30 Jahre nach Super-GAU

26. April 2016 09:47; Akt: 26.04.2016 09:47 Print

Tschernobyl-Katastrophe war nicht für alle schlecht

30 Jahre nach dem Super-GAU ist die Gegend um Tschernobyl zwar noch immer so gut wie menschenleer, dafür aber von Wildtieren bevölkert.

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Menschen sind in der Gegend um Tschernobyl kaum zugegen, dafür aber jede Menge Wildtiere. Neben Wildschweinen sind 30 Jahre nach dem Super-GAU auch Elche (im Bild), Hirsche und Rehe in der Schutzzone anzutreffen. Auch eine Herde Przewalski-Pferde sticht ins Auge. Sie sind Nachkommen einer Handvoll Pferde, die 1990 im Rahmen eines Experiments in das Sperrgebiet gebracht wurden. Inzwischen streifen rund einhundert von ihnen über die einstigen Felder. Wölfe kämen in der Region inzwischen sogar siebenmal häufiger vor als anderswo. Zu diesem Schluss kamen 2015 Forscher um Tatiana Deryabina vom Staatlichen Radioökologischen Reservat Polesie im weissrussischen Gomel. Wie sich die Radioaktivität auf die Tiere auswirkt, können die Forscher nicht sagen. Möglich sei sowohl, dass die Strahlung ihre Lebensdauer oder Fortpflanzung beeinträchtigt, als auch, dass die Tiere davon profitierten, wie es der Fall ist. Der Biowissenschaftler Tim Mousseau, er mit seinem Team seit Jahren die Artenvielfalt in Tschernobyl und neuerdings auch im japanischen Fukushima untersucht, zeigt sich wenig euphorisch: Von der Verstrahlung sei selbst der Ruf des Kuckucks betroffen. Radioaktivität hin oder her: «Die Daten zeigen, wie widerstandsfähig Wildtiere sind, wenn ihnen der Mensch nicht das Leben schwermacht», da sind sich verschiedene Forscherteams einig. Die Sperrzone liefere einen Eindruck, wie viele Wildtiere es heute in vielen Gegenden Europas geben würde, wenn der Mensch nicht wäre. Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Es war der erste nukleare Unfall, der auf der internationalen Bewertungsskala Ines mit dem Maximum von sieben Punkten eingestuft wurde. Das heute stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl wurde zwischen 1970 und 1983 erbaut. Dabei wurden vier der insgesamt sechs geplanten Reaktorblöcke fertiggestellt. Im AKW wurden graphitmoderierte Reaktoren des Typs RBMK-1000 eingesetzt, die gravierende Sicherheitsmängel aufwiesen. Gleichwohl galt das Kraftwerk in der Sowjetunion als Musteranlage. Am Anfang des Super-GAUs in Tschernobyl stand ein Experiment. Um festzustellen, wie viel Leistung der Generator nach der Abkopplung vom Netz und von der Dampfversorgung noch liefert, schaltete das Personal im Lenin-Kraftwerk am Abend des 25. Aprils 1986 die Sicherheitssysteme in Block 4 ab. Um 01.23 Uhr kam es zum Turbinenstillstand. Es entstand ein Hitzestau. Die Leistung des 1000-Megawatt-Reaktors stieg innerhalb von Sekunden plötzlich drastisch an, eine manuelle Notabschaltung war nicht mehr möglich. Dampf und Wasserstoff lösten gewaltige Explosionen aus und sprengten die tonnenschwere Abdeckplatte des Reaktorgebäudes weg. Der Reaktorkern schmolz und der Graphitmantel der Brennelemente fing Feuer. Eine Wolke aus radioaktiven Spaltprodukten wurde in die Luft geschleudert. Das Graphit-Feuer konnte neun Tage lang nicht gelöscht werden. Das freigesetzte radioaktive Material verstrahlte bis zu km² Fläche in der Ukraine, Weissrussland und Russland. Greenpeace schätzt, dass in den betroffenen Gebieten rund sieben Millionen Menschen lebten. Hunderttausende von Aufräumarbeitern, so genannte «Liquidatoren», mussten unter lebensgefährlichen Bedingungen den radioaktiven Schutt wegräumen. An den am stärksten verstrahlten Stellen wurden die Liquidatoren jeweils nur wenige Sekunden lang eingesetzt. Dennoch wurden viele von ihnen lebensbedrohlich verstrahlt. Ein Kraftwerksmitarbeiter zeigt im Jahr 2000 auf den Ort, wo 1986 der Reaktor explodierte. Verfestigter Schaum, Blei-Haufen und Bor-Pulver von Helikoptern aus abgeworfen, zeugen von den verzweifelten Versuchen, die nuklearen Prozesse im beschädigten Reaktor zu stoppen. Aus Helikoptern wurden neben Blei und Bor auch Dolomit, Sand und Lehm abgeworfen, um die Freisetzung von Spaltprodukten einzudämmen. Die dabei eingesetzten Helikopter stehen - zusammen mit anderen Fahrzeugen und Geräten - heute noch in der Sperrzone. Sie sind verstrahlt. Die Aufräumarbeiten dauerten drei Jahre. Arbeiter feierten im November 1986 vor Reaktorblock 4 die Errichtung der ersten Hülle des Sarkophags. Auf dem Banner steht: «Wir werden die Vorgabe der Regierung erfüllen!» Dieser erste Sarkophag hat seine Lebenserwartung bereits erreicht und ist brüchig geworden. Der zweite soll für mindestens 100 Jahre die Freisetzung von Strahlung verhindern. Er sollte 2014 fertig sein, allerdings verzögerte sich das Projekt wegen der Ukraine-Krise. Zudem fehlt das Geld. Von den rund innerhalb der ersten zehn Jahre. Um den Reaktor wurde eine Sperrzone errichtet. Nur vier Kilometer vom Reaktor entfernt lebten in der erst 1970 gegründeten Stadt Pripjat knapp Menschen. Einen Tag nach der Katastrophe befahlen die Behörden die Evakuierung der Industriestadt. Zunächst hiesses, es handle sich um eine reine Vorsichtsmassnahme; alles werde lediglich drei Tage dauern. Doch die Bewohner durften nie mehr zurückkehren. Die Strahlenbelastung war - und ist - zu hoch. Schritt für Schritt wurden später alle Anwohner im Umkreis von 30 Kilometern in Sicherheit gebracht. Aus Pripjat wurde eine Geisterstadt. Die kontaminierte Zone reichte weit bis nach Weissrussland hinein, das besonders schwer vom radioaktiven Fallout getroffen wurde. Die Kernschmelze in Tschernobyl und der Austritt von grossen Mengen Radioaktivität war ein Super-GAU, der über den GAU («Grösster anzunehmender Unfall») hinausgeht. Der GAU bezeichnet den schlimmsten beherrschbaren Störfall, für den das Kraftwerk ausgelegt ist. Auch im Westen hatte die Katastrophe Folgen: Die radioaktive Wolke kontaminierte grosse Gebiete in Skandinavien und Mitteleuropa. Hier wurde ein westdeutsches Auto an der ostdeutsch-polnischen Grenze dekontaminiert. Schwangeren und Kleinkindern unter zehn Jahren wurde geraten, auf Gemüse und Milch zu verzichten. Ein wegen der radioaktiven Wolke geschlossener Spielplatz in Wiesbaden. Der Super-GAU in dem sowjetischen AKW stärkte in der Folge die ökologischen und atomkritischen Bewegungen im Westen. Auch in der Schweiz erhielt die Anti-AKW-Bewegung Aufwind. Tschernobyl und die Sperrzone entwickeln sich immer mehr zu einer eigentlichen Touristenattraktion.

