Schwarz-Weiss-Denken

08. März 2012 23:47; Akt: 08.03.2012 23:47 Print

Wenn Vorurteile zum Nachteil werden

Mit Hilfe von Computersimulationen ergründen ETH-Forscher ein weitverbreitetes Sozialverhalten des Menschen: Das Vorurteil. Und raten uns, öfters mit Andersartigen in Kontakt zu treten.

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Vom schwarzen Schaf lernen: Vorurteile abzubauen, kann zu einem persönlichen Mehrwert führen. (Bild: Keystone)

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Menschen mit Vorurteilen sind auf die Dauer im Nachteil. Sie lernen nichts dazu und verpassen dadurch viele Chancen, wie zwei Forscher der ETH Zürich anhand von Computersimulationen im Fachmagazin «PLoS ONE» zeigen.

Vorurteile gelten gemeinhin als irrational, wie die ETH Zürich in ihrer Webzeitung «ETH Life» schreibt. Trotzdem sind sie allgegenwärtig: Wir alle stecken ab und zu einen anderen Menschen vorschnell in eine Schublade. Könnte es also sein, dass Vorurteile eine effektive Methode sind, um Gefahren rasch zu beurteilen?

Dieser Frage gehen die beiden ETH-Soziologen Dirk Helbing und Thomas Chadefaux nach. Sie haben untersucht, unter welchen Bedingungen intuitiv gefällte Urteile sinnvoll sein können - und wann sie in die Irre führen. Sie verwendeten dazu Computersimulationen, in denen sie Spieler aufeinander treffen liessen.

Jemanden richtig kennenlernen

Die Spieler verhalten sich entweder freundlich oder unfreundlich. Die Idee: Wer falsche Entscheidungen trifft, sich zum Beispiel einem unfreundlichen Konterpart gegenüber freundlich verhält, wird übers Ohr gehauen. Um dies zu vermeiden, muss ein Spieler also die anderen Spieler kennenlernen.

Helbing und Chadefaux fütterten ihr Modell mit fünf verschiedenen Strategien. Bei einem Szenario sind die Spieler bei jeder Begegnung unfreundlich, also voller Vorurteile. Eine zweite Strategie verfährt nach dem Prinzip «Wie du mir, so ich dir»: Der Spieler imitiert das Verhalten des Gegenübers. Die anderen Strategien stehen für unterschiedliche Grade von Vorurteilen.

Bei allen fünf Szenarien variierten die Forscher die Anzahl der Teilnehmer und die Dauer des Spiels. Insgesamt spielten sie die Simulationen 15 Millionen Mal durch. Die Dauer des Spiels und die Anzahl Teilnehmer sind für das Resultat entscheidend, wie Helbing und Chadefaux berichten.

Kurzfristig erfolgreich

Dauert das Spiel kurz und nehmen viele Personen daran teil, sinkt die Chance, dass zwei Spieler mehrmals aufeinander treffen. Es bleibt weniger Zeit, die anderen kennenzulernen. In diesem Fall ist die unfreundliche Vorurteilsstrategie am erfolgreichsten. Doch wenn das Spiel länger dauert, setzen sich die differenzierten Strategien durch.

«Vorurteile sind - nicht zuletzt weil sie schnell und einfach gebildet werden - in der Alltagswelt oft bequem, scheitern aber, wenn die Umgebung komplexer wird», zitiert «ETH Life» Dirk Helbing. Vorurteilsbehaftete Strategien entwickeln sich nicht weiter: Sie lernen nicht aus ihren Fehlern und schneiden deshalb auf die Dauer schlecht ab.

Neue Erfahrungen

Am besten sind auf lange Sicht Strategien, die vielfältige Erfahrungen machen und bereit sind, ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Übertragen auf die Gesellschaft bedeutet dies laut den Forschern, dass man den Austausch mit unterschiedlichen Menschen suchen und fördern sollte.

«Besonders Minderheiten haben das Problem, dass man sie oft falsch behandelt, weil man sie nicht gut genug kennt», sagte Helbing. Es gehe also darum, mehr mit andersartigen Menschen in Kontakt zu kommen, um nicht Chancen zu vertun.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • individuglobal am 09.03.2012 12:56 Report Diesen Beitrag melden

    rätsel

    vorurteile sind mir ein rätsel. ich verstehe das gar nicht. es ist doch total ersichtlich, dass jeder mensch anders ist und es trotz 8 milliarden fast keine identischen leute gibt... macht doch mal die augen auf!

