Planktonsterben

24. Dezember 2018 22:25; Akt: 24.12.2018 22:25 Print

«Uns bleiben 10 Jahre, um die Meere zu retten»

Während vor Kanada das Plankton um die Hälfte zurückgegangen ist, warnt ein schottischer Forscher vor dem Kollaps der Meere. Die Folgen wären dramatisch.

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Vor Neufundland und Labrador ist es seit 2014 zu einem dramatischen Rückgang des Planktons gekommen. Plankton ist die Grundlage der gesamten Nahrungskette der Ozeane. Zudem liefern die mikroskopisch kleinen Lebewesen 50 bis 80 Prozent des Sauerstoffs der Erdatmosphäre und beseitigen den Grossteil des Kohlendioxids. Doch die Verschmutzung der Meere setzt dem Plankton massiv zu. Laut dem schottischen Forscher Howard Dryden muss bis in zehn Jahren eine Wende vollbracht sein, da sonst das Ökosystem der Meere kollabieren werde. Sorgen um das Plankton machen sich auch die Forscher des Tara-Oceans-Projekts. Sie haben von 2012 bis 2015 35'000 Plankton-Proben aus den Ozeanen gesammelt, um zu erfahren, wie die winzigen Lebewesen die Umwelt beeinflussen und von ihr beeinflusst werden. Als Plankton werden jene Organismen bezeichnet, die im Wasser leben und deren Schwimmrichtung von den Wasserströmungen vorgegeben wird. Unterschieden wird zwischen Zooplankton (tierisches Plankton) und Phytoplankton (pflanzliches Plankton). Der Begriff Plankton stammt aus dem Griechischen und heisst so viel wie «Herumirrender». Einer dieser Herumirrenden ist ein parasitär lebender Flohkrebs der Gattung Phronima. Seine gallertartige Schale nutzt er als Schutzhülle. Im Mittelmeer zuhause ist dieser Sapphirina-Ruderfusskrebs. Auf seiner Haut sitzen winzige Plättchen, die Licht so reflektieren und brechen, dass er farbig schimmert. Im Indischen Ozean stiessen die Forscher auf die Kieselalge Lauderia annulata. Bei den grüngelben Partikeln handelt es sich um Chloroplasten. Manche Organismen sind nur zeitweise Plankton: Dieser Wurm hält sich nur zeitweise am Meeresboden auf. Für die Fortpflanzung steigt er jedoch auf und lässt sich durchs Wasser treiben. Noch keinen Namen hat hingegen dieser Geselle. Ihn fischten die Forscher aus dem Indischen Ozean. Auch winzige Medusen (Quallen) werden als Plankton bezeichnet. Die Wissenschaftler begnügten sich nicht nur damit, die verschiedenen Arten zu katalogisieren. Sie untersuchten auch die Interaktion zwischen den winzigen Organismen. Auf dieser Aufnahme versucht eine kleine Meduse einen ebenso winzigen Fisch zu fressen.

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Die kanadische Fischerei- und Meeresbehörde DFO hat in den Gewässern vor Neufundland und Labrador ein besorgniserregendes Planktonsterben festgestellt. Laut dem DFO-Forscher Pierre Pepin ist dort die gesamte Biomasse des Zooplanktons in den letzten drei bis vier Jahren um 50 Prozent zurückgegangen. Neben dem Absterben des Zooplanktons, also dem tierischen Plankton, hat Pepin auch einen Rückgang des Phytoplanktons, des pflanzlichen Planktons, festgestellt, wie Cbc.ca berichtet.

Plankton ist die Grundlage der gesamten Nahrungskette der Ozeane. Fische, Seevögel, Wale und Seehunde: Sie sind alle vom Plankton abhängig. Was der Rückgang bedeutet, veranschaulicht Pepin mit einem Vergleich: Es sei, als ob man in einen Lebensmittelladen gehe und alle Gestelle nur halbvoll wären. Er befürchtet, dass sich in der Nahrungskette der Ozeane etwas grundlegendes geändert hat.

Zuerst das Meer, dann das Land

Pepins Besorgnis teilt der schottische Meeresbiologe Howard Dryden. Er warnt in einem Bericht der Umweltorganisation Global Oceanic Environmental Survey, dass die Ozeane bis 2045 so vergiftet sein werden, dass innert fünf Jahren die meisten Fische, Vögel und Meeressäuger aussterben werden. Das hätte laut Dryden auch für das Leben an Land verheerende Folgen.

«Wenn wir es zulassen, dass das Ökosystem der Meere zerstört wird, wird auch das Ökosystem auf dem Festland wenige Jahre später versagen», sagte Dryden zu Express.co.uk. «Uns bleiben nur etwa 10 Jahre um eine Wende herbeizuführen und nicht nur Plastik zu eliminieren, sondern auch giftige Chemikalien wie sie in tausenden Produkten von Lippenstift bis Sonnencremes enthalten ist.» Schaffe man das nicht, werde es zu einem Kollaps des gesamten marinen Ökosystems kommen.

