Sprachzerfall

11. Juni 2013 10:13; Akt: 11.06.2013 19:08 Print

So schlimm ist der SMS-Slang wirklich

Anglizismen, Dialekt-SMS, Abkürzungen, Emoticons: Sprachpuristen sind entsetzt ob der Sprache bei den SMS. Doch es ist alles nicht so schlimm, wie eine SNF-Studie zeigt.

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Kurz vor Mitternacht kam die Frage, wo man denn heute unterwegs sein wird - die Antwort folgte ein paar Stunden später ... Alkohol und Handys, keine gute Kombination, wie folgende SMS beweisen ... www.smsvongesternnacht.de Der arme Harald kommt nicht ins Haus. Aber mit diesem Problem steht er nicht alleine da. www.smsvongesternnacht.de Hier ging allerdings noch mehr schief als nur der vergessene Schlüssel. Solche Sachen können passieren. www.smsvongesternnacht.de In der Trunkenheit verlieren so manche alle Hemmungen: Sie verrichten ihr Geschäft auf einem Möbelstück, weil sies nicht mehr zur Toilette schaffen (oder aus welchen Gründen auch immer). Sie verraten ... www.smsvongesternnacht.de ... um kurz vor vier endlich ihr wohlgehütetes Geheimnis. Sie zeigen ... www.smsvongesternnacht.de ... ihrer Mami mit einem romantisch formulierten SMS wie lieb sie sie haben. Sie geigen ... www.smsvongesternnacht.de ... ihrem Chef mal so richtig die Meinung (oder versuchen es zumindest). Sie trinken ... www.smsvongesternnacht.de ... Whiskey mit dem Papst und schauen ARD. Sie stolpern ... www.smsvongesternnacht.de ... und freuen sich darüber. Sie verlangen ... www.smsvongesternnacht.de ... dass man ihre Trunkenheit auf einer Skala bestimmt und erklären gerne, wie ihre Skala funktioniert. Sie haben ... www.smsvongesternnacht.de ... spezielle Extra-Wünsche und wollen, dass man sie ohne zu fragen einfach ausführt. Sie haben ... www.smsvongesternnacht.de ... manchmal das Gefühl in der Vergangenheit zu leben und verlangen mehr Getränke ... www.smsvongesternnacht.de ... und Essen. Sie sind offen für ... www.smsvongesternnacht.de ... neue Praktiken und sagen zu allem ja und Amen ohne zu überlegen. Sie lassen sich sogar ... www.smsvongesternnacht.de ... freiwillig eine neue Frisur verpassen, weil diese Idee im Moment die beste ist, die sie je hatten. Sie gratulieren ... www.smsvongesternnacht.de ... ihren Liebsten auch gerne zweimal am falschen Tag. Sie verlieren ... www.smsvongesternnacht.de ... ihre Schuhe, versuchen irgendwelche Menschen loszuwerden und ... www.smsvongesternnacht.de ... verstecken sich vor der Polizei. Sie sind ... www.smsvongesternnacht.de ... schlichtweg einfach nur hackedicht und wollen in diesem Zustand alles mit ihren Mitmenschen teilen. Ein Tipp von uns: Falls Sie mal einen über den Durst getrunken haben, legen Sie Ihr Handy ganz weit weg. www.smsvongesternnacht.de

Peinliche SMS-Vertipper.

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Wenn Schweizerinnen und Schweizer SMS schreiben, verwenden sie nur wenige englische Ausdrücke. Zudem sind die Anglizismen eher ein Zeichen höherer Bildung als ein Hinweis auf den Sprachzerfall, wie eine vom Schweizerischen Nationalfonds SNF geförderte Studie zeigt.

Englisch wird immer wichtiger, auch in der Schweiz. Sprachpuristen befürchten deshalb, dass Anglizismen in den Landessprachen überhand nehmen. Gemeinhin wird angenommen, dass englische Ausdrücke gerade bei jungen Menschen «in» sind, vor allem wenn sie neue, informelle Kommunikationsformen wie SMS verwenden. Dies ist jedoch nicht der Fall, wie Forschende um Elisabeth Stark vom Romanischen Seminar der Universität Zürich im Rahmen einer breit angelegten Untersuchung herausgefunden haben, der insgesamt 26'000 SMS zugrunde liegen.