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  • Barbar Honegger am 09.03.2012 00:06 Report Diesen Beitrag melden

    Genau das ist das Problem

    Die Studie kommt sicher nicht ganz von ungefähr und richtet sich sicher nicht zufällig gegen die Politik einer bekannten grossen Volkspartei. Und sie trifft den Punkt, sie trifft den Kern. Es geht manchen um das Ausgrenzen und noch schlimmer - Macht und Politik auf Kosten von Ausländern und "Masseneinwanderern". Die Studie belegt, dass Berührungsängste besser überwunden als verstärkt werden. Zum Wohle unserer Zukunft, zum Wohle der Schweiz.

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  • hansueli am 09.03.2012 08:46 Report Diesen Beitrag melden

    Kontakt suchen

    Bezeichnenderweise haben fast immer die Menschen am meisten Vorurteile gegen etwas Fremdes, welche am wenigsten Kontakt damit haben. Wieso stimmen die Innerschweizer häufig für rechte Vorlagen? In der Innerschweiz gibt es am wenigsten Ausländer. Das zieht sich bei allen Themen durch alle Bevölkerungsschichte. Die meisten Leute, die regelmässig Kontakt zu anderen Religionen, Ethnien, politisch ander Denkende usw. haben, verlieren automatisch ihre Vorurteile.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Freddy Meyer am 11.03.2012 19:24 Report Diesen Beitrag melden

    Vorurteile sind menschlich

    Ich studiere selbst an der ETH und halte nicht viel von solch wissenschaftlich halb korrekten Studien. Letzendlich ist es eine Abwägung von positiven und negativen Einflüssen. Vorurteile sind natürlich und ergeben durchaus auch Sinn. Versicherungen, Zollwärter usw. haben dies schon längst erkennt. Krasses Beispiel: Osteuropäische Einwanderer zahlen eine höhere Autoversicherung als Schweizer, tönt zwar rassistisch, ist aber durch die höhere Unfallsquote, quasi durch Vorurteile berechtigt.

  • Tamara am 10.03.2012 00:03 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt nur eine Menschenart!

    Alle Menschen sind sehr eng verwandt und gehören zur selben Art. Darum befremdet mich der Begriff andersartig.

  • haengsdoch am 09.03.2012 16:42 Report Diesen Beitrag melden

    Angst...

    Menschen, mit denen du dich nicht Unterhaltest, lernst du nicht kennen. Was du nicht kennst, davor fürchtest du dich! Sprich mit den Menschen, sei offen zu allem, und besiege die Furcht! =)

  • Peter Bärtschi am 09.03.2012 15:38 Report Diesen Beitrag melden

    Weisses Schaf in Afrika

    Ich bin gerade in Westafrika und werde den Versuch wagen. Da ich ja hier das 'weisse Schaf' bin, werde ich mich nun hinsetzen und neugierig abwarten, bis all die freundlichen 'schwarzen Schafe' sich über ihre Vorurteile hinweggesetzt haben und den freundlichen Kontakt mit mir suchen.

    • Peter Bärtschi am 09.03.2012 20:23 Report Diesen Beitrag melden

      Testbericht aus Afrika

      ...nach 1.5h Test wie oben erwähnt: Ein schwarzes Schaf, dass sich nach Geld erkundigt hat. Einige neugierige Blicke aus Distanz. Fazit: Sich in einem fremden Land einfach hinzusetzen und über die Vorurteile der anderen nachzudenken bringt nix. Man muss aktiv auf die andern zugehen und seinem Gastland Interesse entgegenbringen für Sprache, Sitten und Gebräuche. Und dann klappts mit dem Kontakt und der Bewusstseinerweiterungen...hier in Afrika genauso für uns Europäer, wie auch für den Afrikaner bei uns zuhause in der Schweiz. (Versuchsort Accra, Ghana)

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  • Sam Lang am 09.03.2012 14:20 Report Diesen Beitrag melden

    Wer ohne Fehl, werfe den ersten Stein.

    Vorurteile haben wir doch alle, Linke gegen Rechte, Rechte gegen Linke, Moslems gegen Christen, Christen gegen Moslems, die vom Land gegen die von der Stadt, Städter gegen die vom Land, Deutschweizer gegen Welsche, Welsche gegen Deutschschweizer, die Liste liesse sich ins Unendliche fortsetzen.