Zellfressende Bakterien

07. April 2019 17:49; Akt: 07.04.2019 17:49 Print

Wattestäbchen bringt Mann (31) in Lebensgefahr

Wattestäbchen gehören nicht in die Ohren. Das predigen Hals-Nasen-Ohrenärzte seit Jahren. Ein Brite hat sich nicht daran gehalten – und wurde schwer krank.

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Bloss nicht: Wer mit Wattestäbchen in seinen Ohren herumstochert, macht etwas ganz falsch – wie der Fall eines 31-jährigen Briten zeigt. Als er mit einem Krampfanfall ... ... ins Spital eingeliefert wurde, zeigte sich, dass rund fünf Jahre zuvor ein Stück Watte im Ohr hängen geblieben war und dort für eine schwere Infektion gesorgt hatte. Die Diagnose lautete ... ... nekrotisierende Otitis Externa, eine besonders schwere Form der Entzündung der Haut des äusseren Gehörgangs. (Im Bild: eine mittelschwere Otitis Externa) Auslöser war ein Stück Watte, dass sich beim Ohrreinigen vom Stäbchen gelöst und über Jahre im Ohr festgesessen hatte. Dass Wattestäbchen nicht zum Säubern der Ohren verwendet werden sollten, sagen Ärzte schon lange. Laut dieser verletzten sich in den USA jährlich rund 12'500 Kinder mit den vermeintlichen Ohrreinigern. Das entspricht 34 Fällen pro Tag. Deshalb raten sie, sofort und für immer die Finger von den Stäbchen zu lassen. Das Ohr kann den alten Schmalz problemlos selber aus dem Gehörgang nach aussen hin zur Ohrmuschel transportieren. Deshalb ist es lediglich nötig, die Ohrmuschel mit einem Tuch abzuwischen. Das genügt. Ende der Diskussion. Mit dem Gebrauch von Wattestäbchen sabotiert man nämlich den Selbstreinigungsprozess des Ohrs aufs Gröbste. Statt den Schmalz damit nach aussen zu tragen – nur ein Bruchteil des Schmalzes bleibt überhaupt am Stäbchen haften – stösst man ihn nur weiter ins Ohr hinein. Dort bildet er einen Pfropfen, der unangenehme Folgen haben kann. Schmalzpropfen können Schmerzen, Juckreiz, Verstopfungsgefühl im Ohr, Tinnitus, Gehörverlust, Ausfluss und üblen Geruch verursachen. Die US-Ärzte raten auch vom Gebrauch von Ohrenkerzen ab. Tropfen oder Sprays zum Reinigen der Ohren sind ebenfalls unnötig. Nur bei einer Minderheit reicht das Abwischen der Ohrmuschel mit einem Handtuch nicht aus: Bei einem von zehn Kindern und einem von 20 Erwachsenen ist die Selbstreinigung der Ohren gestört. Sie müssen sich ihre Ohren von Zeit zu Zeit von einem Hals-Nasen-Ohrenarzt reinigen lassen.

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Viele Menschen reinigen ihre Ohren mit Wattestäbchen – obwohl Experten eigentlich davon abraten. Schliesslich führt das Rumstochern mit den Stäbchen häufig zu Verletzungen, wie US-Forscher 2017 herausfanden.

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Doch die Verwendung der Stäbchen im Ohr kann auch zu schweren Infektionen führen, wie jetzt der Fall eines Briten zeigt.

Fünf Jahre leiden

Schon seit längerem habe der 31-Jährige immer wieder unter Ohrenbeschwerden gelitten, berichten seine Ärzte in den «BMJ Case Reports». Da die Schmerzen und Hörstörungen nur von Zeit zu Zeit auftraten, habe er sich jedoch keine allzu grossen Sorgen gemacht. Entsprechend habe er während der fünf Jahre mit Ohrenproblemen auch keinen Arzt aufgesucht.

Doch dann geht es ihm gesundheitlich immer schlechter. Sein Kopf schmerzt, ihm ist übel, und sein Gedächtnis lässt merklich nach. So kann er sich mit einem Mal nicht mehr an Namen erinnern – etwas, was ihm sonst keine Mühe machte. Als er dann auch noch einen Krampfanfall bekommt, bringt ihn die Ambulanz in den Notfall.

Zellfressende Bakterien im Schädel

Dort wird der Patient sofort untersucht. Bei der Betrachtung der Computertomografie-Aufnahmen erkennen die Mediziner im Schädel des Mannes mit Eiter gefüllte Abszesse. Darin identifizieren sie das Bakterium Pseudomonas aeruginosa, das im Fall des 31-Jährigen zu einer Otitis Externa geführt hat (siehe Box).