Sehr selten englische Ausdrücke

So wurden je 4600 SMS von zumeist jungen Menschen aus der Deutsch- und der Westschweiz auf Anglizismen untersucht. Es zeigt sich, dass englische Ausdrücke sowohl in deutschen als auch in französischen SMS selten sind. Nur 3,16 Prozent (deutsch) respektive 2,34 Prozent (französisch) aller Wörter oder Wortteile waren englisch. Die meisten davon (deutsch: 2,57 Prozent, französisch: 1,76 Prozent) waren Entlehnungen wie «Computer», «Handy» oder «joggen/jogging», die längst Eingang in den Duden und den Grand Robert gefunden haben. Bloss 0,59 Prozent (deutsch) und 0,58 Prozent (französisch) waren «echte» englische Wörter. Am häufigsten benutzt werden dabei feste Begrüssungs- und Abschiedsformeln wie «Hi», «Love you» oder «Kisses».

«Es ist nicht so, dass die Jugend ihre SMS nur noch auf Englisch schreibt», sagt Elisabeth Stark. Zum Vergleich: Andere Untersuchungen zeigen, dass Anglizismen in der gesprochenen Sprache ebenfalls nur etwa 2 Prozent des benutzten Wortschatzes ausmachen. «Die Anglizismen sind da, aber sie bedrohen die einheimischen Sprachen nicht», folgert die Forscherin. Die Studie belegt sogar, dass Deutschschweizer SMS-Schreibende mit höherer Bildung eher Anglizismen benutzen. «Anglizismen sind eher ein Hinweis auf Bildung, nicht auf einen Zerfall der deutschen Sprache», sagt Stark. Im Französischen war der Einsatz von englischen Fremdelementen zu selten, um einen solchen Zusammenhang nachweisen zu können.

Überdurchschnittlich viele mehrsprachige SMS

Häufiger als ins Englische wechseln die Schweizer beim Schreiben von SMS in eine andere Landessprache oder zwischen Dialekt und Standard. Insgesamt sind rund 24 Prozent aller untersuchten Kurznachrichten mehrsprachig, enthalten also Fremdelemente wie im Satz «Sehen uns nächsten Mittwoch, je t'aime». Die Sprachwechsel sind dabei in Deutschschweizer SMS (28 Prozent) fast doppelt so häufig wie in französischen SMS (15 Prozent). Im rätoromanischen Datensatz enthalten sogar 53 Prozent aller SMS mindestens einen Sprachwechsel, in den italienischen SMS sind es 23 Prozent. «Verglichen mit ähnlichen SMS-Korpora aus dem Ausland sind diese Zahlen sehr hoch», sagt Stark. Die Mehrsprachigkeit der Schweiz macht sich also in den SMS bemerkbar.

Korrekte Orthographie

Die SMS-Schreibenden halten sich stark an die in der Schule erlernten Rechtschreibeprinzipien. Manche Forscher behaupten nämlich, dass diese ihre Kurznachrichten so tippen, wie sie sprechen, und dabei jeden einzelnen Buchstaben einzusparen versuchen. «Man könnte zum Beispiel ‹du komst› statt ‹du kommst› schreiben. Das wäre kürzer und würde gleich ausgesprochen», sagt Stark. Ihre Untersuchungen zeigen aber, dass solche Schreibweisen in den deutschsprachigen SMS, von denen über die Hälfte in einer alemannischen Mundart geschrieben sind, nur sehr selten vorkommen. Die Schweizerinnen und Schweizer legen also beim SMS-Schreiben die in der Schule gelernten Regeln nicht ab.

