Blutrache in Albanien

22. Mai 2013 21:35; Akt: 23.05.2013 12:22 Print

Was es mit dem Kanun auf sich hat

von J.-C. Gerber - Geschehen in der Schweiz Morde unter Albanern und Kosovaren, berufen sich die Täter oft auf den Kanun. Das albanische Gewohnheitsrecht verpflichtet Familien zur Blutrache.

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Der Kanun ist eine Sammlung mündlich überlieferter Gesetze, deren Ursprünge mindestens ins Mittelalter, womöglich aber sogar bis in die Bronzezeit zurückreichen. Die heute bekannteste Version des albanischen Gewohnheitsrechts ist der Kanun des Lekë Dukagjini, der vor rund 600 Jahren in Nordalbanien formuliert worden war. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die über Generationen von den Vätern an ihre Söhne weitergegebene Sammlung von rund 1200 Gesetzesartikeln erstmals niedergeschrieben, und liegt auch in einer deutschsprachigen Übersetzung vor.

In den von der Umwelt praktisch abgeschnittenen Bergen Nordalbaniens regelte der Kanun über Jahrhunderte alle Aspekte des Zusammenlebens in der Gemeinschaft. In Zeiten der Fremdherrschaft durch die Osmanen und Griechen wirkte der Kanun identitätsstiftend. Keiner dieser Mächte gelang es, im gebirgigen Hochland ihr Rechtssystem durchzusetzen, auch nicht den Osmanen, die über 400 Jahre auf dem Balkan herrschten.

Demokratische Ansätze

Für das Verständnis des Kanuns ist es wichtig, die Sozialstruktur zu kennen, auf der die Gesellschaft in Nordalbanien ursprünglich basierte. Die kleinste Einheit ist die Grossfamilie, in der meist drei Generationen zusammenleben und die vom ältesten Mann geleitet wird. Er spricht in der Familie Recht und vertritt sie nach aussen. Er ist für die Taten aller Familienmitglieder verantwortlich. Frauen, die in die Familien einheiraten, werden nicht Teil der Grossfamilie, sondern bleiben Mitglied ihrer Ursprungsfamilie. Teilen sich Grossfamilien, bilden sie Bruderschaften, die ebenfalls vom Ältesten des Stammhauses geführt werden. Der Verband dieser Bruderschaften bildet schliesslich den Stamm. Der Stamm ist das oberste politische Organ in Sachen Rechtsprechung, Vertretung in der Hauptstadt und Staatsgewalt.

Der Kanun sieht vor, dass Konflikte innerhalb dieser Sozialstrukturen geregelt werden. Grundlage dafür sind Versammlungen der Hausältesten, die politische Entscheide fällen und Recht sprechen. Dabei gibt es klare Regeln. Die Todesstrafe kann nur von der allgemeinen Versammlung verhängt werden, wobei die Blutrache allerdings ausgenommen ist. Die Versammlung entscheidet gemäss Kanun auch über die Verbannung eines Stammesgenossen oder Krieg und Frieden. Diese gemeinsame Entscheidungsfindung an Versammlungen, die mit Landsgemeinden vergleichbar sind, zeigen, dass im Kanun rudimentäre demokratische Elemente zu finden sind.

Die Blutrache

Wird heute vom Kanun gesprochen, liegt das Augenmerk allerdings meist nicht auf der Gesamtheit der Regeln für das Zusammenleben in einer kargen, abgelegenen Bergregion, sondern auf jenem Aspekt des Strafrechts, der die Blutrache vorsieht. Tötet ein Mann ein Mitglied einer anderen Familie sieht der Kanun zunächst eine Busse für den Täter vor. Gleichzeitig fällt er mit der Tötung «in das Blut des Opfers». Er verliert seine körperliche Integrität und läuft Gefahr, selbst getötet zu werden. Der Teufelskreis der Blutrache beginnt. Ursprünglich galt die Blutrache nur für den Täter, später wurde sie auf alle männlichen Angehörigen der Familie ausgedehnt. Kinder und Frauen sind im Kanun von der Blutrache ausgenommen.

Da «das Blut nie verloren geht», folgt auf eine Blutrache zwingend eine neue Blutrache. Ist die Familie des Opfers nach der ersten Tötung «Herr des Blutes», fällt sie nach vollzogener Blutrache ihrerseits ins Blut der Familie des ersten Täters. Wer getötet hat, ist der Familie des Opfers bekannt, da sie informiert werden muss. Ihr bleibt kaum etwas anderes übrig, als zur Blutrache zu schreiten, da ein Verzicht von der Gemeinschaft als unehrenhaft angesehen wird.

Im Falle einer fahrlässigen Tötung sieht der Kanun nicht zwingend die Blutrache vor. Kommt eine Untersuchung zum Schluss, dass die Tötung unbeabsichtigt war, kommt der Täter mit einer Busse davon. Bei Körperverletzung ist auch eine Busse für den Täter vorgesehen, wobei dem Opfer das Recht zufällt, ihm nach dem Prinzip von «Auge um Auge, Zahn um Zahn» die gleiche Verletzung zuzufügen. Grundsätzlich hält der Kanun fest, dass Blutrache nur im Fall von Mord oder Totschlag erlaubt ist. Andere Vergehen ziehen eine Strafe, aber nicht den Tod durch Blutrache nach sich.

