Baumwoll-Recycling

15. April 2018 22:47; Akt: 15.04.2018 22:47 Print

Wie aus einem alten Shirt neue Fasern entstehen

Unser Hunger nach neuen Kleidern wächst und wächst. Doch noch mehr Baumwolle gibt die Erde nicht her. Eine Lösung bieten neue Recyclingverfahren.

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Seit der Jahrtausendwende hat sich die weltweite Kleiderproduktion mehr als verdoppelt und steht zurzeit bei rund 100 Millionen Tonnen pro Jahr. Geht es so weiter, wird bis 2050 gar mit 300 Millionen Tonnen gerechnet. Gleichzeitig wird Kleidung bei uns nur noch halb so lange getragen wie vor 15 Jahren. Zusammen ergibt das einen gigantischen Berg an Altkleidern, die zum grössten Teil direkt in den Abfall wandern.

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Das ist eine enorme Verschwendung von Ressourcen. Besonders wenn man bedenkt, dass viele Kunstfasern aus dem endlichen Rohstoff Erdöl gewonnen werden und der Anbau der wichtigsten Naturfaser Baumwolle wohl bereits seinen Höhepunkt erreicht hat. Es gibt kaum mehr neue Anbauflächen, da diese für die Lebensmittelproduktion gebraucht werden. Ein Ausweg könnten neue Recyclingverfahren für Baumwolle bieten.

Vielversprechende Innovationen

Bereits heute wird Baumwolle recycelt. Das mechanische Verfahren funktioniert so, dass Baumwollgewebe bis auf die einzelnen Fasern geschreddert wird. Das resultierende Produkt ist zwar weiterhin Baumwolle, hat aber deutlich kürzere Fasern. Diese sind nur beschränkt für die Produktion von neuen Kleidern verwertbar, weil grundsätzlich kein genug feines und genug festes Garn für eine Textilherstellung erreicht werden kann. So beschränkt sich zurzeit der Anteil von Recycling-Baumwolle in Kleidern meist auf nur 20 Prozent.

Neue Kleider aus 100 Prozent recyclierten Fasern versprechen dagegen neue Verfahren, in denen Zellulose auf chemischem Weg aus gebrauchter Baumwolle herausgelöst wird. Aus dem so entstandenen Zellstoff können neue Viskosegarne gesponnen werden, die sich ähnlich wie Baumwolle anfühlen und genauso wie herkömmliche Regeneratsfasern wie zum Beispiel Modal, Lyocell oder Cupro zu Kleidern verarbeitet werden können.

Mehrere Projekte in verschiedenen Ländern arbeiten an solchen Verfahren, am weitesten ist das schwedische Start-up Renewcell. Es hat das Labor bereits verlassen und letztes Jahr eine Demonstrationsfabrik in Betrieb genommen, die jährlich 7000 Tonnen Zellstoff aus alter Baumwolle herstellen kann. Das mag angesichts des weltweiten Bedarfs nach wenig tönen, doch ein Anfang ist gemacht.

Problematische Mischmaterialien

«Die Technologie ist da, nun müssen Investitionen folgen», sagt Françoise Adler von der Hochschule Luzern. Sie leitet das Texcycle-Projekt, das derzeit nach neuen Produkt- und Designansätzen sucht, um die Ressource Altkleider nachhaltiger zu nutzen. Sie sieht die grossen Marken in der Pflicht, die neuen Technologien zu fördern und in ihre Produktion zu integrieren. Zudem müssten Kleider in Zukunft mit Blick auf eine einfache Wiederverwertbarkeit gestaltet werden. Dazu gehöre die Abkehr von Mischmaterialien, wie zum Beispiel Fasermischungen aus Baumwolle und Elastan, die im Moment im Recycling grosse Probleme verursachen, so Adler.

Sie fordert aber auch ein Umdenken bei den Kunden. Diese sollten ihren Konsum drosseln und qualitativ hochwertigere Kleidung kaufen, die länger getragen werden kann. So könne jeder einen Beitrag leisten, um den Berg an Alttextilien zu reduzieren – unabhängig von Fortschritten beim Recycling gebrauchter Kleider.


