Karatschai-See

30. Mai 2019 12:13; Akt: 30.05.2019 14:29 Print

Wer sich hier 30 Minuten aufhält, riskiert sein Leben

von Fee Riebeling - Der Karatschai-See im südlichen Ural gilt als einer der gefährlichsten Orte der Welt. Schon ein kurzer Aufenthalt kann tödliche Folgen haben.

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Der radioaktiv verseuchte Karatschai-See im südlichen Ural gilt als einer der gefährlichsten Orte der Welt. Schon ein kurzer Aufenthalt kann tödliche Folgen haben. Inzwischen wurde der See mit einer meterdicken Betondecke abgedeckt. Auf den ersten Blick wirkt Osjorsk im Südural wie eine gewöhnliche Arbeiterstadt. Doch spätestens am Stadteingang wird klar: Hier ist alles anders. Denn bis heute dürfen Besucher nur auf Einladung und mit Genehmigung einreisen. Wer spontan reinmöchte, wird von elektrischen Zäunen und Soldaten gestoppt. Der Grund dafür liegt weit in der Vergangenheit - als Osjorsk noch Tscheljabinsk-40 hiess. Gegründet wurde die Stadt 1946 als Reaktion auf die beiden Atombomben, die die Amerikaner im Jahr zuvor auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatten. Die Vorkommnisse hatten die Sowjets eiskalt erwischt, weil ihr Atomprogramm weit weniger fortgeschritten war. (Im Bild: Atombombe über Hiroshima) Ein Unding, befand der sowjetische Diktator Josef Stalin. Und er befahl, nachzuziehen. Im Ural liess er gleich mehrere Rüstungsstädte errichten. Tscheljabinsk-40 war eine davon. Dafür wurde extra ein Gebiet von 980 Quadratkilometern zur Sperrzone erklärt. Abgeschottet von der Aussenwelt, arbeiteten dort Forscher um Atomphysiker Igor Kurtschatow rund um die Uhr an der Entwicklung der ersten sowjetischen Atombombe. Dreh- und Angelpunkt war jedoch die Anlage Majak in der Nähe von Osjorsk, in der waffenfähiges Plutonium hergestellt wurde. Die Geheimhaltung funktionierte so gut, dass sogar ein Atomunfall – der sogenannte Kyschtym-Unfall – mehrere Jahrzehnte vor der ganzen Welt verheimlicht werden konnte. Nach einer Panne des Kühlsystems explodierten am 29. September 1957 80 Tonnen hochradioaktiver Abfall Dabei wurde nach heutigem Wissensstand mehr atomare Strahlung freigesetzt als beim GAU von Tschernobyl. (Im Bild: der havarierte Reaktor von Tschernobyl) 270'000 Menschen wurden verstrahlt, Zehntausende in aller Eile evakuiert. Insgesamt 22 Dörfer mussten dem Erdboden gleichgemacht werden. Die radioaktive Wolke bedeckte damals 23'000 Quadratkilometer und damit eine Fläche, die halb so gross wie die Schweiz ist. Doch das alles wurde verschwiegen. Zwar wurden in den 1970er-Jahren vom sowjetischen Biochemiker und Dissidenten Schores Medwedjew erstmal Vermutungen geäussert, doch Glauben schenken wollte ihm niemand. Stattdessen landete er zeitweise in einer psychiatrischen Klinik. So wurde erst 1989 im Rahmen von Glasnost offiziell bekannt, was 32 Jahre vertuscht worden war. Die Sowjetunion, in der Michail Gorbatschows Perestroika zu mehr Offenheit auch in solchen Dingen geführt hatte, informierte die Internationale Atomenergieagentur über die Katastrophe ... ... und das ganze Ausmass, an dessen Folgen Menschen, Tiere und Natur in der Region noch heute leiden.

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Osjorsk (Stadt am See) – der Name klingt malerisch. Und er legt nahe, dass man sich dort herrlich am Wasser erholen kann. Doch der Schein trügt.

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Dies einerseits, weil die Stadt nach einem Atom-GAU im Jahr 1957 radioaktiv verstrahlt ist (siehe Bildstrecke oben) und deshalb nur auf Einladung sowie mit Genehmigung besucht werden darf.

Andererseits, weil der im Stadtnamen erwähnte See aufgrund seiner radioaktiven Strahlung als einer der gefährlichsten Orte der Welt gilt – und das nicht erst seit dem Atomunfall.

Sorglose Entsorgung von Atommüll

So leiteten die Mitarbeiter der nahe gelegenen Kerntechnischen Anlage Majak (siehe Box 1) die dort abfallenden radioaktiven Abfälle ab 1948 in den rund 50 Hektar grossen, künstlichen See. Welche Mengen damals diesen Weg nahmen und wie lange, wurde nie öffentlich gemacht.

Doch es dürften gigantische Mengen gewesen sein. So berichtete die «Süddeutsche Zeitung» vor einigen Jahren, dass noch immer vier Exabecquerel des langlebigen radioaktiven Elementes Cäsium-137 lagern (siehe Box 2). Das bedeutet, dass dort pro Sekunde vier Milliarden Atomkerne zerfallen und dabei radioaktive Strahlung freisetzen.

