Teufelskreis

24. Mai 2014 06:35; Akt: 24.05.2014 06:35 Print

Wer arm ist, bleibt es meist ein Leben lang

Armut erzeugt Stress und Angst. Dies kann sich negativ auf das wirtschaftliche Handeln von Menschen auswirken und ihnen den Weg aus der Armut erschweren.

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Wer täglich vor der Frage steht, wie er seine Kinder ernähren soll, kann es sich kaum leisten, risikoreiche Entscheidungen zu treffen. (Bild: Keystone)

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Für mittellose Menschen ist es schwierig bis unmöglich, die Armut zu durchbrechen. Forscher der Universität Zürich und des MIT führen in ihrer Analyse mit dem Titel «Zur Psychologie der Armut» Studien an, die das untermauern.

Ernst Fehr, Direktor des Instituts für Volkswirtschaftslehre und des UBS International Center of Economics in Society an der Universität Zürich, und sein Kollege Johannes Haushofer vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge haben im Fachblatt «Science» haben mehrere solche Sudien zusammengefasst.

Den Beginn der Argumentationskette stellt die Annahme dar, dass Armut zunächst Stress, Angst und negative Emotionen erzeugt, wie Fehr im Gespräch mit der Nachrichtenagentur APA erklärte. Dies wird von Studien untermauert.

Angst wirkt sich negativ auf Risikobereitschaft aus

Im nächsten Schritt zeigen die Wissenschaftler die psychologischen Auswirkungen von Angst und Stress auf das wirtschaftliche Handeln. Menschen, die etwa als Tagelöhner arbeiten und somit täglich vor der Frage stehen, wie sie ihre Kinder ernähren sollen, können es sich, der Theorie nach kaum leisten, risikoreiche Entscheidungen zu treffen. «Sie gehen von 'risikoavers' zu 'sehr risikoavers' über und gewichten zukünftige Erträge geringer», wie es Fehr ausdrückt.

Sie konzentrieren sich auf aktuell verfügbares Einkommen zulasten der Aussicht auf ein in der Zukunft liegendes höheres Einkommen. Auch Investitionen, die sich erst viel später rentieren, wie etwa eine langwierige Ausbildung, werden nicht getätigt. «Es fehlt der lange Atem», so Fehr.

Elektroschocks und Investitionsentscheidungen

Das verminderte Risikoverhalten wird meist in Laborstudien untersucht, in denen die Testpersonen Stress und Furcht ausgesetzt sind. Fehr führte etwa eine Untersuchung durch, bei der den Probanden eine Elektrode an einer Hand angebracht wurde, die unangenehme Reize knapp unter der Schmerzgrenze erzeugte.

Die Personen konnten nicht beeinflussen, wann ein solcher Reiz kam. «Das erzeugt verlässlich Angst und Furcht», erklärt Fehr. Gleichzeitig mussten die Probanden sehr viele Investitionsentscheidungen treffen, die mit gewissen Risiken verbunden waren. «Diese Hintergrundangst erzeugt ganz klar eine niedrigere Investitionsbereitschaft. Das ist in gewissem Sinne ein besonders überzeugendes Experiment, weil es eindeutig einen kausalen Zusammenhang zwischen Angst und Risikobereitschaft belegt», erklärte der Forscher.

Bedingungslose Geldspenden als Lösung

Folgt man der Argumentationskette der Wissenschaftler, ergeben sich mehrere Ansätze, um Armut und ihre Konsequenzen zu bekämpfen. Man könnte etwa Menschen in Armut einfach Geld geben.

Mitautor Johannes Haushofer untersuchte die Wirkungen, die an keine Bedingung geknüpfte Geldspenden auf arme Menschen in Kenia hatten. Ein Jahr nach der Spende berichteten die Menschen über viel höheres Wohlbefinden und ein signifikant niedrigeres Stressniveau.

«Eine andere Methode ist, dass man die Konsequenzen der Armut bekämpft. Man weiss, dass arme Leute eher depressiv sind und in psychiatrische Behandlung müssen», erklärte Fehr. Therapeutische Massnahmen könnten dabei helfen, «Handlungskompetenzen zu erhöhen, die es den Menschen dann ermöglichen, eher aus der Armut rauszukommen». Die Analyse von Haushofer und Fehr ist Teil einer Schwerpunktausgabe der Fachzeitschrift «Science» zum Thema «Die Wissenschaft der Ungleichheit» mit Beiträgen zahlreicher namhafter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

(fee/sda)

Ausgewählte Leser-Kommentare

Einstellung hat etwas mit Selbstwirksamkeit zu tun (daran zu glauben, dass man etwas schafft). Selbstwirksamkeit bildet sich durch positive Erfahrungen und da haben sie Recht, denn das muss nicht geldabhängig sein. Stress ist zudem ein individuelles Empfinden (was den einen stresst lässt den anderen kalt) und ist grossenteils an die Selbstwirksamkeit (ich kann) gekoppelt. Als Kind ein Lagerfeuer zu entfachen und eine Servelat zu bräteln kann eine positive Erfahrung sein (ein Feuer entfachen zu können) und kostet nicht mehr, als eine Servelat in der Pfanne zu braten. – Bruno

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • A.W. am 24.05.2014 08:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ...dein Nachbar

    Das ist auch mitten in der Schweiz so. Wenn man über 40 Jahre ist und keinen Job mehr hat und ausgesteuert ist hat man nicht nur keine Chancen auf eine Stelle, sondern das System bekämpft dich. In der Innerschwyz ist man schlicht ausgeliefert. Schlimm wenn man versucht über Hilfswerke und Institutionen auch nur Ansatzweise Hilfe zur Selbsthilfe zu bekommen und alles was man hört ist dass man hierfür nicht zuständig sei. Es ist schön dass die Menschen spenden wenn Not ist, aber hier sieht man die Not nicht und leider will man sie nicht sehen.