Quantitativ belegt ist dies für die französischsprachigen SMS. Auch hier setzt sich die korrekte Orthographie meist gegen die Verführung durch, Wörter abzukürzen. «Im Französischen gibt es viele unhörbare Endungen, die nur geschrieben werden», sagt Stark. Beim Satz «La voiture que j'ai achetée» (das Auto, das ich gekauft habe) hat das Partizip (achetée) orthographisch korrekt eine weibliche Endung (-e). Ausgesprochen würde das Wort aber gleich, wie wenn man schreiben würde «... acheté». Trotzdem seien in den SMS rund 90 Prozent dieser Fälle korrekt geschrieben, sagt Stark. Sie erklärt sich das damit, dass der Schreibprozess quasi automatisch abläuft. «Die Menschen denken beim Schreiben gar nicht daran, bei der grammatischen Information Zeichen zu sparen.»

SMS für die Forschung

Das internationale Forschungsprojekt sms4science erforscht die Kommunikation per SMS und versucht, die sprachlichen Merkmale der Kurznachrichten zu beschreiben. Für das Schweizer Teilprojekt luden die Forschenden im Jahr 2009 alle Handynutzerinnen und -nutzer in der Schweiz dazu ein, von versandten SMS eine Kopie an eine Gratisnummer zu schicken und im Internet einen anonymen Fragebogen auszufüllen. Insgesamt kamen so in der Schweiz rund 26'000 SMS zusammen: 18'000 auf Deutsch (davon etwa 7000 nicht im Dialekt), 4600 auf Französisch, 1500 auf Italienisch und 1100 auf Rätoromanisch. Beteiligt sind Forschende der Universitäten Zürich, Neuenburg und Bern sowie der Universität Leipzig.

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Schweizer Studenten legen also beim SMS-Schreiben die in der Schule gelernten Regeln nicht ab. Aber wie sieht es mit der restlichen Bevölkerung aus? Achten Sie auf die Rechtschreibung? Verraten Sie uns in der Umfrage, wie Ihre SMS aussehen >>

(kub/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • dr schweiz am 11.06.2013 16:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    au schwiizerdütsch verstönd d lüt!

    seid ihr wahnsinnig? ich schreibe nur noch im schweizer dialekt. alle meine kumpels verstehen mich ohne probleme! schweizerdeutsch gehört zu unserer kultur! ps: ich weiss, dass ich alles klein geschrieben habe!

  • Mundi am 11.06.2013 16:30 Report Diesen Beitrag melden

    Regeln gibt es auch für die Mundart!

    Schweizerdeutsch zu schreiben ist schon recht. Aber viele tun es nur, um ihre Schreibschwäche zu verbergen, weil sie meinen, man dürfe dann alles so schreiben, wie es einem gerade passt. Glaub's der Teufel kann man das dann nicht mehr lesen!

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  • S.C. am 11.06.2013 13:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hmm...

    also jeder sollte doch schreiben wie es ihm passt! und alle diese smileys gehören einfach zum text. sonst sähe das ja meega öde aus!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rosvita am 12.06.2013 10:49 Report Diesen Beitrag melden

    SMS-Schreiben

    Ich, 32 Jahre, achte darauf, dass meine SMS gut verständlich ist und es keine Missverständnisse geben kann. Ich denke nicht dass dies vom Alter abhängig ist, jeder darf so schreiben, wie er es für richtig hält;-)

  • KarinY am 12.06.2013 09:51 Report Diesen Beitrag melden

    Schweizerdeutsch

    Ich schreibe SMS auch im Dialekt, weil es einfach viel weniger Buchstaben sind. ;-) Ausserdem: schreiben wir alle im Dialekt, hat die NSA mehr zu tun, einen Algorithmus um dies zu entziffern.... :-D

    • Innerschwiizer am 12.06.2013 12:53 Report Diesen Beitrag melden

      wegen der NSA...

