Neueres Phänomen

21. Februar 2019 10:30; Akt: 21.02.2019 10:30 Print

So erkennen Sie heikle Gleitschneelawinen

Gleitschneelawinen wie jene in Crans-Montana sind eine eher neue Erscheinung. Ein Pistenrettungschef erklärt, wie sie entstehen.

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Eine Lawine ist am Dienstag, 19. Februar 2019 in Crans-Montana auf eine Skipiste niedergegangen. Dabei handelte es sich nach jetzigem Wissen um eine Gleitschneelawine – laut Carlo Danioth von der Skiarena Andermatt-Sedrun eine eher neue Erscheinung. Dem Phänomen gehe ein warmer Boden im Herbst voraus. Wenn es früh auf diesen Boden schneie, werde dieser Schneeschicht ... ... nach und nach die Feuchtigkeit entzogen. Darauf setzten sich weitere, unter Umständen schwere Schneeschichten ab, worauf ein Hohlraum entstehe. Durch die äussere, wärmere Temperatur, wie sie dieser Tage herrsche, kämen solche Schneeschichten dann schneller ins Rutschen. Laut dem Experten kündigen sich Gleitschneelawinen an: Alarmierend seien sogenannte Fischmäuler, also Risse in der Schneedecke, die immer weiter aufgehen. Diese müssten beobachtet werden, könnten aber auch wieder zugeschneit werden und daher unproblematisch bleiben. (Im Bild: Fischmaul, unter dem eine Gleitschneelawine abgegangen ist, 2008) In Crans-Montana war das jedoch nicht der Fall, die Lawinen ging ab. So sah die Piste danach aus. Vier Personen wurden verletzt. Eine verstarb. Die Piste war für Skifahrer offen. Die Polizei vermutet noch weitere Verschüttete. Die Suche ging auch am Abend noch weiter. Die Meldung ging kurz nach 14.15 Uhr ein. Wie viele Menschen verschüttet wurden, war zunächst unklar. Der Lawinenabgang ereignete sich laut Polizei am frühen Nachmittag. Die Lawine verschüttete einen grösseren Teil der Skipiste in der Region La Plaine Morte. Einen Tag zuvor war die Piste laut Augenzeugen wegen Lawinensprengungen gesperrt gewesen. In den letzten Tagen sei es sehr warm gewesen. Laut Leser-Reportern waren mehrere Helikopter im Einsatz. Rettungskräfte versuchten die Verschütteten zu orten. Die Lawine erfasste laut Lesern mehrere hundert Meter der Piste. Laut den Bergbahnen von Crans-Montana gibt es noch keine Bestätigung der Opfer. Auch Soldaten leisteten eine Spontanhilfe, da sie wegen des Weltcup-Rennens vom kommenden Wochenende ohnehin im Gebiet sind.

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Am frühen Dienstagnachmittag ist in Crans-Montana VS auf 2500 Metern Höhe eine Lawine auf eine befahrene Skipiste niedergegangen (siehe Video unten). Mindestens eine Person ist gestorben. Der Lawinenkegel hatte ein gewaltiges Ausmass.

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Ein Experte des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos ging in einer ersten Einschätzung von einer Gleitschneelawine aus.

Warmer Boden im Herbst

«Solche sind eine eher neue Erscheinung», sagte Carlo Danioth, Betriebsleiter Ost der Skiarena Andermatt-Sedrun, zur Keystone-SDA. Danioth hat über 20 Jahre Erfahrung als Pistenrettungschef. Diese sind in Skigebieten dafür verantwortlich, zu entscheiden, wann ein Skigebiet sicher ist.

Das Video zeigt, wie die Lawine in Crans-Montana die Piste verschüttet. (Video: Leser-Reporter)

«Von Gleitschneelawinen sprechen wir erst seit sechs, sieben Jahren», erzählt Danioth und erklärt, dass dem Phänomen ein warmer Boden im Herbst vorausgehe. Wenn es früh auf diesen Boden schneie, werde dieser Schneeschicht nach und nach die Feuchtigkeit entzogen. Darauf setzten sich weitere, unter Umständen schwere Schneeschichten ab, worauf ein Hohlraum entstehe.

«Durch die äussere, wärmere Temperatur, wie sie dieser Tage herrscht, kommen solche Schneeschichten dann schneller ins Rutschen», erklärt Danioth. Albert Hegner, Pisten-Rettungschef von Saas-Fee, erläutert ergänzend, dass solche Gleitschneelawinen schwerer zu kontrollieren und auch zu sprengen seien als übliche Lawinen.

Verantwortung bei Pistenrettungschefs

Die Pistenrettungschefs tragen die Verantwortung dafür, Wintersportler und Mitarbeitende keiner Gefahr auszusetzen. Für ihren Job sei die Erfahrung sehr wichtig, sagte Hegner. Wichtig sei zudem die ständige Beobachtung der Wetterlagen, der Schneedecke, aber auch der langfristigen Entwicklung des Winters, so Danioth.

Den Pistenverantwortlichen stehen dafür unter anderem die Lawinenbulletins des SLF in Davos zur Verfügung. «Wir müssen aber vor allem ins Gebiet hinein, die Situation kann je nach Hanglage, Sonnensituation und Wetterlage ganz unterschiedlich sein», erklärt Hegner.

Dafür gehen die Verantwortlichen gegen vier Uhr morgens ins Gebiet, um die Situation zu analysieren – je nach Wetter. Hat es Neuschnee gegeben in der Nacht? Gibt es Schneeverwehungen, die störanfällig sind? «Der Wind ist der Bauer der Lawine», sagte Hegner im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Je nachdem gibt es Lawinensprengungen, mancherorts öffnen Skigebiete daher erst im Verlauf des Vormittags.

