Freizeit statt Karriere

04. Dezember 2013 17:16; Akt: 05.12.2013 10:04 Print

Wer will überhaupt noch Chef werden?

Ein erfüllender Job und mehr Freizeit statt Chef sein und das grosse Geld verdienen: Nach der Generation Y pfeifen jetzt auch Ältere auf die Karriere.

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Dass die unter 30-Jährigen - die sogenannte Generation Y - lieber auf eine steile Karriere verzichten und stattdessen mehr Freizeit und einen erfüllenden Job bevorzugen, ist bekannt. Jetzt streben auch die Älteren, die immer als karrieregeil galten - die sogenannte Generation X - vermehrt nach einer Ausgeglichenheit zwischen Arbeit und Privatleben.

Zu diesem Schluss kommt die Swiss Professional Karrierestudie von Universum basierend auf einer Umfrage unter 2133 Berufstätigen diverser Fachrichtungen. «Wichtig in diesem Zusammenhang ist das Wort Work-Life-Balance», sagt Nelly Riggenbach Hasler von Universum. Dieses beinhalte sowohl Spass am Job, ein gutes Klima am Arbeitsplatz, aber auch Zeit für sich. Der Wunsch nach alldem habe mittlerweile die ganze Arbeitnehmerwelt erreicht.

Workaholics sind out

Heisst das, unsere Gesellschaft ist einfach faul geworden? «Nein, sie stellt lediglich ihre Bedürfnisse in den Vordergrund», so Riggenbach Hasler. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Veränderung, die von den Jungen in Bewegung gesetzt worden sei, mittlerweile aber auch die Älteren angesteckt habe. Die Folge sei eine enorme Verschiebung: Die Arbeitnehmer geraten an die Macht, nicht mehr der Arbeitgeber. Auch das Bild eines erfolgreichen Menschen habe sich verändert. «Es ist nicht mehr der Workaholic, der täglich 12 Stunden arbeitet, einen Sportwagen fährt, eine halbe Million im Jahr verdient, dafür sein Privatleben opfert, seine Kinder nie sieht und völlig überarbeitet ist, der bewundert wird. Sondern jener, der sowohl im Job als auch im Privatleben sein Potenzial entfalten kann.»

Die Generation X ziehe jetzt nach: «Man kann hier durchaus von Neid sprechen. Diese Menschen haben gesehen, wie sich die jüngeren Kollegen ihren Alltag einrichten, und wollen nun dasselbe.» Die heutige Generation sei fordernd und ungeduldig, darauf müssten sich die Arbeitgeber jetzt einstellen und entsprechende Anpassungen vornehmen. «Ansonsten werden die Firmen, die diese Bedürfnisse nicht ernst nehmen, im Wettkampf untergehen.»

Eine Win-Win-Situation

Konkret heisse das: Teilzeitstellen und Krippenplätze schaffen, Erholungs- und Fitnessräume ins Firmengebäude integrieren, gesundes Essen anbieten und flexible Arbeitsplätze und –Bedingungen ermöglichen. «Das Phänomen hat bereits begonnen, Menschen reduzieren ihr Pensum, wechseln von der Führungskraft zur Fachkraft und verlangen ein gutes Klima in der Firma.»

Grundsätzlich sei diese Entwicklung äussert vorteilhaft für beide Seiten. «Ich würde sogar von einer Win-Win-Situation sprechen.» Die Arbeitnehmer seien entspannter und ausgeglichener und deshalb auch effizienter. «Jemand, der Spass an seinem Job und Zeit für sich hat, arbeitet auch gerne mal 10 Stunden.» Dies komme natürlich auch den Firmen, Kollegen und Vorgesetzten zugute.

Leistungsdruck und ständige Erreichbarkeit

Auch bei den Abreitsvermittlungen Manpower und Adecco hat man diese Entwicklung beobachtet: «Wir stellen fest, dass in der heutigen Zeit der Trend nach einer gesunden Work-Life-Balance nicht ausschliesslich bei der Generation Y anzutreffen ist», sagt Adecco-Sprecher José M. San José. Gerade Zeiten, in denen Unsicherheit über die weltweite Wirtschaftsentwicklung herrscht, bedeuteten für Arbeitnehmer auch laufend wachsende Anforderungen, die Erbringung einer überdurchschnittlichen Leistung bei gleichzeitig hoher Qualität sowie eine ständige Erreichbarkeit. «Entsprechend nimmt die Wichtigkeit und der Stellenwert einer ausgeglichenen Work-Life-Balance stetig zu.»

Der Einfluss der jüngsten arbeitenden Generation Y mache sich bemerkbar, sagt auch Yvonne Baumgartner von Manpower. «Die Entwicklung der Technologien hat das Leben generell beschleunigt, und die Erkenntnis, dass die Balance zwischen Arbeit und Freizeit wichtig ist, um arbeitsfähig zu bleiben, ist elementar.»

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