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  • Pessimist sondergleichen am 24.05.2014 11:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Düstere Zukunft

    Ich glaube, dass der Trend eher in Richtung reich oder arm geht, es wird kein dazwischen mehr geben... Denn fast jeder Staat ist hoch verschuldet. Der Mittelstand muss dann für diese Schulden aufkommen, weil Arme zu wenig haben, um sie mitzutragen und die Reichen wenig Steuern bezahlen müssen, weil niemand will, dass sie abwandern. Somit geht die Schere immer mehr auf und der Mittelstand verarmt, wegen der weitverbreiteten Schuldenpolitik.

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  • ZAHIR am 24.05.2014 09:53 Report Diesen Beitrag melden

    nicht nur in Kenia

    wenn man mir Geld gibt, sinkt mein Stress auch und das Leben gefällt mir besser. Dazu muss ich kein Kenianer sein. Ist in der Schweiz auch so: Sohn bzw. Tochter von Bundesrat werden auch wieder Bundesrat, weil Network, Geld und Zeit vorhanden ist. Wer unten strampelt, muss unten weiterstrampeln, Ausnahmen betätigen die Regel. Nach einer Zeit der Vernunft drücken die oben wieder die unteren Löhne ohne Scham. Es wird knallen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • meine Meinung am 25.05.2014 15:31 Report Diesen Beitrag melden

    Wir unterstützen Armut in CH

    Eigentlich unterstützen wir die Armut mit unserem System: z.B: warum können sich Paare mit Kindern trennen und danach wieder eine neue Familie mit 2 Haushalten gründen (Alimente etc. zahlt dann der Staat, KK ebenso, da die geschiedenen Väter ja wiederum einen Haushalt eröffnen, neue Kinder in die Welt setzen etc.). In der CH bezeichnen sich schon Leute als arm, wenn sie kein PW, Handy-Abo etc. haben. Wir sind eine Konsum-Gesellschaft geworden, die gar nicht weiss, was echte Armut bedeutet. Bei meinem Vater gab es am Sonntag einen Cervelat (Wurst für Grossvater, "Schelfärä" für die Kinder)

  • Ph.La. am 25.05.2014 11:42 Report Diesen Beitrag melden

    Handelt endlich

    Lasst die Armen, egal aus welcher Gesellschaftsschicht, nicht gegen das System kämpfen. Das zermürbt. Ist man einmal unten angekommen, wird es schwer. Ein so reiches Land wie die Schweiz hat die kontrollierten Möglichkeiten, Menschen aus diesem Teufelskreis heraus zu bringen. Und die meisten wollen, können und haben das Know how dazu. Es rechnet sich im Nachhinein.

  • Mim am 25.05.2014 08:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    !!!

    Jaja, aber das ist ja mit system, es kann jeder reich werden! ABER nicht ALLE! Bald sind wir alle da wo uns die wirtschaftsbosse haben wollen... Verschreckte, abhängige sklaven! Es gibt immer mehr solche soziop... Oder psychop... wie der amazon boss. Und deswegen stimmt jaaaaaaaaaaa zum grundeinkommen!!!!! Stellt euch vor, die arbeit könnte kreativer sein, mehr teilzeit wäre möglich. Die stress bedingten (negativer stress durch idioten von chefs) krankheiten gingen zurück, wir prostituieren uns nicht mehr. Das wäre das neue zeitalter!!! Die macht dem volke!!

  • Dr. OhNo am 25.05.2014 01:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ihr Teufelskerle!

    Den Beginn der Argumentationskette stellt die Annahme dar, dass Armut zunächst Stress, Angst und negative Emotionen erzeugt, wie Fehr im Gespräch mit der Nachrichtenagentur APA erklärte. Dies wird von Studien untermauert... neiiiiin, echt? Da haben sich aber mal wieder die klügsten Köpfe nicht lumpen lassen und sich heftig aus dem staatlich bezahlten Fenster gelehnt...wahre Götter in Birkenstock!

  • Alene Hofmann am 25.05.2014 00:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer nicht erheiratet oder erbt, bleibt arm bis er

    Das Grundübel ist das Vererbungsprinzip. Die einen erben Millionen, wenn nicht gar Milliarden, andere hingegen rein gar nichts oder sind gezwungen Schulden zu übernehmen (Steuerschulden können nicht abgelehnt werden). Zum Vererbungsprinzip zähle ich auch ein Beziehungsnetz, in welches man hineingeboren wird. Sehr reiche Leute können sich gute Steuerberater leisten, arme hingegen nicht. Was bleibt nach Zahlung der Miete, Steuer, Krankenkasse und sonstige Pflichtversicherungen? Dem Armen nur Existenzangst und Kummer, dem Wohlhabenden die Wahl der freien Lebensgestaltung.