      ...würde ich sogar Rätoromanisch schreiben, wenn ich es denn könnte. Da ich mit meinen Freunden Schweizerdeutsch rede, schreibe ich auch SMS (teilweise E-mails) in meiner Muttersprache. Ich finde es auch immer wieder spannend, wie sich die Dialekte unterscheiden: "ich", "ech", "eg" oder "i"... Ich liebe unsere Sprache, die Vielfalt der Dialekte und finde es eigentlich schlimm, dass man darüber (wie man eine SMS zu schreiben hat) so einen Aufstand macht.

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  • Tinu am 12.06.2013 08:42 Report Diesen Beitrag melden

    Medienkompetenz fördern

    Mundart schreiben finde ich OK. Wichtiger ist, was und wie man schreibt. Viele haben keine Medienkompetenz und wissen nicht, wie man sich richtig verhält und das man sich und Andere schaden kann. Daher bin ich für eine förderung der Medienkompetenz und das schon bei jungen Leuten. Hier noch eine spannende Seite zu Medienkompetenz (nicht nur für Junge, auch für Eltern und Lehrpersonen interessant):

  • Roland Kämpe am 12.06.2013 08:18 Report Diesen Beitrag melden

    Mundart

    Ich kommuniziere grundsätzlich in Schweizerdeutsch und nur, wenn es sich nicht verhindern lässt (offizieller Schriftverkehr, Empfänger versteht möglicherweise kein Mundart, etc) in Hochdeutsch, Französisch oder Englisch. Anglizismen hingegen sind mir ein Gräuel, die kein Zeichen der Bildung sondern eines des fehlenden Vokabulars, der sprachlichen Eloquenz eines 13jährigen und des damit einhergehenden Unvermögens, sich auszudrücken sind.

  • Nina am 11.06.2013 22:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer mir im Dialekt schreibt...

    ... rutscht bei mir in die Kategorien "ungebildet" und "nicht ernst zu nehmen" ab. Fehler in der Orthographie stören mich viel weniger.

    • B.P. am 12.06.2013 09:02 Report Diesen Beitrag melden

      Ungebildet

      Orthographiefehler zeugen eher von ungebildet sein, als das Mundartschreiben. Man muss nur wissen, wann was angezeigt ist. SMS schreibe ich meinen Freunden meist in Mundart, ebenso kurze Mails an sie. An nicht so gut bekannte Personen bevorzuge ich Standardsprache, ebenso bei längeren Mail. Wir haben schon als Kinder unsere Briefchen im Dialekt geschrieben. Schon damals hiess es, die deutsche Sprache ist dem Untergang geweiht. Ich habe einen höheren Schulabschluss, bin der deutschen Sprache mächtig und kein Jugendlicher mehr, wäre gemäss Ihnen aber ungebildet.

    • Marco Eichenberger am 12.06.2013 09:13 Report Diesen Beitrag melden

      Einmal lachen bitte

      Phaha selten so gelacht. E-Mails und Briefe, klar schreibt man die in Schriftdeutsch. Aber SMS?! Wo leben wir hier bitte? Darf ich Sie auch als "ungebildet" und "nicht ernst zu nehmen" abstempeln, weil Sie im Alltag nicht Schriftdeutsch sprechen?

    • Leserin am 12.06.2013 09:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Wie bitte?

      So ein Seich was sie da schreiben. Jemanden "ungebildet" zu nennen weil er mit Freunden in Mundart schreibt ist mehr als dumm. wie kommunizieren sie denn im Alltag? Nur Hochdeutsch? Wo leben wir den? Schweiz?! Na also... Kommen sie mal runter sie "ober gebildeter" ,arroganter Mensch... Pfff

    • Omega am 12.06.2013 10:52 Report Diesen Beitrag melden

      Ganz komische Regelung

      Haha, wirklich unterste Schubalde. Wer schreibt seine SMS in Schriftdeutsch? 50+? Auf jeden Fall sollte man doch so schreiben, dass Gefühle und Emotionen, sowie der Inhalt verständlich vermittelt wird. Besser als in der Muttersprache, ist das wohl nicht möglich. Wenn bei Ihnen jemand als ungebildet gilt, dann leben Sie wohl in einer eigenen Welt.

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