Reliquienverehrung

10. April 2009 15:07; Akt: 10.04.2009 15:07 Print

Tempelritter hüteten das Grabtuch von Turin

Die Ritter des Templerordens hatten das Grabtuch von Turin im Mittelalter während mehr als 100 Jahren in ihrer Obhut. Dies behauptet eine Historikerin mit Berufung auf Geheimdokumente des Vatikans.

storybild

Das Grabtuch von Turin bei der letzten Präsentation im Jahr 2000. (Bild: Keystone/Antonio Calanni)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Das Grabtuch von Turin ist eine der meistverehrten und umstrittensten Reliquien des Christentums. Es zeigt das Abbild eines bärtigen Mannes, angeblich wurde Jesus von Nazareth nach seiner Kreuzigung darin begraben. Der erste Nachweis seiner Existenz datiert von 1357, als es in einer Kirche im Dorf Lirey in Frankreich erstmals gezeigt wurde. Zuvor soll es in Konstantinopel (heute Istanbul) verehrt worden sein, bis die Stadt 1204 im vierten Kreuzzug zerstört und geplündert wurde.

In den folgenden 150 Jahren verlor sich die Spur des Grabtuchs. Der britische Historiker Ian Wilson behauptete allerdings schon vor 30 Jahren, dass es in der Obhut des Templerordens war. Die Historikern Barbara Frale will nun die fehlenden Beweise dafür gefunden haben, erläuterte sie in einem Artikel für den «Osservatore Romano», die Tageszeitung des Vatikans. Sie sei 2003 im Geheimarchiv des Vatikans auf verschollene Akten des Prozesses gegen die Tempelritter gestossen, die 1307 wegen Ketzerei angeklagt worden waren.

Bei der Auswertung habe sie die Aussage des jungen französischen Adeligen Arnaut Sabbatier entdeckt, der 1287 in den Orden eingetreten war. Als Teil des Aufnahmeritus habe man ihm «ein langes Stück Leinenstoff mit dem Abbild eines Mannes» gezeigt und ihn angewiesen, ihm dreimal die Füsse zu küssen. Im Prozess war den Templern unter anderem vorgeworfen worden, sie würden das Bildnis eines «bärtigen Mannes» verehren. Barbara Frale glaubt, dass es sich dabei um das Grabtuch handelte.

Stoff für Verschwörungstheorien

Um die Tempelritter ranken sich viele Mysterien. Der Orden war zu Beginn des 12. Jahrhunderts gegründet worden, um Pilger auf dem Weg nach Jerusalem zu beschützen. Nach der Vertreibung aus dem Heiligen Land 1291 begann der Niedergang. König Philipp IV. von Frankreich hatte es auf die Reichtümer des Ordens abgesehen, er liess die Ritter unter anderem wegen Ketzerei und homosexuellen Handlungen anklagen. 1314 wurde der letzte Grossmeister Jacques de Molay auf dem Scheiterhaufen verbrannt, doch bis heute regen die Tempelritter die Phantasien von Verschwörungstheoretikern an, zuletzt etwa im Roman «Sakrileg» (The Da Vinci Code) von Dan Brown.

Gleiches gilt für das Grabtuch von Turin. 1988 ergab eine Radiokarbondatierung, dass es aus dem Mittelalter stammt und damit aus der Zeit der ersten gesicherten Erwähnung. Dieser Befund wird jedoch bis heute bestritten. Zum letzten Mal wurde das Tuch im Jahr 2000 öffentlich gezeigt. Im nächsten Jahr soll dies erneut der Fall sein.