Training fürs Gehirn

30. Mai 2016 18:12; Akt: 30.05.2016 18:18 Print

Warum wir Dialekte nie aufgeben sollten

In der Schweiz wird sowohl Dialekt als auch Hochdeutsch gesprochen. Das ist gut, denn das hält das Gehirn auf Trab.

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Mehrsprachigkeit wird eine Reihe positiver Effekte zugeschrieben, zum Beispiel ein besseres Gedächtnis. Ähnlich scheint sich der Wechsel zwischen verschiedenen Dialekten auszuwirken, wie Forscher herausgefunden haben.

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In der Studie untersuchte das Team um Napoleon Katsos von der University of Cambridge die kognitiven Fähigkeiten von griechischen Kindern, die sowohl mit Standard-Neugriechisch als auch zypriotischem Griechisch aufwuchsen, mit jenen, die nur mit einer Sprache und mit mehreren heranreiften. Dabei zeigte sich, dass die Kinder mit mehreren Dialekten oder Sprachen besser in Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstests abschnitten als die, die mit nur einer Sprache aufwuchsen.

Besser in der Schule dank Dialekten

Faktoren wie Unterschiede beim Lebensstandard, in der Sprachfähigkeit und allgemeinen Intelligenz der Kinder seien bei der Analyse berücksichtigt worden, schreibt Katsos auf der Online-Plattform «The Conversation». Die im Fachjournal «Cognition» erschienene Arbeit führte er gemeinsam mit Kollegen der Universität und Technischen Universität Zypern durch.

Bereits eine im August 2015 veröffentlichte Studie mit norwegischen Schulkindern hatte ähnliche Hinweise geliefert: Dabei hatten Forscher die Schulleistung von Kindern untersucht, die in zwei norwegischen Dialekten schreiben lernen. Gemäss Daten von standardisierten nationalen Tests – darunter Tests in Lesen und Arithmetik – schnitten diese Kinder besser ab als der nationale Durchschnitt.

Systematisch zwischen zwei Formen von Sprache zu wechseln, auch wenn sie sich sehr ähnlich sind, scheine dem Gehirn zusätzliche Stimulation zu liefern, was zu besseren geistigen Leistungen führe. «Was unsere Forschung zeigt – im Gegensatz zu einigen weit verbreiteten Annahmen – ist, dass Sprachvielfalt ein Vorteil ist, und in dieser Beziehung Dialekte unterschätzt und unterbewertet werden», schreibt Katsos.

Workout für den Denkapparat

Über die Wirkung von Mehrsprachigkeit wurde hingegen schon viel geforscht. Je nach Kontext und Gesprächspartner zwischen mehreren Sprachen zu wechseln, erhöht Studien zufolge die Aufmerksamkeit und verbessert das Gedächtnis.

Mehrsprachigkeit hängt demnach auch mit schnellerer Erholung nach einem Schlaganfall oder sogar einem späteren Einsetzen von Demenzsymptomen zusammen. Ein ähnlich gutes Training könnte der Wechsel zwischen Dialekten dem Gehirn bescheren.

Verbreitete Dialektvielfalt

Der Gebrauch von verschiedenen Dialektformen derselben Sprache ist weltweit stark verbreitet. Nicht nur in der Deutschschweiz wechseln die Kinder zwischen Schriftdeutsch und Mundart, je nachdem ob sie im Schulunterricht oder im Privaten sprechen. Auch in den USA benutzen Millionen Kinder zu Hause afroamerikanisches Englisch und in der Schule den Standard «American English».

Die Wissenschaftler um Katsos wollen nun mit Forschern der Universität Brüssel zusammenarbeiten, um ihre Untersuchung an den in Belgien zusammenkommenden Dialekten und Sprachen auszuweiten. Neben den Standardversionen von Holländisch und Französisch werden dort auch holländische und westflämische Dialekte gesprochen.

Die neue Studie soll mehr Probanden und ausführlichere Tests umfassen, um den Effekt von der Beherrschung mehrerer Dialekte auf die kognitive und sprachliche Entwicklung besser zu untersuchen, so Katsos.

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schnurrli ZugLu am 30.05.2016 18:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Kompromisse

    Dialekt ist Kulturgut. Dieses gilt es zu erhalten.

  • Miss M. am 30.05.2016 18:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Superhirn!

    Ich muss immer wieder von meinem speziellen Dialekt in einen abgeschwächten Dialekt wechseln... Dazu noch Hochdeutsch da mein Chef plus Arbeitskollegin Deutsche sind. Und auch das Französisch kommt immer wieder zum Zug. Muss ich ein Hirn haben.....!!!

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  • Querus schlägerus am 30.05.2016 19:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Doppelsprachig

    Mein Sohn wird doppelsprachig aufwachsen. Bärndütsch und züridütsch. Gemütlich, bodenständig und kompetent ;-)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • M.G. am 01.06.2016 00:22 Report Diesen Beitrag melden

    In der Sendung

    "Sing meinen Song" trat Wolfgang Niedecken auf. Außerhalb Kölns kann den niemand verstehen, man braucht eine Übersetzung. Trotzdem weigert er sich auf Hochdeutsch zu singen weil ihm dann die Emotionalität verloren gehen. Sein Hit "Verdamp lang her" wurde von Anett Louisan auf Hochdeutsch interpretiert, sie ließ aber die Strophen mit dem fiktiven Dialog zwischen Wolfgang und seinem verstorbenen Vater weg. Das ist nicht nur zu persönlich, das würde auf Hochdeutsch auch viel zu hölzern wirken, dieser Teil über die versäumte Kommunikation kann nur auf Kölsch dargeboten werden.

  • Ernst am 31.05.2016 23:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Also vor Demenz schützt

    Mehrsprachigkeit nicht. Meine Tante könnte Hochdeutsch, Schweizer Dialekt und französisch trotzdem erkrankte sie mit 62 Jahren an Demenz. Des Weiteren lernte ich drei Männer kennen, welche jeweils auch drei Sprachen beherrschten auch die bekamen mit 70 Jahren Demenz.

  • Marco Lombardi am 31.05.2016 22:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hochsprache gleich Kultur

    Ein Volk ohne Kultur hat keine Hochsprache. Schriftsteller usw. schreiben nicht in irgendeinem Dialekt. So wächst eine Hochsprache, Hand in Hand mit der Kultur. Wenn wir mühsam eine Fremdsprache lernen und uns zum Beispiel ein Sizilianer in seiner Heimat auf sizilianisch antwortet anstatt in Hochitalienisch, das wäre tragisch. Aber diese Völker sind flexibel und haben eine gemeinsame Kultur.

  • mo am 31.05.2016 22:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ja,ja

    Bald wird es gar kein Dialekt mehr geben! Dann sprechen wir syrisch-eritreisch!

  • Ideomatic am 31.05.2016 18:54 Report Diesen Beitrag melden

    In...

    ..seinem Lied heisst es lustigerweise, dass wir Schriftdeutsch sprechen und nicht Hochdeutsch :-)