Spektakuläre Bautechnik

20. Mai 2012 14:55; Akt: 29.05.2012 09:38 Print

Wenn Häuser wandern

von Daniel Huber - In Zürich-Oerlikon wurde ein 6200 Tonnen schweres Gebäude verschoben. Es ist die bisher wohl grösste Hausversetzung in Europa – aber lange nicht die einzige.

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Am 22. Mai 2012 wird dieses Backsteingebäude in Zürich-Oerlikon gezügelt. Das 80 Meter lange, 12 Meter breite und rund 6200 Tonnen schwere Backsteingebäude muss dem Ausbau des Bahnhofs weichen und wird um rund 60 Meter nach Westen verschoben. Es dürfte europaweit eines der grössten Bauwerke sein, die je verschoben wurden. Ausgeführt wird das heikle Unterfangen von der 1953 gegründeten Firma Iten AG aus Morgarten, die sich auf solche Translokationen spezialisiert hat. Die Innerschweizer Spezialisten versetzten 1960 auch die Astrid-Kapelle in Küssnacht SZ. Die Kapelle erinnert an den tödlichen Unfall der damaligen Königin Astrid von Belgien im Jahr 1935. Kein Haus, aber dennoch ziemlich schwer: der Teufelsstein in der Schöllenenschlucht bei Göschenen. Der 220 Tonnen schwere Felsbrocken wurde 1977 verschoben. Eine Hausverschiebung für die Verbreiterung der Badenerstrasse in Schlieren im November 1971. 400 000 Franken kostete 1998 die Verschiebung dieser 300 Tonnen schweren Villa in Caslano im Kanton Tessin. Dieses 2000 Tonnen schwere, vierstöckige 12-Familien-Wohnhaus in Zürich-Aussersihl wurde am 4. August 1999 um 4,4 Meter verschoben. Der Wohnblock stand dem Ausbau der SBB-Gleisanlagen zum Hauptbahnhof im Weg. Im Rahmen der Bauarbeiten zum Hotel Chedi Andermatt versetzte die Andermatt Swiss Alps AG 2010 ein zweistöckiges, rund 100 Tonnen schweres Chalet. Dem Braunkohlenabbau musste im Oktober 2007 die romanische Emmauskirche im deutschen Bundesland Sachsen weichen. Das 1297 erstmals urkundlich erwähnte Gotteshaus stand ursprünglich in Heuersdorf und wurde durch Spezialfahrzeuge in das zwölf Kilometer entfernte Borna umgesetzt. In Steinbach-Hallenberges wurde im Mai 2005 eine rund 260 Tonnen schwere komplett erhaltene Korkenzieherwerkstatt umgesetzt. Das 125-jährige Gebäude wurde von seinem ursprünglichen Standort etwa einen Kilometer weit umgesetzt.

Häuser auf Wanderschaft

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Gebäude bleiben in aller Regel dort stehen, wo man sie hinbaut. Aus diesem Grund nennt man sie auch «Immobilien»; der Ausdruck kommt vom Lateinischen immobilis, was «nicht beweglich» bedeutet.

Doch keine Regel ohne Ausnahme: Es kommt vor, dass Gebäude versetzt werden. Früher war dies gar nicht so selten – damals wurden Häuser oft so konstruiert, dass sie leicht ab- und an einem anderen Ort wieder aufzubauen waren. Weit höhere Ansprüche an die Technik stellt dagegen eine andere Methode der Translokation, nämlich der Transport eines Gebäudes als Ganzes. Sie kommt vor allem dann zum Zug, wenn es um historisch wertvolle Bausubstanz geht.

Grösste Hausverschiebung in Europa

Eine der spektakulärsten Aktionen dieser Art fand am 22./23. Mai in Zürich-Oerlikon statt. Dort musste das ehemalige Verwaltungsgebäude der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (MFO) dem Ausbau des Bahnhofs weichen. Das 80 Meter lange, 12 Meter breite und rund 6200 Tonnen schwere Backsteingebäude wurde um rund 60 Meter nach Westen verschoben. Es dürfte europaweit eines der grössten Bauwerke sein, die je verschoben wurden. Ausgeführt wurde das heikle Unterfangen von der Firma Iten AG aus Morgarten, die sich auf solche Translokationen spezialisiert hat.

Video: Hausverschiebung Oerlikon

(Quelle: Youtube/Itenbau)

Video: Translokation Gebäude Oerlikon

(Quelle: Youtube/Itenbau)

Seit ihrer Gründung im Jahr 1953 hat die Firma rund vierhundert solcher Translokationen durchgeführt; darunter beispielsweise 1960 die Versetzung der Astrid-Kapelle in Küssnacht SZ (siehe Bildstrecke oben). Auch der 220 Tonnen schwere Teufelsstein in der Schöllenenschlucht bei Göschenen wurde 1977 von der Firma Iten AG verschoben.

