Radioaktivität

13. Februar 2015 13:28; Akt: 13.02.2015 13:28 Print

Tschernobyl droht bald wieder zu strahlen

Waldbrände lösen die in der Sperrzone gespeicherte Radioaktivität aus Laub und Boden. Der Wind verteilt die strahlenden Partikel über halb Europa.

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Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Es war der erste nukleare Unfall, der auf der internationalen Bewertungsskala INES mit dem Maximum von sieben Punkten eingestuft wurde. Das heute stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl wurde zwischen 1970 und 1983 erbaut. Dabei wurden vier der insgesamt sechs geplanten Reaktorblöcke fertiggestellt. Im AKW wurden graphitmoderierte Reaktoren des Typs RBMK-1000 eingesetzt, die gravierende Sicherheitsmängel aufwiesen. Gleichwohl galt das Kraftwerk in der Sowjetunion als Musteranlage. Am Anfang des Super-GAUs in Tschernobyl stand ein Experiment. Um festzustellen, wie viel Leistung der Generator nach der Abkopplung vom Netz und von der Dampfversorgung noch liefert, schaltet das Personal im Lenin-Kraftwerk am Abend des 25. April 1986 die Sicherheitssysteme in Block 4 ab. Um 01:23 Uhr kommt es zum Turbinenstillstand. Es entsteht ein Hitzestau. Die Leistung des 1000-Megawatt-Reaktors steigt innerhalb von Sekunden plötzlich drastisch an, eine manuelle Notabschaltung ist nicht mehr möglich. Dampf und Wasserstoff lösen gewaltige Explosionen aus und sprengen die tonnenschwere Abdeckplatte des Reaktorgebäudes weg. Der Reaktorkern schmilzt, und der Graphitmantel der Brennelemente fängt Feuer. Eine Wolke aus radioaktiven Spaltprodukten wird in die Luft geschleudert. Das Graphit-Feuer kann neun Tage lang nicht gelöscht werden. Das freigesetzte radioaktive Material verstrahlt bis zu km² Fläche in der Ukraine, Weissrussland und Russland. Greenpeace schätzt, dass in den betroffenen Gebieten rund sieben Millionen Menschen lebten. Hunderttausende von Aufräumarbeitern, so genannte «Liquidatoren», müssen unter lebensgefährlichen Bedingungen den radioaktiven Schutt wegräumen. An den am stärksten verstrahlten Stellen werden die Liquidatoren jeweils nur wenige Sekunden lang eingesetzt. Dennoch werden viele von ihnen lebensbedrohlich verstrahlt. Ein Kraftwerksmitarbeiter zeigt auf den Ort, wo 1986 der Reaktor explodierte. Verfestigter Schaum, Blei-Haufen und Bor-Pulver – von Helikoptern aus abgeworfen – zeugen heute noch von den verzweifelten Versuchen, die nuklearen Prozesse im beschädigten Reaktor zu stoppen. Aus Helikoptern wird neben Blei und Bor auch Dolomit, Sand und Lehm abgeworfen, um die Freisetzung von Spaltprodukten einzudämmen. Die dabei eingesetzten Helikopter stehen – zusammen mit anderen Fahrzeugen und Geräten – heute noch in der Sperrzone herum. Sie sind verstrahlt. Die Aufräumarbeiten dauern drei Jahre. Arbeiter feiern im November 1986 vor Reaktorblock 4 die Errichtung der ersten Hülle des Sarkophags. Auf dem Banner steht: «Wir werden die Vorgabe der Regierung erfüllen!» Dieser erste Sarkophag hat seine Lebenserwartung bereits erreicht und ist brüchig geworden. Der zweite soll für mindestens 100 Jahre die Freisetzung von Strahlung verhindern. Er wird aber frühestens 2014 fertig. Von den rund innerhalb der ersten zehn Jahre. Um den Reaktor wird eine Sperrzone errichtet. Nur vier Kilometer vom Reaktor entfernt leben in der erst 1970 gegründeten Stadt Pripjat knapp Menschen. Einen Tag nach der Katastrophe befehlen die Behörden die Evakuierung der Industriestadt. Zunächst heisst es, es handle sich um eine reine Vorsichtsmassnahme; alles werde lediglich drei Tage dauern. Doch die Bewohner dürfen nie mehr zurückkehren. Die Strahlenbelastung ist zu hoch. Schritt für Schritt werden später alle Anwohner im Umkreis von 30 Kilometern in Sicherheit gebracht. Aus Pripjat wird eine Geisterstadt. Die kontaminierte Zone reicht weit bis nach Weissrussland hinein, das besonders schwer vom radioaktiven Fallout getroffen wurde. Die Kernschmelze in Tschernobyl und der Austritt von grossen Mengen Radioaktivität ist ein Super-GAU, der über den GAU («Grösster anzunehmender Unfall») hinausgeht. Der GAU bezeichnet den schlimmsten beherrschbaren Störfall, für den das Kraftwerk ausgelegt ist. Auch im Westen hat die Katastrophe Folgen: Die radioaktive Wolke kontaminiert grosse Gebiete in Skandinavien und Mitteleuropa. Hier wird ein westdeutsches Auto an der ostdeutsch-polnischen Grenze dekontaminiert. Schwangere und Kleinkinder unter zehn Jahren wird geraten, auf Gemüse und Milch zu verzichten. Ein wegen der radioaktiven Wolke geschlossener Spielplatz in Wiesbaden. Der Super-GAU in dem sowjetischen AKW stärkt in der Folge die ökologischen und atomkritischen Bewegungen im Westen. Auch in der Schweiz nimmt die Anti-AKW-Bewegung einen starken Aufschwung. Tschernobyl und die Sperrzone entwickeln sich heute immer mehr zu einer eigentlichen Touristenattraktion.