Die zentrale Stellung der Ehre

Es gibt aber auch Möglichkeiten, die Blutrache – zumindest für eine bestimmte Zeit – auszusetzen. Dabei ist das Prinzip der «Besa» wichtig. Der Begriff kann auf Deutsch nicht mit einem Wort übersetzt werden und bedeutet unter anderem Friedenspakt, Ehrenwort und Sicherheitsgarantie. Ein Aspekt der Besa ist, dass sie von der Blutrache Bedrohte für gewisse Zeiten schützt und gleichzeitig den zur Blutrache Verpflichteten davon entbindet, ein Verbrechen zu rächen. Die Besa kann entweder von der Opferfamilie gewährt werden oder im Falle einer allgemeinen Besa, die nicht unbedingt zeitlich beschränkt ist, von der Versammlung beschlossen werden. Wird trotz einer Besa Blutrache genommen, gilt das als grobe Ehrverletzung und Mord.

Neben einer Tötung wird auch eine Verletzung der persönlichen Ehre meist mit dem Tod gesühnt. Die Ehre ist das zentrale Element des Kanun. Wem die Ehre geraubt wird, dem gesteht der Kanun das Recht zu verzeihen zu, aber auch das Recht, sein «schwarzes Gesicht» der Unehre wieder rein zu waschen. Dies geschieht meist durch eine Tötung, die wiederum eine Blutrache nach sich zieht. Was alles einen Raub der persönlichen Ehre konstituiert, listet der Kanun auch auf. Dazu gehören unter anderem die Schändung oder Entführung der Frau, die Zerstörung der Waffe, die öffentliche Bezichtigung der Lüge oder auch der Bruch der Treue.

Rückkehr der Blutrache

Die Menschen in Nordalbanien lebten wie erwähnt über Jahrhunderte nach den Grundsätzen des Kanuns – bis zur Machtergreifung der Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg. Was den Osmanen über Jahrhunderte nicht gelang, schaffte die Diktatur von Enver Hoxha innert weniger Jahre. Durch brutale Unterdrückung zwang er seinen Untertanen seine Gesetze auf. Unter seinem Regime gab es kaum Fälle der Blutrache und Frauen, denen im Kanun ausser der körperlichen Integrität kaum Rechte zugestanden werden, waren zumindest nach dem Gesetz gleichgestellt.

Nach der Wende erlebte der Kanun eine Wiederauferstehung. Nach dem Sturz der Parteidiktatur bildete sich in Albanien ein Machtvakuum, die Staatsgewalt war kaum noch vorhanden. Gleichzeitig mit einem dramatischen Anstieg der Kriminalität begannen sich die Menschen – auch im kriegsversehrten Kosovo – wieder am alten Gewohnheitsrecht zu orientieren. Die staatlichen Gerichte werden vielerorts bis heute als korrupt und ineffizient angesehen. Besonders die Blutrache nahm wieder zu. Der schwache albanische Staat hatte keine Möglichkeit, diese Form der Selbstjustiz zu unterbinden. Dazu kommt, dass heute die regulierenden Bestimmungen des Kanun meist nicht mehr eingehalten werden. So wird zum Beispiel Blutrache nun auch an Frauen und Kindern verübt. Die UNO schätzt, dass seit 1990 gegen 10'000 Menschen der Blutrache zum Opfer fielen.

Gjin Marku spricht in diesem Zusammenhang von einem «degenerierten Kanun». Der ehemalige Geheimdienstagent ist Leiter des Komitees der Nationalen Aussöhnung, das mit unterschiedlichem Erfolg versucht, unter den geschätzt 1600 Familien zu vermitteln, die von der Blutrache betroffen sind. Gegenüber «USA Today» sagte er, das Problem sei, dass jeder seine eigene Interpretation des Kanuns nutzt, um seine Taten zu rechtfertigen. So würden ganze Familien über Generationen zerstört.

Im Gegensatz zu einer grossen Zahl von Albanern und der EU, die den Kanun als grosses Hindernis für einen Beitritt Albaniens sieht, scheint Marku aber nicht per se gegen den Kanun zu sein. Gegenüber «USA Today» erklärte er, der Kanun könne durchaus als Gesetzeswerk funktionieren. «Ich glaube, wenn der originale Kanun unser Land wieder regeln wird, werden wir frei sein.» Eine ambivalente Haltung zum Kanun legt auch Regierungschef Sali Berisha an den Tag. In einem im «Guardian» erschienenen Artikel sagte er, der Kanun habe sein Gutes. «Er funktionierte als sehr starkes Mittel der Abschreckung und zwang zu unglaublicher Selbstkontrolle.» Und so bleibt abzuwarten, ob der Kanun und die Blutrache jemals aus den Bergen Nordalbaniens und aus den Köpfen der Menschen verschwinden werden.