Myteriös

07. Juni 2019 21:51; Akt: 07.06.2019 21:51 Print

Warum sterben zurzeit so viele Grauwale?

von Fee Riebeling - Tote Grauwale in den USA geben Rätsel auf. Das Massensterben scheint mit dem Tod Tausender Seevögel in 15'000 Kilometern Entfernung zu tun zu haben.

Bildstrecke im Grossformat »
Von Januar bis Ende Mai sind rund 70 tote Grauwale an die Küsten von Kalifornien, Oregon, Washington und Alaska gespült worden. Dies sei die höchste Zahl seit dem Jahr 2000, als ein ähnlich grosses Sterben der bis zu 15 Meter langen Tiere beobachtet wurde. Die Ursachen für den «ungewöhnlichen Sterblichkeitsvorfall» in diesem Jahr sollen untersucht werden. Mögliche Todesursachen sind Unterernährung und ... ... Zusammenstösse mit Schiffen. Am wahrscheinlichsten ist aber eine andere Ursache. Nach Angaben der Biologen befinden sich viele Wale in einem geschwächten Zustand, der mit einer schlechteren Nahrungsversorgung in den arktischen Gewässern – konkret im Beringmeer – zusammenhängen dürfte. Grauwale ernähren sich in erster Linie von Flohkrebsen, zur Not aber auch von anderen kleinen Meerestieren wie Krillkrebsen, Schwebegarnelen und Heringslarven. Die Wissenschaftler haben angekündigt, unter anderem die Auswirkungen der Meereserwärmung auf die Nahrungsversorgung prüfen zu wollen. Der Bestand der Grauwale ist auf etwa 27'000 Tiere geschrumpft. Die Wale sind jedoch nicht die einzigen Tiere, die offenbar wegen fehlender Nahrung im Beringmeer zugrunde gehen. Wie Forscher von der University of Washington berichten, sind in der Region zuletzt Tausende Seevögel verhungert. Alle wiesen deutliche Anzeichen von Unterernährung auf. Konkret handelte es sich dabei um Gelbschopflunde und ... ... um Schopfalken, die beide zu den Alkenvögeln gehören, die im Meer nach Nahrung tauchen. Die Wissenschaftler vermuten, dass das Massensterben der Vögel – ebenso wie das der Wale – mit dem 2018 dokumentierten Anstieg der Meerwassertemperatur zusammenhängt. «Unmittelbar vor dem Ereignis wurden höhere Wassertemperaturen und dadurch bedingte Veränderungen der Plankton-Zusammensetzung und der Verteilung von Fischen im östlichen Beringmeer festgestellt», heisst es im Fachjournal «Plos One».

Zum Thema
Fehler gesehen?

70 tote Grauwale in gerade mal fünf Monaten. Das berichten Forscher von den Stränden vierer US-Bundesstaaten, wobei diese Zahl wohl nur die Spitze des Eisbergs darstellt. Die meisten Kadaver gelangen gar nicht an die Strände, sondern versinken draussen im Meer.

Genauso offen wie die konkrete Zahl der toten Tiere ist derzeit auch noch deren Todesursache. Dieser gehen Forscher der amerikanischen Ozean- und Klimabehörde NOAA zurzeit nach.

Ist der Klimawandel schuld am Massensterben?

Möglicherweise finden sie die Antwort in rund 15'000 Kilometern Entfernung, im Beringmeer. Dort nämlich fressen sich die bis zu 15 Meter langen Tiere jeweils von Juni bis August eine dicke Speckschicht an. Ihre Leibspeise sind Flohkrebse, doch in der Not landen auch Krillkrebse, Schwebegarnelen und Heringslarven in ihren Magen.

Derart gestärkt treten sie dann ihre Wanderung in den Süden an, wo sie den Rest des Jahres verbringen – normalerweise. Wie die Kadaver zeigen, verendeten in diesem Jahr mehr Grauwale auf dem Weg dorthin. Die NOAA-Forscher befürchten nun, dass durch den Klimawandel angestossene Veränderungen dafür verantwortlich sein könnten.

Temperaturrekord gemessen

Der Grund: Das Beringmeer war 2018 aussergewöhnlich warm und eisfrei. Das National Snow and Ice Data Center (NSIDC) sprach sogar von einem Temperaturrekord.
Für die Wale ist das ein Problem, denn die Futtersuche gestaltet sich umso schwieriger, je wärmer das Wasser wird.

So lassen hohe Temperaturen die Algenblüte früher beginnen, wodurch die Futtertiere der Wale nicht mehr ausreichend Nahrung finden. Ein Mangel, der sich daraufhin über alle Ebenen des Ökosystems fortsetzt – bis zu den Grauwalen, die dann als Kadaver an Land gespült werden.

Auch Tausende tote Vögel

Die grauen Riesen sind jedoch nicht die einzigen Tiere, die wegen fehlender Nahrung im Beringmeer zugrunde gehen. Wie Forscher um Timothy Jones von der University of Washington im Fachjournal «Plos One» berichten, sind in der Region zuletzt Tausende Seevögel verhungert. Alle wiesen deutliche Anzeichen von Unterernährung auf.

Über einen Zeitraum von vier Monaten hat das Team um Jones ungewöhnlich viele tote Gelbschopflunde und Schopfalken auf der Sankt-Paul-Insel, der grössten der vier Pribilof-Inseln nördlich der Aleuten im Beringmeer, gefunden. Die Arten zählen zu den Alkenvögeln, die im Meer nach Nahrung tauchen.

Wie die NOAA-Forscher vermuten auch Jones und seine Kollegen, dass das Massensterben der Vögel mit dem 2018 dokumentierten Anstieg der Meerwassertemperatur zusammenhängt. «Unmittelbar vor dem Ereignis wurden höhere Wassertemperaturen und dadurch bedingte Veränderungen der Plankton-Zusammensetzung und der Verteilung von Fischen im östlichen Beringmeer festgestellt.»