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Als am 26. April 1986 der Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl explodierte, waren die Folgen gewaltig. So musste aufgrund der ausgetretenen Radioaktivität ein 3000 Quadratkilometer grosses Gebiet um die havarierte Anlage herum zur Sperrzone erklärt werden. Bis heute darf das mittlerweile weitgehend bewaldete Areal nur unter strengen Auflagen betreten werden.

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Und das laut Wissenschaftlern vom Norwegischen Institut für Atmosphärenforschung aus gutem Grund: Sie schätzen, das dort – in den oberen Bodenschichten und in altem Laub (siehe Box) – noch immer eine beträchtliche Menge an radioaktivem Material vorhanden ist. Das Problem: Es könnte durch Waldbrände freigesetzt werden.

Höchste Zeit, etwas zu ändern

Dass es Nikolaos Evangeliou und seinen Kollegen dabei nicht um Panikmache geht, sondern die Sorge berechtigt ist, zeigt ihre Studie. Dafür hatten sie die Satellitenaufnahmen der Feuer in den Jahren 2002, 2008 und 2010 mit Modellen der Luftströmungen und Messungen von radioaktivem Cäsium-137 in der näheren und weiteren Umgebung verglichen.

Die Auswertung ergab, dass die drei Brände tatsächlich radioaktives Cäsium freisetzten, das sich mithilfe des Windes bis nach Italien, Skandinavien und bis zur Türkei verteilte. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew haben die Brände bereits zu einem Anstieg der durchschnittlichen Strahlenbelastung von rund zehn Millisievert geführt– rund einem Prozent der erlaubten Jahresdosis, wie die Forscher im Fachjournal «Ecological Monographies» berichten. Zudem würden auch die Pflanzen und Waldpilze ausserhalb der Sperrzone wieder vermehrt Cäsium aufnehmen und anreichern. Auch so könnte das Gift zum Menschen gelangen.

Aufgrund der Ergebnisse rät das Team um Evangeliou zu überlegen, wie solch hochkontaminierte Gegenden in Zukunft besser vor Feuersbrünsten geschützt werden können. Aus ihrer Sicht drängt die Zeit. Denn weil in den verseuchten Wäldern weder totes Holz noch Laub entfernt wird, hat sich dort besonders viel leicht brennbares Material angereichert. Hinzu kommt, dass durch den Klimawandel die Region um Tschernobyl trockener wird und Hitzewellen häufiger werden dürften.

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • F u am 13.02.2015 13:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    umfragen

    Ist es so schwer ja nein oder mir egal als antwort zur ferfügung zu stellen? Was haben andere Akws mit den möglichen waldbränden zu tun?