Noch nicht so lange her ist die Verschiebung des 1250 Tonnen schweren «Breitehofs» in Arbon, die ebenfalls von den Innerschweizer Spezialisten durchgeführt wurde. Das Haus wurde im Dezember 2011 gezügelt:

Video: Hausverschiebung in Arbon

(Quelle: Youtube/Itenbau)

Spektakuläre Bilder lieferte 2007 der Umzug der romanischen Emmauskirche im deutschen Bundesland Sachsen. Das 1297 erstmals urkundlich erwähnte Gotteshaus musste dem Braunkohlenabbau weichen. Die Kirche stand ursprünglich in Heuersdorf und wurde durch Spezialfahrzeuge in das zwölf Kilometer entfernte Borna umgesetzt:

Video: Umzug Emmauskirche Heuersdorf

(Quelle: Youtube/TPAPortableRoadways)

Bei der Neugestaltung des Potsdamer Platzes in Berlin gerieten die denkmalgeschützten Reste eines Hotels in Konflikt mit den Plänen für das Sony Center. Die Lösung bestand darin, den Kaisersaal um 75 Meter zu verschieben und in das Center zu integrieren. Das 75 Millionen Mark teure Unterfangen gelang 1996:

Video: Verschiebung Kaisersaal

(Quelle: Youtube/cityscopeTV)

Zahlreiche Hausverschiebungen finden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten statt. Ohne hydraulische Pressen oder andere moderne Hilfsmittel wurde 1928 in Chicago die Our Lady Of Lord's Church disloziert:

Video: Incredible Church Move

(Quelle: Youtube/kamperbrands)

Hier noch einige weitere Beispiele für Gebäudeverschiebungen in den USA:

Video: Shubert Theater, Minneapolis

(Quelle: Youtube/CaughtOnTapeTV)

Video: Odd Fellows Hall, Salt Lake City

(Quelle: Youtube/AlanLucchetti)

Video: Buchanon Mansion, Tipton

(Quelle: Youtube/gazetteonline)

Video: Brown University House, Providence

(Quelle: Youtube/genevate)

Video: Extreme House Moving

(Quelle: Youtube/theseattlelife)

In unserer kleinen Zusammenstellung von Videos über Häuser, die nicht am Ort bleiben, darf natürlich der legendäre Kurzfilm «The Crimson Permanent Assurance» von Terry Gilliam nicht fehlen. In dem Vorfilm von Monty Pythons Streifen «Der Sinn des Lebens» (1983) wird ein Haus zum Segelschiff:

Video: The Crimson Permanent Assurance

(Quelle: Youtube/olshi2)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • R.S am 20.05.2012 15:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sehr eindrucksvoll

    was man schon alles kann.

  • Fritz Meier am 20.05.2012 16:33 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn Häuser wandern

    es ist nicht des ehemalige Verwaltungsgebäude der Werkzeugmaschinenfabrik sondern der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO)

  • Archimedes von Syrakus am 20.05.2012 16:43 Report Diesen Beitrag melden

    mechanics

    gebt mir einen hebel der lang genug ist und ein festen punkt, dann hebe ich die erde aus ihrer achse. tolle sache, leider aber unnötig, die gebäude rund um dieses haus sehen schon zu modern aus, wenn wir es jetzt abbrechen würden, würde das kein schaden darstellen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Hau weg das alte Zeugs am 21.05.2012 03:17 Report Diesen Beitrag melden

    Denkmalschutz?

    Wenn wir Denkmalschutz in solchen Exzessen betreiben, gibts bald mal nur noch alte Bauten da nichts mehr abgerissen werden darf, und Platz für Neubauten wird noch rarer als er jetzt schon ist.

    • denkmalschutz am 21.05.2012 11:58 Report Diesen Beitrag melden

      Neu = besser?

      Würde mich ja interessieren wie die Schweiz ohne Altbauten aussehen würde. Habe das Gefühl da könnte etwas fehlen was deine hochgelobten Neubauten und Swisshäuschen nicht zu leisten vermögen. Wie Wärs wenn wir z.B das Bundeshaus durch Neubauten ersetzen würden? Diese Einstellung wurde in den 50er - 80er Jahren gelebt und schau dir das Resultat an (z.B. Plattenbauten). Neu bedeutet nicht besser. Zum Glück entscheiden zumindest in der Schweiz noch immer Experten welche Gebäude Schützenswert sind und welche nicht.

    einklappen einklappen
  • gianna am 20.05.2012 23:07 Report Diesen Beitrag melden

    Fundament?

    Fundament? Wie muss ich mir das vorstellen?

  • R.H. am 20.05.2012 19:28 Report Diesen Beitrag melden

    mobilitäthier und anderswo

    die niederländer fahren mit ihren wohnwagen durch die gegend. und die schweizer ?! die nehmen gleich das ganze haus mit ;-)

  • Martin am 20.05.2012 17:07 Report Diesen Beitrag melden

    Wäre ja schade!

    Es wäre wirklich schade, dieses Gebäude abzureissen. Hoffentlich klappt alles.

    • TimoS am 21.05.2012 12:35 Report Diesen Beitrag melden

      ... wenn das Haus stehen bliebe!

      Out, wieder ein ewiggestriger Denkmalschützer und Verhinderer. Am liebsten auf jedem Gebäude, dass irgendwie nach alt aussieht, eine Abbruchsperre erheben. Und Solarzellen oder andere resourcensparende Energiequellen gehen schon gar nicht. Da werden wir in 20'000 Jahren noch auf Atomkraft angewiesen sein!!

    • Roger Egli am 22.05.2012 13:09 Report Diesen Beitrag melden

      Kontext?

      Was hat Denkmalschutz denn mit verhindern zu tun?

    einklappen einklappen
  • Archimedes von Syrakus am 20.05.2012 16:43 Report Diesen Beitrag melden

    mechanics

    gebt mir einen hebel der lang genug ist und ein festen punkt, dann hebe ich die erde aus ihrer achse. tolle sache, leider aber unnötig, die gebäude rund um dieses haus sehen schon zu modern aus, wenn wir es jetzt abbrechen würden, würde das kein schaden darstellen.