Ruthenium-106

29. November 2017 22:06; Akt: 30.11.2017 06:55 Print

Verschweigt Russland erneut einen Atom-Unfall?

Die im Oktober über Europa gemessene erhöhte Radioaktivität könnte aus der kerntechnischen Anlage Majak stammen, wo sich 1957 ein Atom-GAU ereignete.

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In weiten Teilen Europas ist Anfang Oktober 2017 der radioaktive Stoff Ruthenium-106 nachgewiesen worden, der in der Natur nicht vorkommt. Die Messstation bei Cadenazzo (TI) konnte den Stoff auch im Tessin nachweisen. Im Zeitraum vom 2. bis 3. Oktober wurden dort 1900 Microbecquerel pro Kubikmeter gemessen. Eine Gefahr für die Gesundheit hat gemäss BAG jedoch zu keinem Zeitpunkt bestanden. Woher die radioaktive Substanz genau stammt, ist nach wie vor unklar. Experten des deutschen Bundesamts für Strahlenschutz (BFS) gingen jedoch schon früh davon aus, dass sie ursprünglich in der letzten Septemberwoche in Osteuropa freigesetzt wurde, vermutlich im Südural (Bild). Der russische Wetterdienst bestätigte die Vermutungen bald darauf. Demnach wurde die höchste Ruthenium-106-Konzentration in der Messstation Argajasch gemessen, die sich im südlichen Ural – und nur 30 Kilometer von der kerntechnischen Anlage Majak entfernt – befindet. Aufgrund dieser Nähe ... ... hat sich Physiker Simon Proud Satellitenbilder von der Region vorgeknöpft und miteinander verglichen. Dabei stiess er auf Unterschiede: Dort, wo im August noch ein helles Dach zu sehen war, zeigte sich im Oktober ein deutlich dunklerer Bereich. Zwar kommen mehrere Erklärungen für den vermuteten Verlust des Daches in Frage, aber die beiden Vorkommnisse – der Dachverlust und die erhöhten Ruthenium-106-Werte – könnten im Zusammenhang stehen. Es sei laut Proud ein guter Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen. Es ist nicht das erste Mal, dass die kerntechnische Anlage von Majak ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerät. (Im Bild: die Arbeiterstadt Osjorsj im Südural nahe Majak) Den ersten Hinweis auf die Vergangenheit der Region bekommt man bereits am Stadteingang Osjorks. Tatsächlich dürfen Besucher bis heute nur auf Einladung und mit Genehmigung einreisen. Wer spontan rein möchte, wird von elektrischen Zäunen und Soldaten gestoppt. Der Grund dafür liegt weit in der Vergangenheit – als Osjorsk noch Tscheljabinsk-40 hiess. Gegründet wurde die Stadt 1946 als Reaktion auf die beiden Atombomben, die die Amerikaner im Jahr zuvor auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatten. Die Vorkommnisse hatten die Sowjets eiskalt erwischt, weil ihr Atomprogramm weit weniger fortgeschritten war. (Im Bild: Atombombe über Hiroshima) Ein Unding, befand der sowjetische Diktator Josef Stalin. Und er befahl, nachzuziehen. Im Ural liess er gleich mehrere Rüstungsstädte errichten. Tscheljabinsk-40 war eine davon. Dafür wurde extra ein Gebiet von 980 Quadratkilometern zur Sperrzone erklärt. Abgeschottet von der Aussenwelt, arbeiteten dort Forscher um Atomphysiker Igor Kurtschatow rund um die Uhr an der Entwicklung der ersten sowjetischen Atombombe. Dreh- und Angelpunkt war jedoch die Anlage Majak in der Nähe von Osjorsk, in der waffenfähiges Plutonium hergestellt wurde. Die Geheimhaltung funktionierte so gut, dass sogar ein Atomunfall – der sogenannte Kyschtym-Unfall – mehrere Jahrzehnte vor der ganzen Welt verheimlicht werden konnte. Nach einer Panne des Kühlsystems explodierten am 29. September 1957 80 Tonnen hochradioaktiver Abfall. Dabei wurde nach heutigem Wissensstand mehr atomare Strahlung freigesetzt als beim GAU von Tschernobyl. (Im Bild: der havarierte Reaktor von Tschernobyl) 270'000 Menschen wurden verstrahlt, Zehntausende in aller Eile evakuiert. Insgesamt 22 Dörfer mussten dem Erdboden gleichgemacht werden. Die radioaktive Wolke bedeckte damals 23'000 Quadratkilometer und damit eine Fläche, die halb so gross wie die Schweiz ist. Doch das alles wurde verschwiegen. Zwar wurden in den 1970er-Jahren vom sowjetischen Biochemiker und Dissidenten Schores Medwedjew erstmals Vermutungen geäussert, doch Glauben schenken wollte ihm niemand. Stattdessen landete er zeitweise in einer psychiatrischen Klinik. So wurde erst 1989 im Rahmen von Glasnost offiziell bekannt, was 32 Jahre vertuscht worden war. Die Sowjetunion, in der Michail Gorbatschows Perestroika zu mehr Offenheit auch in solchen Dingen geführt hatte, informierte die Internationale Atomenergieagentur über die Katastrophe ... ... und das ganze Ausmass, an dessen Folgen Menschen, Tiere und Natur in der Region noch heute leiden.

