Teil 2

04. März 2009 15:40; Akt: 23.03.2009 01:16 Print

Vom Landigeist zur Mundartwelle

von Daniel Huber -

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Der Trend zum Hochdeutschen wird gestoppt

Unbestritten ist indes, dass es nach dem Ersten Weltkrieg ein Ressentiment gegenüber den Deutschen war, das den erwähnten Trend zur Hochsprache abrupt beendete. Der verlorene Krieg zog gewissermassen auch die linguistische Attraktivität des Reichs in Mitleidenschaft. Noch stärker trat die Abwehrhaltung gegenüber dem nördlichen Nachbarn dann während der «Geistigen Landesverteidigung» gegen das Nazi-Regime zutage. Der «Landi-Geist» in seiner entschlossenen Hinwendung zu allem Ruralen, Bäuerlichen nahm auch den Dialekt in die Pflicht. Das «urchige» Idiom diente zur Abgrenzung und stiftete so zugleich Identität. Auch im Film: In den Dialektfilmen der Dreissigerjahre kündigte sich bereits an, was während des Krieges (z.B. «Landammann Stauffacher», 1941) überdeutlich wurde: Die Schweizer Mundart, zumal die Urschweizer Spielart, war «die Sprache des selbstbewussten, alles Fremde entschieden zurückweisenden Widerstands», wie Werner Wider in seinem Werk «Der Schweizer Film 1929-1964» schreibt.

Auch später, im Kalten Krieg, wärmte der Dialekt — zum Beispiel in den Gotthelf-Verfilmungen von Franz Schnyder — die Deutschschweizer Seele. Hier war es die Berner Mundart, die positiv besetzte Ländlichkeit transportierte, während der Basler Dialekt fast durchgehend zur Kennzeichnung von charakterlich bedenklichen Figuren hinzugezogen wurde.

Dialektwelle in den Medien

Mitte der Sechzigerjahre ebbte die Dialektwelle im Schweizer Film zunächst ab. Mundart galt nun vorläufig als suspekt; erst im Dokumentarfilm der Siebzigerjahre kehrte sie zurück. Auch in den anderen Medien gewann der Dialekt zusehends an Terrain: In Radio und Fernsehen wird heute bedeutend mehr Mundart gesprochen als früher. Private TV- und Radiosender bildeten bei dieser Entwicklung die Speerspitze; sie bestreiten ihr gesamtes Programm in aller Regel auf Schweizerdeutsch. Dies gilt auch für Unterhaltungsprogramme des Schweizer Fernsehens. Sogar in der seit 1990 ausgestrahlten Nachrichtensendung «10vor10» des Schweizer Fernsehens, in der die Moderation auf Hochdeutsch abläuft, wird bei Interviews Schweizerdeutsch gesprochen.

Ein weiteres Beispiel ist die 1992 erstmals produzierte Wettersendung «Meteo»: Mit dem Bauernsterben verlor der Wetterbericht an Gewicht und wurde immer mehr mit Show-Elementen angereichert. Seit Ende 2005 werden alle vier Ausgaben in Mundart ausgestrahlt. Dies führte sogar zu einer — erfolglosen — Eingabe an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI). Die Tendenz zum Dialekt setzt sich in den neuen Medien fort: Immer mehr Mails werden in Mundart geschrieben, und dies gilt noch viel mehr für Beiträge in Foren und Chatrooms. Auch der SMS-Verkehr dürfte ganz überwiegend auf Schweizerdeutsch ablaufen.

Der Dialekt lebt, die Dialekte sterben aus

Nach all dem ist der Befund klar: Schweizerdeutsch stirbt mitnichten aus, es befindet sich auf dem Vormarsch. Nach dem unerwartet schlechten Abschneiden der Schweizer Schüler im internationalen Pisa-Test 2000 — die Schweiz lag beim Leseverständnis auf Rang 18 von 30 Teilnehmerstaaten — wurden gar Rufe laut, die Dialektschwemme bedrohe die hochsprachlichen Fähigkeiten der Eidgenossen.

Allerdings droht der Mundart eine ganz andere Gefahr: Der Dialekt lebt, aber die Dialekte sterben aus. Die zahllosen verschiedenen Dialekte und Zungenschläge der deutschen Schweiz — die sich beispielsweise im Chochichästli-Orakel verorten lassen — fliessen langsam in einer Art gemein-schweizerdeutscher Verkehrssprache zusammen, die sich in zwei Hauptvarietäten teilt: Einer kleineren, stärker in sich geschlossenen Bern-zentrierten Variante steht eine weiter verbreitete, weniger klar umrissene Spielart gegenüber, die ihr Zentrum in Zürich hat.

Diese neueren Verkehrssprachen klingen zwar nach wie vor Schweizerdeutsch; in Wortschatz und Syntax aber nähern sie sich immer mehr dem Hochdeutschen an. Die Mundart siegt sich zu Tode.