Im Prinzip ist die Entzündung gut zu behandeln, allerdings leidet der Mann an einer besonders schweren Form, der sogenannten nekrotisierenden Otitis Externa, die schon weit fortgeschritten ist. So sind die Bakterien bereits bis ins Schädelinnere vorgedrungen, wo sie für ein Absterben von Zellen gesorgt haben.

Wattestäbchen ist der Schuldige>
Doch wie sind die aggressiven Erreger überhaupt in den Körper gekommen? Die Antwort darauf liefert das Stückchen Watte, das die Mediziner in seinem Ohr finden. Dieses hat sich wohl von einem Ohrstäbchen gelöst und ist – gemessen an der Langwierigkeit der Beschwerden – über Jahre dort stecken geblieben.

Um den 31-Jährigen von seinem Leiden zu erlösen, entfernen die Ärzte den Fremdkörper und verschreiben dem Patienten acht Wochen lang Antibiotika. Der Mann erholt sich schnell. Nach der Behandlung sei er Ohr- und neurologische Beschwerden wieder los, heisst es in den «BMJ Case Reports». Und er werde auch nie wieder Wattestäbchen zur Reinigung seiner Ohren verwenden.

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • B.D am 07.04.2019 18:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    guter Beitrag...

    Jetzt kennen wir das Problem, was fehlt ist die Lösung oder besser..womit soll ich mir sonst sie Ohren putzen?

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  • Linus am 07.04.2019 18:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ohren Putzen

    Und wie sollen die Ohren ohne wattestäbchen geputzt werden?

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  • smarty am 07.04.2019 18:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    niemals ohne Stäbchen

    Es gibt meines Erachtens nichts Schlimmeres als gelber Schmutz in den Ohren! Es ist richtig ekelhaft!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Watte im Kopf am 08.04.2019 13:11 Report Diesen Beitrag melden

    Von wegen...

    Selbstreinigend? Sorry, aber wenn meine Haare, mein Mund und mein Körper nicht selbstreinigend sind, warum sollten es die Ohren plötzlich sein? Sichtbarer Ohrenschmalz ist ekelig, und ich spüren dessen Anwesenheit in meinen Ohren sofort- deshalb reinige ich meine Ohren auch.

    • Peter Pan am 08.04.2019 17:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Watte im Kopf

      Pyroklastisch?

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  • Böhmer am 08.04.2019 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    Pro Wattestäbchen

    Wer garantiert dass der Auslöser wirklich die Watte war und diese nicht erst am bereits entzündeten Gewebe hängen geblieben ist? Ich ging mal mit einer Ohrenentzündung und quasi Hörsturz zum Arzt. Diagnose verstopfung und es musste gespühlt werden. Grund war, dass ich genau wegen dieser Angstmacherei keine Wattestäbchen benutzt habe. Der Arzt sagte ich solle zukünftig Wattestäbchen benutzen und hat mir an einem überdimensionalen Ohr mit einem überdimensionalem Wattestäbchen gezeigt wie ich es richtig anwende. Und siehe da, seit jahren keine Probleme mehr mit den Ohren.

  • Maschero am 08.04.2019 12:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Igitt!

    Ich hasse Wattestäbchen wegen dem kratzenden Gefühl im Ohr, das sie verursachen. Zudem nützen sie bei mir gar nichts. Ich gehöre zu denen wenigen, bei denen der Schmalz im Ohr stecken bleibt, weshalb ich etwa zweimal pro Jahr ich die Ohren fachmännisch spülen muss. Früher musste ich dazu zum Hausarzt. Seit Jahren mache ich das selber, was mir und der Allgemeinheit unnötige Kosten spart.

  • Mr.niceguy.87 am 08.04.2019 11:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ist das euer ernst?!

    Alle fragen wie man die ohren nun reinigen soll.. Ist das euer ernst?!? Überlegt ihr eigentlich überhaupt nichts mehr?!?

  • L.H. am 08.04.2019 11:42 Report Diesen Beitrag melden

    Reinigung ohne Wattestäbchen:

    Unter der Dusche einfach Wasser in die Ohren fliessen lassen - wer es extrem mag, Duschkopf ans Ohr halten! Somit spühlt man alles ungewollte raus! (Benutze trotzdem ab und zu Ohrenstäbchen, braucht es aber eigentlich nicht)