What??

    «Ob das am Remdesivir lag, ist extrem schwer zu sagen.» Dazu braucht es gross angelegte Studien mit vielen Probanden. Aber im Titelbild sagen, Patient überlebt wegen Ebold- Medi

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Thomas B. am 28.03.2020 09:23 Report Diesen Beitrag melden

    Mein Grosser Respekt

    Ich rufe alle dazu auf dem Krankenhauspersonal Trinkgeld zu geben. Ich bin der Klinik unendlich dankbar. Mein Bruder hatte einen Schlaganfall gestern und wurde trotz aktueller Lage innert kürzester Zeit versorgt

  • Erwin am 27.03.2020 21:56 Report Diesen Beitrag melden

    schmstren

    da les ich wieder katze mit corona. so ein schmarren! corona ist bei katzen F.I.P und das ist für uns menschen nicht ansteckend. so wie auch die hiobsbotschaft 17 jähriger spitz stirbt an corona. 17 jahre ist für einen hund viel. leute glaubt nicht alles.

  • Markus im AG am 27.03.2020 14:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sie sind in der Menschengruppe

    die als gefährdet gilt? Verfassen Sie unbedingt eine Patientenverfügung wenn Sie nicht an eine Maschine möchten. Das entlastet die Gewissen der Ärzte nach der Kriese ungemein.

  • Truth am 27.03.2020 13:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein schweizer Arzt spricht

    Leute, geht mal auf diese Seite: swprs.org/ covid-19!!! Ist sehr interessant! Sowas wird in den offiziellen Medien natürlich nicht veröffentlicht!

    • riga am 27.03.2020 14:12 Report Diesen Beitrag melden

      @Truth

      Ah ja, super. Die behaupten unabhängig zu sein und keine Propaganda zu betreiben wie das die anderen Medien gemäss deren Aussage machen, lassen dann aber ungefiltert Posts von irgendwelchen Ärzten zu, die sich im Moment wichtig machen wollen und die ganze Situation verharmlosen. Ja, die Behörden und Ärzte wissen im Moment noch lange nicht umfassend Bescheid über das Virus, aber die sind wenigstens ehrlich und stehen dazu, nicht wie irgendwelche Typen, die jetzt schon Theorien aufstellen, obschon es viel zu wenig Daten und Fakten dafür gibt.

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  • Manuela L. am 27.03.2020 12:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Malaria- und Lupuspatienten erhalten keine Medis m

    Dafür haben jetzt alle an malaria und lupus erkrankten Personen in der CH ein Problem ihr Medikament zu erhalten. Davon spricht niemand!