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  • Zyniker am 13.02.2015 13:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehler

    Die früheren Waldbrände haben die mittlere Strahlenbelastung in Kiew um 10 MILLIsievert erhöht?! Wohl kaum, denn wenn 10 milliSv, wie im Text beschrieben, 1% der jährlichen Strahlungsdosis wäre, wäre diese Dosis ja 1000(!) milliSv. Diese Dosis erreicht man höchstens auf dem Kraftwerksgelände in Tschernobyl. Gemeint waren wohl 10 MICROsievert. Also 0.01 Millisievert.

  • Berner Bär am 13.02.2015 13:50 Report Diesen Beitrag melden

    Regen vergessen

    Interessant, so hat es in Tschernobyl wohl seit rund 30 Jahren noch nie geregnet und die RA in tiefere Bodenschichten geschwemmt?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Totalschaden am 14.02.2015 22:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Totsicher

    Bravo weiter so ! Nicht's gelernt

  • bu bu am 14.02.2015 20:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja ja

    Von mir aus könnte man in jedem Kanton noch 2 Neue AKWs bauen. Solange wir alle zusammen so viel Strom verschwenden brauchts die ja.

  • susi am 14.02.2015 18:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wir sind auf gutem Wege uns auszulöschen

    Der letzte Mensch, der von der Erde geht, soll bitte das Licht lösche.

  • LN am 14.02.2015 17:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schutzsarg

    In Tschernobyl muss bald der Realtorschutzmantel aus Stahl und Beton erneuert werden. Danach sollte die Strahlung wieder einigermaßen unter Kontrolle geraten. An diesem Stahlbeton-Sarg arbeitet man auch bereits seit einigen Jahren, sowie ich weiß in Frankreich

    • Jack am 14.02.2015 19:50 Report Diesen Beitrag melden

      Sarg

      Stimmt, problem ist nur, das AKW steht auf sumpfigen Untergrund, der neue Sarg ist so schwer, dass das ganze ins Grundwasser abzusinken droht.

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  • Strahler am 14.02.2015 13:24 Report Diesen Beitrag melden

    Kann mir jemand sagen warum?

    Hiroshima und Nagasaki wurden von Atombomben zerstört. Heute, nach nur 70 Jahren leben dort mehrere Millionen Menschen - und sie leben gut und lang. In Bad Gastein, Ramsar und Kerala herrschen natürliche Strahlungen, die alles übertreffen - und doch sind es seit Jahrhunderten beliebte Kurorte. Weltweit sind viele Kurorte genau diese, die über eine überdurchschnittliche Strahlenbelastung verfügen und sogar das Trinkwasser überdurchschnittlich belastet ist.

    • Einer der dort war am 14.02.2015 13:36 Report Diesen Beitrag melden

      @ Strahler

      Ganz einfach, weil es in Tschernobyl eine sehr starke Gruppierung gibt , die bewusst, und ohne halt in der lokalen Bevölkerung, jegliche Sanierung des Gebietes verhindern. Tschernobyl, als strahlende Angstfabrik ist eben eine sehr effiziente Spendenpumpe. Also quasi als "Beweis"für die Anti-AKW Bewegung konserviert wird.

    • simon am 14.02.2015 15:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Atombombe

      Das hat überhaupt nichts mit irgendwelchen gruppierungen zu tun ( grösstenteils jedenfalls), bei einer atombombe wird mit hilfe von Kernfusion eine Reaktion in gang gesetzt, die Hitze und Strahlung freisetzt. Das eigentlich verherende an der atombombe ist nicht die strahlung, die 'relativ gering' ist, sondern die enorme hitzedruckwelle, die sich nach dem einschlag ausbreitet und alles beinahe verdampfen lässt, bei tschernobyl jedoch wurden millionen tonnen an radioaktivem material freigesetzt...

    • Dani am 14.02.2015 17:38 Report Diesen Beitrag melden

      @simon

      Für "normale" Atombomben, wie sie z. B. über Nagasaki und Hiroshima abgeworfen wurden, wird keine Kernfusion, sondern eine Kernspaltung (wie die in Atomkraftwerken) genutzt. Erst bei den Wasserstoffbomben wurde erstmals die Kernfusion genutzt.

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