Für die Menschen in der Region hatte das tödliche Folgen. Denn das verseuchte Wasser gelangte auch in die Flüsse der Umgebung – und so zu den Menschen. Die Bauern tranken es oder fingen und assen die darin schwimmenden Fische.

Weitere Katastrophe

Mitte der 1960er-Jahre trocknete der See aus und schrumpfte auf 15 Hektar zusammen. Heftige Stürme verteilten die trocken gefallenen, radioaktiven Sedimente als Staub viele Kilometer weit. Insgesamt wurden dabei gemäss Zeit.de 200'000 Gigabecquerel freigesetzt.

Rund eine halbe Million Menschen sollen einer Strahlendosis ausgesetzt worden sein, die etwa so hoch gewesen sein soll wie in Hiroshima nach dem Abwurf der Atombombe.

Betonabdeckung bröckelt

Damit sich Derartiges nicht mehr wiederholt, wurde der See mittlerweile mit einer meterderdicken Betondecke abgedeckt.

Nicht das Gewässer oben links ist der Karatschai-See, sondern die beige-gräuliche Fläche unten rechts im Bild. (Bild: Google)

Die finalen Arbeiten sollen im Jahr 2015 stattgefunden haben. Um die Arbeiter nicht zu gefährden, durften sie sich nur kurze Zeit vor Ort aufhalten. Die Fahrzeuge waren zum Schutz vor der Strahlung mit Bleiplatten verstärkt.

Doch trotz dieser Vorkehrungen ist die Gegend um den Karatschai-See alles andere als sicher. Verschiedenen Medienberichten zufolge soll die radioaktive Belastung in der Gegend die globalen Richtwerte teilweise um ein Tausendfaches überschreiten. Schon eine halbe Stunde soll tödliche Folgen haben.

Hinzu kommt, so der MDR, dass die Abdichtung bereits bröckeln soll.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Geologe am 30.05.2019 12:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Seit ich die Menschen kenne...

    ....liebe ich die Tiere.

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  • mondstern am 30.05.2019 12:45 Report Diesen Beitrag melden

    Da hilft nur Verdrängen

    Wir sitzen alle auf einer Zeitbombe. Die Entsorgung der nuklearen Abfälle ist keinesfalls geklärt. Geschweige denn die alten AKW's, von welchem auch eines in der CH steht

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  • Peter G. am 30.05.2019 14:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Karasee

    In der Karasee liegen mehrere im Meer entsorgte Reaktoren von russischen AKW's und zwei U-Boote mit Brennstäben. Es wird in den nächsten 20 Jahren zur Kernschmelze kommen unter Wasser, ähnlich Tschernobyl. Warum interessiert das niemanden? Warum gehen wir in unserer Naivität fürs Klima auf die Strasse und bringen nicht zuerst die wirklich wichtigen Probleme in Ordnung???

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Die neusten Leser-Kommentare

  • MrX8600 am 01.06.2019 10:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mehr davon

    Sehr interessanter Bericht - Bitte mehr davon

  • hugi am 31.05.2019 08:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    bravo mensch!?

    egal wo der mensch seinen strahlenden abfall auf unsem planeten entsorgt, es wird ihn einholen! und was im meer entsorgt wurde/wird kommt ja als wasserdampf (regen) wieder zu uns zurück! und da gibt es leute die behaupte, der mensch sei das inteligenteste lebewesen auf dem planeten???......

  • Kubi am 31.05.2019 08:05 Report Diesen Beitrag melden

    Gibt's auch in der Schweiz

    Als wir nach Aargau eingezogen sind haben wir von der Gemeinde Medikamente erhalten falls so ein AKW ausbricht wegen Strahlung oder so, Not Tabletten erhalten. Tschau Hafe das in der schönen kleinen neutralen Schweiz? Leck mier.

    • Ou Mann am 31.05.2019 09:27 Report Diesen Beitrag melden

      Grosses Kino

      Was für ne Leuchte du doch bist. Da fehlen einem die Worte.

    • Radioactiv Man am 31.05.2019 17:50 Report Diesen Beitrag melden

      Tschernobyl gab es schon in der Schweiz

      Eine Kernschmelze in einem Reaktor à la Tschernobyl hat es bereits 1969 in der Schweiz gegeben (Lucens VD). Die Überreste davon lagern bis heute oberirdisch in einem Zwischenlager in Würenlingen AG.

    • mondstern am 31.05.2019 19:53 Report Diesen Beitrag melden

      Was, wenn?

      @Radioactiv Man Danke, dass du das erwähnst. Viele wissen nix davon. Das Zeug wird Oberirdisch gelagert. Noch Fragen?

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  • Strahlemann am 31.05.2019 07:27 Report Diesen Beitrag melden

    Ist doch schön

    Wir werden alle jünger, mit einer mega Ausstrahlung und einer strahlender Zukunft. Und die Geigerzähler werden sich besser verkaufen als alle I-pads. Na dann, freuen wir uns doch.

  • Ironischer Homosapiens am 31.05.2019 06:54 Report Diesen Beitrag melden

    Das Ende des Menschen

    Tolle Gegend, mit spezieller Eigenschaft. Freuen Sie sich darauf. Bald auch in Ihrer Nähe.