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Bären, Wölfe, Luchse und Elche – wer solche in Europa selten gewordene Tiere sehen möchte, kann nach Tschernobyl kommen. Denn in den 30 Jahren seit der Atomkatastrophe im Jahr 1986 hat die Natur die Todeszone zurückerobert. «Als die Menschen gingen, kam die Natur», kommentiert das Denis Wischnewski, der als Biologe im Sperrgebiet rund um den havarierten Reaktor arbeitet. Die 130'000 Menschen, die damals im Umkreis von 30 Kilometern um das Kernkraftwerk lebten, mussten ihre Häuser verlassen. Viele von ihnen wurden krank.

Und auch die Natur schien schwer getroffen: Zehn Quadratkilometer Kiefernwald starben ab, zahlreiche Vogelarten, Nagetiere und Insekten verschwanden. Nun aber nehme die Zahl der Tiere und die Artenvielfalt enorm zu, sagt Wischnewski. Und das trotz der nach wie vor hohen radioaktiven Belastung.

Entwicklung ungestört vom Menschen

«Die Radioaktivität bleibt und hat negative Folgen», erklärt der Wissenschaftler. Beispielsweise haben die Tiere in der Region weniger Nachkommen und sterben früher. «Aber diese negativen Folgen sind nicht so bedeutend wie die Tatsache, dass der Mensch nicht mehr eingreift», sagt er. Tatsächlich: Offiziell darf hier niemand mehr leben. Das Militär bewacht die Sperrzone. 300 meist ältere Bewohner sind dennoch in ihre Häuser zurückgekehrt. Doch Flora und Fauna scheinen diese wenigen nicht zu stören.

Anstelle des abgestorbenen Waldes ist ein neuer, gesunder gewachsen. Selten gewordene einheimische Tierarten wie die Luchse siedelten sich wieder an. Nur Tiere wie Weissstörche, Spatzen und Tauben, die von den Feldern und Abfällen der Menschen leben, sind nicht mehr zu sehen.

Stattdessen sticht eine Herde Przewalski-Pferde ins Auge. Sie sind Nachkommen einer Handvoll Pferde, die 1990 im Rahmen eines Experiments in das Sperrgebiet gebracht wurden. Und tatsächlich fasste die vom Aussterben bedrohte Rasse in der verstrahlten Zone Fuss. Inzwischen streifen rund einhundert von ihnen über die einstigen Felder.

