«Naturpille»

10. April 2019 09:54; Akt: 10.04.2019 10:04 Print

20 Minuten in der Natur – und dir gehts viel besser

Blätterrauschen, Blüten, Frühlingsduft: Wer es schafft, sich täglich mindestens 20 Minuten in der Natur aufzuhalten, profitiert laut Forschern ungemein.

Zürich hat jede Menge Naturperlen, wie Ueli Nagel, Biologe und Präsident vom Verbund Lebensraum Zürich, weiss. (Video: wed)
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In der Natur zu sein ist eine Wohltat gegen Stressgefühle. Wohl kaum jemand wird das bestreiten. Forscher haben nun erkundet, wie lange man für einen Effekt in grüner Umgebung unterwegs sein muss. Und auch, was man dabei besser lassen sollte.

Schon ein kurzer Spaziergang dort kann Stress deutlich reduzieren helfen, bestätigt eine Studie der US-Universität Michigan. Demnach genügen 20 Minuten täglich im Grünen, um das Level an Stresshormonen merklich zu vermindern. Die Forscher sprechen im Fachmagazin «Frontiers in Psychology» von einer «Naturpille».

Stress schadet

«Wir wissen bereits, dass es Stress reduziert, wenn man Zeit in der Natur verbringt», sagt Ökologin und Hauptautorin MaryCarol Hunter. «Bislang war aber unklar, wie lange und wie oft man in die Natur gehen sollte und auch, welche Art von Naturerfahrung uns nützt.» Die Untersuchung habe nun ergeben, dass schon 20 bis 30 Minuten in einer Umgebung, die einem ein Gefühl von Natur vermittelt, ausreichen, um effektiv den Cortisolspiegel im Körper zu senken.

Cortisol, auch als Stresshormon bezeichnet, wird in der Nebennierenrinde hergestellt und in der Leber abgebaut. Dauerhaft erhöhte Cortisolwerte, etwa durch chronischen Stress, werden mit Übergewicht, einer Schwächung des Immunsystems, Herz-Kreislauf-Störungen, Depressionen und einer Reihe weiterer Erkrankungen in Verbindung gebracht.

Regelmässige «Naturpille»

Die Wissenschaftler der Universität Michigan hatten einer Gruppe von 36 Freiwilligen eine regelmässige «Naturpille» verordnet: Damit meinten die Forscher mindestens drei Spaziergänge pro Woche in der Natur mit einer Dauer von zehn Minuten oder mehr. Vor, während und nach dem Experiment wurden die Cortisolwerte der Teilnehmer durch Analyse einer Speichelprobe bestimmt.

Die Freiwilligen konnten den Tag, die Dauer und den Ort ihres Naturerlebnisses selbst bestimmen, damit es zu ihrem individuellen Lebensstil passte. Sie mussten allerdings einige Stressfaktoren minimieren: «Sie sollten die Naturpille bei Tageslicht nehmen, keine sportlichen Übungen machen und Social Media, das Internet, Telefonanrufe, Unterhaltungen und Lesen vermeiden», führt Hunter aus.

Die Untersuchung ergab, dass schon 20 Minuten Naturerlebnis genug waren, um den Cortisolspiegel deutlich zu senken. Am meisten reduzierte sich das Stresshormon, wenn die Teilnehmer etwa 20 bis 30 Minuten sitzend oder gehend im Grünen verbrachten. Die Forscher hoffen nun, dass ihr Versuch die Wirksamkeit der «Naturpille» unterstreicht: als kostengünstiges therapeutisches Mittel zur Eindämmung der negativen Auswirkungen urbanen Lebens, das viele in geschlossenen Räumen und vor Bildschirmen verbringen.

«Ärzte könnten unsere Ergebnisse als evidenzbasierte Faustregel dafür verwenden, was in der Verschreibung einer «Naturpille« enthalten sein muss», fasst Hunter zusammen.

Natur wirkt gesundheitsfördernd

Die Daten reihen sich in eine wachsende Zahl von Untersuchungen ein, die die positiven Effekte eines Aufenthalts in der Natur oder speziell eines Waldspaziergangs belegen. So stellte der schwedische Forscher Roger Ulrich schon 1984 fest, dass sich allein der Anblick von Bäumen positiv auswirkt: Patienten, die nach einer Operation aus dem Spitalfenster auf Grün schauten, benötigten weniger Schmerzmittel und genasen schneller.

2015 ergänzte der US-amerikanische Umweltpsychologe Marc Berman, dass die Anzahl von Bäumen in einer Wohngegend die Gesundheit der Bewohner beeinflusst. Wer in grüneren Gebieten wohnte, litt seltener an Herz-Kreislauferkrankungen oder Diabetes. Zuvor hatte eine japanische Studie ergeben, dass regelmässige und ausgedehnte Waldspaziergänge die Zahl der Natürlichen Killerzellen, eine Untergruppe der weissen Blutzellen und Teil des menschlichen Immunsystems, erhöhte. Im selben Jahr zeigte sich, dass sich so auch das Depressionsrisiko senken lässt.

In Japan ist das «Shinrin-yoku», also das «Baden im Wald», gar Teil der staatlichen Gesundheitsversorgung. «Waldmedizin» ist seit 2012 ein eigener Forschungszweig an japanischen Universitäten. Hier wird auch erforscht, welche Faktoren genau für die positiven gesundheitlichen Effekte sorgen. So ist noch unklar, ob es etwa an der Luft des Waldes liegt oder an der speziellen Vegetation.

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • martin aus glis am 10.04.2019 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    Tolle Erkenntnis "

    Das uns Menschen Natur und einen nicht zu engen Lebensraum Balsam für die Seele ist, dazu brauchen wir wirklich nun kein Forschungsgeld zum Fenster raus zu schmeissen.

  • Mr. Natural am 10.04.2019 10:15 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz mein Ding

    Jetzt noch 100% schweizweit auf 6h pro Tag definieren und allen geht es viel besser. Auch mit 6h pro Tag arbeiten wir mehr als genug.

  • Menschentier am 10.04.2019 14:46 Report Diesen Beitrag melden

    ob mans glaubt oder nicht

    die Natur ist der natürliche Lebensraum aller Lebewesen. Auch wenn wir Menschen uns für etwas Besseres halten. Beim Wandern bin ich immer glücklich und treffe ausschliesslich gut gelaunte Leute.

Die neusten Leser-Kommentare

  • milchbubi am 11.04.2019 12:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer Natur verkauft

    Natur? Nehmt uns nur noch mehr davon weg. Wird immer mehr eingezäunt und nur noch den Reichen gegönnt. Beispiel öffentlicher Seezugang: Entweder Privat oder man muss Eintritt zahlen

  • Kunigunde am 10.04.2019 23:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stimmt 100%

    Ich gehe mindestens 3Mal pro Woche an den Fluss, entweder beobachte ich die Insekten und Pflanzen und manchmal gehe ich in zügigem Tempo für ein bis zwei Stunden. Ich habe bemerkt, dass wenn ich mich vorher unwohl gefühlt habe, ich mich nach dem Aufenthalt in der Natur, meine Gesundheit wieder total hergestellt war.

  • Sandra am 10.04.2019 20:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jeder weiss das ...

    .... bin täglich 1 bis 3 Stunden draussen und fühle, wie das gut tut, da brauch keinen Wissenschaftler.

  • Heidi Heidnisch am 10.04.2019 19:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Natur ist Leben

    Alles andere kostet Geld.

  • Moni.I am 10.04.2019 18:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wertschätzung

    Ich verbringe jede freie Minute in der Natur ohne Sie hätte ich nicht so viel Power.