Das Konzept hinter Renewcell. (Video: Youtube/Renewcell)

(jcg)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • walter am 16.04.2018 00:48 Report Diesen Beitrag melden

    hoch lebe die Schafwolle

    dann nehmt doch wieder Schafwolle anstatt die in die Verbrennung zu bringen. Entwickelt etwas um Schafwolle zu verfeinern. !!!!

  • Matthias Rust am 16.04.2018 00:02 Report Diesen Beitrag melden

    Weniger kaufen, dafür bessere Ware

    Recyceln ist zwar gut fürs Gewissen, wenn es sich ergibt. Bei Kleidern weiss man aber seit jeher, dass das Material nur ca. 25% des Energiebedarfes und der Verschmutzung der Herstellung ausmacht. Das wichtigste ist, weniger zu kaufen, dafür nachhaltig und qualitativ. Ich kaufe deshalb meine Jeans/Kleider bei Selfnation oder anderen ähnlichen Anbietern. Es gibt einige!

  • Heidi Heidnisch am 16.04.2018 09:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hanf hat Zukunft

    Baumwolle ist ökologisch gesehen nicht besonders naturfreundlich. Viel zu viele Pestizide werden beim Wachstum verwendet, während Bio-Baumwolle recht aufwendig in der Herstellung ist. Alternative: Hanf! Auf einer Hektare könnten damit bis zu viermal mehr Fasern gewonnen werden. Pestizide sind beim Nutzhanf-Anbau nicht nötig. Mit der heutigen Technologie sind alle Arten von Stoffen herstellbar: Jeglicher Baumwollersatz, Manchester, Denim, Twill, Hanfseide, Samt, und sogar weiches Musselin oder anschmiegsames Jersey.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Expat am 18.04.2018 09:48 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Wahl!

    Es ist wohl die einzige Wahl, den Konsumwahn irgendwie halb-ökologisch auszugleichen ... tja, sogar der Sand zum Bauen wird knapp, Baumwolle hat schon die halbe Welt ausgetrocket... somit bleibt nur Recycling ...

  • Mina am 16.04.2018 17:26 Report Diesen Beitrag melden

    wo bleibt die Qualität

    " Hunger nach neuen Kleidern wächst und wächst" Bei der Qualität der heutigen Kleider fallen diese Stücke ja eh nach der zweiten Wäsche auseinander (falls es überhaupt soweit kommt). Dieser billige Ramsch kommt uns teuer zu stehen. Wie sagte schon meine Omi: "Wir sind zu arm für billige Kleider".

    • Expat am 18.04.2018 09:51 Report Diesen Beitrag melden

      Recycling aus sauberen Quellen ...

      Tja, das hat was ... nebst dem unglaublichen Modefimmel gewisser Leute ... ich habe schon Second Hand gekauft, aber seit ich gelesen habe, dass skrupellose Firmen Kleider von verbotenen Quellen anbieten ... hmm ist schon etwas mulmig dabei... das Gefühl bleibt auch beim Recycling ... darum wichtig, Herkunft der Ware muss garantiert werden.

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  • Brigä am 16.04.2018 14:26 Report Diesen Beitrag melden

    Weniger ist besser als mehr!

    Ich habe nicht viele Kleider. Gute Qualität, welche sehr, sehr lange hält. Und wer sich nervt, dass ich sehr oft das Gleiche (frisch gewaschen) trage, muss selber damit klarkommen.

  • Miss White am 16.04.2018 10:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wasserverbrauch?

    Ist an und für sich eine gute Sache. Mich würde aber interessieren, wieviele Liter (Hektoliter?) Wasser dieses Recyclingverfahren verbraucht? Am Allerbesten wäre es wohl, wenn wir faire Preise für die Kleider bezahlen müssten. Ein 3Fr. Shirt wirft sich schnell mal weg, aber wenn das Teil 25.- oder mehr kosten würde?......

  • Sulejka am 16.04.2018 10:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ich schätze natur Produkte

    Ich kaufe eigentlich selten T-Shirts, ich mag Pullis aus Baumwolle und die trage ich ewig. Ich kaufe das was gefällt und so muss ich nicht immer neue Sachen kaufen sie müssen einfach aus natur Faden sein.