Fischmäuler in der Schneedecke

Insbesondere die Beobachtung der Schneedecke sei enorm wichtig, erklärt Danioth. Alarmierend seine sogenannte Fischmäuler, also Risse in der Schneedecke, die immer weiter aufgingen (siehe Bildstrecke oben). Diese müssten beobachtet werden, könnten aber auch wieder zugeschneit werden und daher unproblematisch bleiben. In die Schneedecke wird auch immer wieder ein Loch gegraben, um zu schauen, wie sich die Schichten entwickeln.

Man versuche zudem, bereits von Winterbeginn an den Schnee oberhalb und rund um die Pisten wegzusprengen oder abzutransportieren, damit diese im Verlauf des Winters nicht zu einer Gefahr würden. Die Gefahr für Lawinen sei schon nach Neuschnee und bei starkem Wind am grössten, sagte Danioth.

Im Frühling steige dann mit den wärmeren Temperaturen die Gefahr von Gleit- oder Nassschneelawinen. In Saas-Fee werden daher beispielsweise im Frühling gewisse Pisten am Plättjen wegen der Gefahr eines Abrutsches von Nassschnee gesperrt. In der Skiarena ist gar seit Donnerstag eine Piste in der Verbindung von Andermatt und Sedrun wegen der Gefahr von Gleitlawinen während der Mittagsstunden gesperrt.

Grosser Druck für Pistenchefs

Auf demjenigen, der den Entscheid über die Freigabe eines Skigebiets gibt, lastet eine «riesige Verantwortung», sagte Hegner. Denn wenn ein Teil oder gar das ganze Skigebiet gesperrt wird, reagieren unter Umständen sowohl die Touristen als auch die Geschäftsleitung verärgert.

Hegner und Danioth können mit diesem Druck umgehen. Es sei aber je länger, je schwieriger, Leute zu finden, die diese Verantwortung tragen wollten, sagte Danioth. Schliesslich kann man sich so sehr bemühen – «keine Lawinengefahr herrscht nur, wenn es keinen Schnee gibt», sagt Hegner. Ein Restrisiko gebe es immer, «Naturgewalten kann man nicht steuern». Das Unglück in Crans-Montana zeige wieder einmal, wie wichtig die Arbeit der Pistenrettungschefs sei, sagte Danioth.

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • W. Meier am 21.02.2019 10:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Akzeptiert die Natur und zerstört sie nicht

    Wer das Gefühl hat dass wir sicher leben, ist zum falschen Zeitpunkt auf der Welt. Früher suchte man keinen Schuldigen, damals war es einfach die Natur. Aber die kann Mann nicht verhaften und in die Therapie schicken . Auch kein Richter kann sie verurteilen.

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  • Krankenschwester am 21.02.2019 10:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    100% Sicherheit gibt es nicht

    Was ist im Leben schon sicher? Selbst beim Wasser trinken kann man sich verschlucken und ersticken, Wenn der Bub nicht schwimmen kann, ist dann auch die Badehose schuld. Müssig immer einen schuldigen zu suchen, soetwas kann passieren und tausend andere Dinge auch, nichts ist 100% sicher, das ist das Leben! Es ist traurig und unschön, aber auch das ist das Leben.

  • Urs am 21.02.2019 10:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was ist der Unterschied

    Früher nannten wir Gleitschneelawinen einfach nur Schneebretter. Oder liege ich da komplett falsch?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Lindsey am 22.02.2019 08:41 Report Diesen Beitrag melden

    Ist eben Natur

    Das ist eben die Natur man kann nicht alles flachmachen und einpacken. Wer in die Berge geht hat immer ein Restrisiko sonst bleibt in der Stube zu Hause. Skiunfaääle gehören sowieso zu den teuersten Ausgaben im Jahr.

  • Nik G. am 22.02.2019 08:13 Report Diesen Beitrag melden

    Aber es gibt kein Klimwandel

    Mmmmh komisch überall häufen sich die Phänomene die schon noch nie oder nur sehr sehr selten beobachtet wurden. Aber noch immer wird am Menschen gemachten Klimawandel gezweifelt.

    • Paprika am 22.02.2019 11:01 Report Diesen Beitrag melden

      @Nik G

      Stellen Sie sich mal vor, den Klimawandel gab es schon vor den Menschen!

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  • Francine am 22.02.2019 08:01 Report Diesen Beitrag melden

    Erkenne die Zeichen

    Wenn sie Schnee atmen anstatt Luft, ist das ein Zeichen, dass sie in eine Lawine geraten sein könnten. Oder sie sind in einem Club in Zürich auf der Toilette.

  • Miro am 21.02.2019 12:23 Report Diesen Beitrag melden

    Geht nicht

    Würde man sie erkennen, könnten die Pisten ja jeweils rechtzeitig geräumt werden. Brechen sie los, ist es zu spät. Wir sind in der Schweiz. Wir haben Berge. Im Winter hat es Schnee in den Bergen. Mal mehr mal weniger. je nach Witterung brechen Lawinen los und donnern ins Tal hinunter. Das ist seit längerer Zeit schon so und man muss nicht jedes Mal das selbe Thema bis zum geht nicht mehr ausquetschen.

  • Peter Panther am 21.02.2019 12:17 Report Diesen Beitrag melden

    Natürliche Phänomene

    Interessant, dass die Schweizer für jegliche Vorfälle - seien es Katastrophen, Unfälle, etc. - Erklärungen haben, welche stets auf selten vorkommende und natürliche Phänomene zurückzuführen sind. Es mag an der humanen Gesinnung liegen, es mag aber auch ganz einfache Erklärungen dafür geben, wobei die einfachste die Reputation und die Finanzen betreffen könnte.