Teil 1: Schwizerdütsch siegt sich zu Tode

Wie sehen Sie die Zukunft des Schweizerdeutschen? Sollten wir wieder mehr Hochdeutsch sprechen und schreiben?

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dagmar Bertram am 25.03.2009 15:38 Report Diesen Beitrag melden

    Dialekt

    Ich bin Deutsche, ich verlange aber von keinem Schweizer das er für mich Hochdeutsch redet. Wenn ich etwas nicht verstehe kann ich nachfragen. Ich lebe hier also muss ich mich anpassen.

  • Suomenlinna am 09.04.2010 16:09 Report Diesen Beitrag melden

    BEIDES

    Schweizerdeutsch ist für uns identitätsstiftend. Es ist wichtig, dass wir der nächsten Generation einen gutgesprochenen Dialekt weitergeben. Wie im Artikel erwähnt, ist nicht Hochdeutsch die Gefahr, sondern das "TV-Schweizerdeutsch", welches manche Kleinen schon sprechen. Heute wissen Kinder nicht mehr was eine "Sägiss" oder ein "Chrättli" ist. Ich bin 24 und wir sind noch mit einem viel reicheren Dialekt aufgewachsen. Es ist aber auch wichtig, ein schneidiges Hochdeutsch zu beherrschen und vorallem keine Komplexe im Umgang mit Deutschen zu haben. Wir sind eben Schweizer und können beides:)

  • Bernhard Furrer am 23.03.2009 02:24 Report Diesen Beitrag melden

    Hoch- oder schweizerdeutsch "müssen"

    Mit Harmos ab drei Jahren werden unsere Dialekte sowieso nicht mehr zuhause erlernt. Money, ist in. Kinder sind nur noch zu Zulagen- und Steuerabzügen erwünscht. Werden in Zukunft nur noch in Gratiskinderkrippen und Schulen aufwachsen. Wo sollte dann noch ein regionaler Dialekt wünschenswert sein?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Suomenlinna am 09.04.2010 16:09 Report Diesen Beitrag melden

    BEIDES

    Schweizerdeutsch ist für uns identitätsstiftend. Es ist wichtig, dass wir der nächsten Generation einen gutgesprochenen Dialekt weitergeben. Wie im Artikel erwähnt, ist nicht Hochdeutsch die Gefahr, sondern das "TV-Schweizerdeutsch", welches manche Kleinen schon sprechen. Heute wissen Kinder nicht mehr was eine "Sägiss" oder ein "Chrättli" ist. Ich bin 24 und wir sind noch mit einem viel reicheren Dialekt aufgewachsen. Es ist aber auch wichtig, ein schneidiges Hochdeutsch zu beherrschen und vorallem keine Komplexe im Umgang mit Deutschen zu haben. Wir sind eben Schweizer und können beides:)

  • Victor Egger am 29.10.2009 11:07 Report Diesen Beitrag melden

    Dialekt und Hochsprache

    In einer Nachrichtensendung wie 10 vor 10 sollte der Verständlichkeit halber schriftdeutsch gesprochen werden. Befremdend ist es, wenn Uni-Professoren bei Interviews sich nicht einmal geläufig auf Deutsch äussern können; am Katheder müssen sie das ja auch -mit einem Manuskript vor sich.

  • Tina111 am 29.10.2009 11:03 Report Diesen Beitrag melden

    Identitätskrise?

    In Thüringerin geboren und aufgewachsen ich weiss, was Dialekt ist. Dann in Norddeutschland gelebt und nur noch Hochdeutsch gesprochen, damit keiner merkt, wo ich herkomme. Jetzt in der Schweiz, kann ich keinen Dialekt mehr sprechen, weil ich mir dies einfach krampfhaft abgewöhnt habe. Hilfe... :-)

  • Ollie am 29.10.2009 10:37 Report Diesen Beitrag melden

    Auch Schweizer haben Probleme...

    ... mit Schwiizerdüütsch. Nämlich die West-Schweizer. Sie lernen in der Schule Hochdeutsch und fühlen sich ausgegrenzt, wenn die Kollegen in der Deutschschweiz nur Mundart sprechen. Im übrigen sprechen Schweizer gerne Hochdeutsch, wenn sie mit Ausländern (nicht aus D!) reden.

  • Jürg Meili am 29.10.2009 09:05 Report Diesen Beitrag melden

    Dialekt ja, ohne aber...

    @ Mauricio: weshalb denn soll aufgrund einer Zweitaustrahlung in 3sat auf Dialekt verzichtet werden??? Schaut eh keiner und Untertitel sind da doch prima, damit die wenigen, die es sehen, auch merken, dass da was anders ist... Alles andere ist Anbiederei!