Giftige Chemikalien

Dryden hält fest, dass nicht in erster Linie die Industrie für das Planktonsterben verantwortlich ist, sondern die Menschen, die Kosmetik und andere Produkte verwenden, die voll von giftigen Chemikalien sind. Dazu gehört Oxybenzon, das sich nicht im Wasser löst, sondern sich an kleinere Objekte wie Plankton heftet, dieses langsam tötet und andere Organismen, die sich von Plankton ernähren, vergiftet.

Die Gefahr für das marine Leben, die von Oxybenzon ausgeht, hat unter anderem auch der US-Bundesstaat Hawaii erkannt. Dort ist der Einsatz der Verbindung in Sonnencremes ab dem 1. Januar 2021 verboten. Darüber hinaus fordert Dryden bis 2020 ein Verbot, Holz zu verfeuern, ein umfassendes Verbot von Einwegplastik und ein Geräte-Recycling ohne Schadstoffemissionen. Zudem müssten bis 2030 alle Industrien frei von giftigen Abfällen sein.

Nur wenn das alles erreicht werde, könnten sich die Meere bis 2050 erholen, so Dryden. Gelingt das nicht, sieht er schwarz. «Um es unverblümt zu sagen: Wenn wir nichts unternehmen, um die Situation zu verbessern, sind wir geliefert.»

Wichtigster Sauerstofflieferant

Der Verlust des Planktons hätte nicht nur wegen des Ausfalls einer wichtigen Nahrungsquelle im Meer dramatische Folgen. Denn Phytoplankton produziert auch 50 bis 80 Prozent des Sauerstoffs der Erdatmosphäre und beseitigt den Grossteil des Kohlendioxids. Dass das Plankton durch den Einfluss des Menschen seit den 1950er-Jahren weltweit um über 40 Prozent zurückgegangen ist, ist für Dryden denn auch einer der Hauptgründe für den Klimawandel. Vor diesem Hintergrund erscheint das verstärkte Planktonsterben vor Neufundland und Labrador noch dramatischer.

(jcg)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • aseiiron am 24.12.2018 22:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    die menschliche gier

    es muss sich etwas in der politik tun, sowie in der erziehung und dem handeln der menschen. solange wir alles wollen und alles sofort bekommen was wir wollen, wird sich jedoch nichts daran ändern. die globale wirtschaft ist schuld daran.

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  • Mad am 24.12.2018 22:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geld kann man nicht essen

    Wir werden nie verstehen das das Leben wichtiger ist als das Geld und das wird den Ast auf dem wir sitzen zum bersten bringen. Der Virus Mensch kann und will das nicht verstehen. Schöne Weihnachten und ich hoffe meine Tochter kann sagen doch die Menschheit hat es Gott sei Dank doch noch verstanden.

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  • Renate am 24.12.2018 22:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    10 Jahre...

    Wenn das so weiter geht sehen wir düsteren Zeiten entgegen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Grunzi am 25.12.2018 21:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Gier verhindert das

    Dir Reuchen so mächtig das die Politiker die anderen nur anlügen wo es geht. Das klappt nicht weil die Gier nach mehr Geld zu gross ist Der Mensch ist auf der Welt überflüssig

  • huschmie am 25.12.2018 20:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Neue Erkenntnisse?

    Bis jetzt wurde diesem Thema zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Wenn das alles stimmt, muss der Fokus dahin verlegt werden. Widersprüchliche Theorien verleiten oft dazu, nichts zu tun.

  • bärner Bär am 25.12.2018 20:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dann

    merken auch die reichen das man Geld nicht essen kann.... Für die Welt wäre es ein segen, würde die Menschheit ausgerottet.... Die Natur wird sich regeneratieren...

  • Normalo am 25.12.2018 19:53 Report Diesen Beitrag melden

    Messmethoden?

    Würde gerne wissen wie die das gemessen haben. Plankton tritt nicht überall gleichmässig auf, Wetter, Tageszeit, Mond abhängig. Geschweige denn wenn man willkürlich Proben rund um Kanada sammelt. Hat man Glück ist das Gläschen voll, an der gleichen Stelle findet man 2 Tage später vielleicht gar nichts mehr. Belassen wir es doch bei "kein Gift und kein Plastik für die Meere" ohne wieder mit waagen Studien drohen zu müssen...

  • Washington am 25.12.2018 19:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade für die dumme Menschheit

    Erst wenn viele Menschen sterben wird das Problem wahrgenommen und wir ändert uns. Schade, aber wir Menschen verdienen nichts besseres. Niemand ist bereit zu verzichten. Materielle Menschen kaufen zu viele Güter und die meisten Weltverbesserer lieben es zu reisen, was genau so schädlich ist für die Natur. Ich bin nicht besorgt wegen der Natur, sie wird sich erholen über tausende von Jahren, aber wir Menschen werden wohl in 500 Jahren nicht mehr existieren.

    • Delaware am 25.12.2018 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Washington

      Das geht keine 500 Jahre mehr - 10% (also 50) sind da durchaus realistischer wenn das so weitergeht.

    • huschmie am 25.12.2018 20:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Washington / keine Urenkel

      Nicht in 500 sondern schon in 100 Jahren. Urenkel wird es keine geben.

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