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Nachdem Anfang Oktober erhöhte Ruthenium-106-Werte über Europa festgestellt worden waren, vermuteten Experten die Quelle des radioaktiven Stoffes in Russland. Der russische Wetterdienst bestätigte dies kurze Zeit später, allerdings ohne den genauen Ursprung zu nennen.

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Diesen hat nun möglicherweise Simon Proud von der University of Oxford mithilfe von Satellitenbildern entdeckt.

Der Kernanlage fehlt plötzlich ein Dach

Der Physiker verglich jene Aufnahmen, welche die kerntechnische Anlage Majak zeigen. Dort hatte sich 1957 ein Atomunfall ereignet, der nach heutigem Wissensstand schwerwiegender als der von Tschernobyl war (siehe Bildstrecke). Und dort vermuteten manche Fachleute auch die Quelle des rätselhaften Rutheniums-106.

Die Auswertung der Aufnahmen, die von dem europäischen Satelliten Sentinel 2 zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgenommen wurden, förderte Unterschiede zutage: Dort, wo im August noch ein helles Dach zu sehen war, zeigte sich im Oktober ein deutlich dunklerer Bereich. «Das Lagerhaus scheint einen Teil seines Daches verloren zu haben», kommentiert Proud seinen Post auf Twitter.



Mehrere Erklärungen möglich

Als Erklärung für die Auffälligkeit kommen verschiedene Szenarien in Frage, gibt der Physiker zu. So könnten in Majak beispielsweise Bau- oder Umbauarbeiten stattfinden. Dass es sich beim verdunkelten Dach um den Schatten einer Wolke handelt, wie Skeptiker meinen könnten, hält Proud laut Spiegel.de aber für ausgeschlossen. Schliesslich wurde die Veränderung auf verschiedenen Bildern bei unterschiedlichen Wetterverhältnissen festgestellt.

Eine weitere Erklärung: Die beiden Vorkommnisse – der Verlust des Daches und die erhöhten Ruthenium-106-Werte – könnten im Zusammenhang stehen. Allerdings sei es unmöglich, das «mithilfe der Satellitenbilder sicher zu sagen», so Proud. Doch es sei ein guter Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen.

Dass an Prouds Vermutung etwas dran sein könnte, zeigen auch die Ausführungen des russischen Wetterdienstes. Demnach wurde die höchste Konzentration des radioaktiven Stoffes in der Messstation Argajasch, einem Dorf in der Region Tscheljabinsk im südlichen Ural an der Grenze zu Kasachstan gemessen, die nur 30 Kilometer von Majak entfernt ist.

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jandra am 30.11.2017 00:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Haupsache ignorieren

    In ein paar Jahren wieder paar viele Krebsfàlle mehr und niemand erinnert sich zurück.

    einklappen einklappen
  • Alberta Einstein am 29.11.2017 23:17 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist die Frage

    Put in, put out.

    einklappen einklappen
  • Karl Lager am 30.11.2017 11:21 Report Diesen Beitrag melden

    Macht Angst...

    Radioaktivität macht mir zwar Angst, aber noch schlimmer finde ich, dass wir systematisch mit Glyphosat vergiftet werden und weder die EU- noch die Schweizer Politiker sich genötigt fühlen, etwas zu unternehmen. Stattdessen beugen sie sich dem Druck der Lobby und lassen es einfach weiter zu.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Teller Rand am 01.12.2017 19:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Doku

    Unglaublich wiviele Experten hier rumlaufe. Wahrscheinlich irgendwo einen Artikel gelesen oder eine Doku geseh und jetzt natürlich sofort dieses wertvolle Wissen hier weitergeben...

  • Felix Bühler am 01.12.2017 17:33 Report Diesen Beitrag melden

    Norwegen wird nicht erwähnt!

    In Norwegen ist aus einem Labor auch Radioaktivität in die Umwelt gelangt, nur schreibt niemand darüber, ist ja Norwegen und nicht Russland. Dabei könnte die gesamte Menge aus dem Versuchslabor in Norwegen stammen. Wäre aber weitaus peinlicher als über Russland zu schreiben.

  • ETH-ler am 01.12.2017 16:02 Report Diesen Beitrag melden

    Toll ist das nicht, aber

    Allein radioaktives Kalium in einem Menschen strahlt mit einer Intensität von ca. 70 Bq/kg. Das ist 37'000 mal mehr, als der in Cadenazzo gemessene Anstieg. In anderen Worten: Nein, man bekommt deswegen keinen Krebs.

  • Karl Lager am 30.11.2017 11:21 Report Diesen Beitrag melden

    Macht Angst...

    Radioaktivität macht mir zwar Angst, aber noch schlimmer finde ich, dass wir systematisch mit Glyphosat vergiftet werden und weder die EU- noch die Schweizer Politiker sich genötigt fühlen, etwas zu unternehmen. Stattdessen beugen sie sich dem Druck der Lobby und lassen es einfach weiter zu.

  • bebbeli am 30.11.2017 11:19 Report Diesen Beitrag melden

    1957

    De Unfall im Jahr 1957 in Russland wurde nur in einigen Wissenschafts-Heften erwähnt. Wir 'Alten' hatten damals Angst um unsere ungeborenen Kinder. Diese Angst vor Atomverstrahlung bleibt.