Fatale Folgen

Wischnewski spricht von einer «Renaissance der Natur». Andere Wissenschaftler sind weniger euphorisch. «Natürlich breiten sich einige Tiere aus, wenn man ein Gebiet abschottet», sagt der Biowissenschaftler Tim Mousseau, der mit seinem Team seit Jahren die Artenvielfalt in Tschernobyl und neuerdings auch im japanischen Fukushima untersucht. Aber das dürfe nicht über die fatalen Folgen der Verstrahlung hinwegtäuschen, sagt er. «Selbst der Ruf des Kuckucks ist davon betroffen.»

Die Opfer von Tschernobyl
Für viele Menschen in der Region war der Super-GAU von Tschernobyl der Anfang vom Ende.

Auch die Forscherin Marina Schkwyrja vom Zoologischen Institut Schmalhausen in Kiew warnt davor, das Sperrgebiet als Naturreservat zu idealisieren. «Die Zone ist einzigartig, aber trotzdem nicht gerade ein Paradies für die Tiere», sagt sie. Dazu gebe es viel zu viele Pirschjäger, Wilderer und auch Touristen.

Biologe Wischnewski ist dennoch zuversichtlich. Wenn der Wald sich erst einmal über die verlassenen Felder ausbreite, würden sich Flora und Fauna noch weiter vervielfältigen, prophezeit er. «Diese Tiere sind vermutlich die einzige gute Folge der schrecklichen Katastrophe.»

Tschernobyl und die Schweiz
Auch für die Schweiz änderte sich nach dem 26. April 1986 einiges.


30 Jahre ist die grösste Katastrophe in der Geschichte der Kernenergie-Nutzung her. Doch die Folgen sind noch immer allgegenwärtig. (Video: Reuters)

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Luke am 26.04.2016 09:58 Report Diesen Beitrag melden

    Natur

    Ist ja klar, da wo der Mensch verschwunden ist, strahlen die Tiere vor Freude...

  • nancy am 26.04.2016 10:05 Report Diesen Beitrag melden

    Tja....

    Das Leben findet stets einen Weg, ob mit Menschen oder ohne.

  • Peter B. am 26.04.2016 10:52 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht so viele Tote

    13'000 von 800'000 Menschen starben in den ersten 10 Jahren. Das sind weniger als 2%. Ist das signifikant höher als bei anderen Menschen in ähnlichen Altersklassen?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ulrich Heimberg am 27.04.2016 19:23 Report Diesen Beitrag melden

    Schönrederei

    Man kann in allem das Gute suchen. Sogar im eigenen Ableben : ab da tut garantiert nichts mehr weh !

  • A.Spengler am 27.04.2016 04:23 Report Diesen Beitrag melden

    Tiere sterben alle

    Die Tiere haben so eine hohe Belastung , an Zelsium, das sie schon in wenigen Jahren aussterben

    • DonA am 27.04.2016 08:53 Report Diesen Beitrag melden

      Superman

      Zelsium aus Superman? Es sind 30 Jahre vorbei und Vorort ausgestorbene Tiere sind zurückgekommen

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  • Misantroph am 27.04.2016 00:01 Report Diesen Beitrag melden

    Tiere sind die besseren Menschen

    Immerhin an einem Ort gibt es Säugetiere, welche dem Planet Erde auch etwas bringen und nicht schaden. Anders als die ganze der Hybris verfallenen, egoistischen, oberflächlichen, widerlichen Gattung "Mensch".

  • Sami am 26.04.2016 20:33 Report Diesen Beitrag melden

    Und jetzt?

    Und was will dieser Artikel nun genau aussagen? Das doch nicht alles so schlimm war usw.? Ähm ja, die Photos von den Tieren sind ja ganz herzig, ändert aber nichts daran, dass das Gebiet noch auf hunderte von Jahren stark verstrahlt und unbewohnbar sein wird, genauso wie auch noch Generationen von Menschen an den Folgen leiden werden. Diese Tiere und Pflanzen dort sind übrigens auch stark verstrahlt. Wenn es an der Sache irgendwas positives gibt, dann, dass sich die Natur davon tatsächlich erholen kann, aber es ist und bleibt eine schlimme Katatstrophe mit weitreichenden Folgen.

  • Peter am 26.04.2016 16:51 Report Diesen Beitrag melden

    Was will man uns sagen?

    Was so uns dieser Artikel nun wirklich sagen? Das diese Katastrophe bei weitem nicht so schlimm war wie gedacht? Oder das wenn die Natur sich langsam erholt das man dann wieder Menschen in das Gebiet zurück siedelt? Das Gebiet ist für Jahrhunderte, oder noch viel länger, nicht bewohnbar. Die Tiere die in diesem Gebiet leben sind verstrahlt und können vom Menschen nicht verzehrt werden! Das einige positive sehe ich darin wie schnell sich die Natur wieder alles zurück erobert was vom Menschen verwüstet wurde.

    • Kerngesund am 26.04.2016 19:59 Report Diesen Beitrag melden

      Bitte???

      Stimmt, was ist schon der Sinn eines Tieres, wenn es nicht vom Menschen verspeist werden kann...

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