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27. November 2018 13:01; Akt: 27.11.2018 13:01 Print

Wie steht es um das Projekt Ocean Cleanup?

Vor und während des Starts des Projekts war der Medienwirbel etwa so gross wie der Plastikstrudel im Meer, den es beseitigen soll. Doch was wurde daraus?

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Mit dem Projekt Ocean Cleanup will der 24-jährige Niederländer Boyan Slat innert fünf Jahren den sogenannten Great Pacific Garbage Patch, auch Nordpazifikwirbel genannt, von 40'000 Tonnen Plastikmüll befreien. Der Startschuss für das gigantische Projekt fiel am 8. September 2018 in San Francisco. Hinter den Beteiligten liegen acht Jahre Vorbereitungszeit. (Im Bild: Boyan Slat mit Pressevertretern) Zunächst wurde die erste Ausbaustufe (System 001) der U-förmigen Anlage unter der Golden Gate Brücke hindurch knapp 500 Kilometer von der Küste weg aufs offene Meer gezogen. Nach weiteren Tests zog der schwimmende Müllfänger dann zum Great Pacific Garbage Patch weiter... ... ... der rund dreimal so gross wie Frankreich ist. Dort befindet er sich jetzt (Stand: 27.11.) Die am Meeresgrund verankerte Vorrichtung besteht aus langen, luftgefüllten Plastikrohren, an denen Nylonnetze hängen. Diese ragen drei Meter ins Meer hinunter und bilden so eine Art gigantische Kehrichtschaufel. Der Plastikabfall wird durch die Meeresströmung in diese schwimmenden Barrieren getrieben, wo er alle sechs bis acht Wochen von Schiffen eingesammelt wird. System 001 soll eine Länge von 600 Metern haben. Einmal im Great Pacific Garbage Patch angekommen, sollen die Barrieren auf Dutzende Kilometer Länge ausgebaut werden – um möglichst viel Plastik aufsammeln zu können. Für Meeresbewohner stellt die Vorrichtung laut Ocean Cleanup keine Gefahr dar, da sie von der Strömung unter dem Nylonnetz durchgedrückt würden. Meeresbiologen befürchten allerdings, dass die Vorrichtung dennoch zu einem Massengrab für kleine Lebewesen werde könnte. Slats Ocean-Cleanup-Projekt ist jedoch nicht das einzige, das die Weltmeere von Müll befreien soll. Noch weit von einer Realisierung entfernt ist das Pacific Garbage Screening (PGS) der deutschen Architektin Marcella Hansch. Die riesige Plattform (400 Meter lang) soll Plastikpartikel ohne für Meerestiere gefährliche Netze aus dem Wasser filtern. Da Plastikteilchen, obwohl sie leichter als Wasser sind, durch die Meeresströmung bis zu 30 Meter in die Tiefe gezogen werden können, soll das PGS die Strömung durch seine Bauform zuerst beruhigen. Im ruhigen Wasser soll das Plastik dann durch seinen eigenen Auftrieb an die Wasseroberfläche steigen. An der Oberfläche angekommen, kann das Plastik auf einfachem Weg gesammelt und abgeschöpft werden – ohne Netze. Eine erste Hürde hat Marcella Hansch für ihr Projekt bereits genommen: Mitte Juli wurde eine Crowdfunding-Runde erfolgreich abgeschlossen. 231'205 Euro kamen zusammen. Ebenfalls auf hoher See Plastik einsammeln möchte der Schweizer Yvan Bourgnon mit seinem Quadrimaran Manta: Mit dessen Hilfe sollen pro Törn jeweils 600 Kubikmeter Plastikmüll aus dem Meer gefischt werden. Auslöser für das The Sea Cleaners getaufte Projekt waren Bourgnons Beobachtungen während seiner Weltumrundung mit einem Sportkatamaran. Damals konnte er das Ausmass der Ozeanverschmutzung mit eigenen Augen sehen. Noch gibt es die Manta erst als Modell. 2020 soll dann mit dem Bau des Quadrimarans begonnen werden. Laut Bourgnon wird er 70 Meter lang, 49 Meter breit, 61 Meter hoch und 2500 Tonnen schwer sein.Wind und Strom aus erneuerbaren Quellen sollen ihn antreiben. An Bord des Schiffs befindet sich ein Sortierwerk. Die mit Förderbändern aus dem Wasser geholten Abfälle werden an Bord verdichtet. Über 250 Tonnen Plastik kann das Schiff aufnehmen, bis seine Ladung in einem Hafen gelöscht werden muss. An Land sollen die Abfälle fachgerecht wiederverwertet werden. Ziel von Bourgnons Projekt ist es, Plastik aus dem Meer zu holen, bevor es sich in Nanopartikel zersetzt und von lebenden Organismen aufgenommen wird. Verhindern, dass Plastikmüll zu Mikroplastik zerfällt, will auch One Earth – One Ocean (OEOO). Ihr Konzept einer maritimen Müllabfuhr konzentriert sich auf stark verschmutzte Küstenlinien, wie zum Beispiel in Hongkong. Dazu hat OEOO-Gründer Günther Bonin die «Seekuh» entwickelt. Der Katamaran verfügt über eine Netzkonstruktion zwischen seinen Rümpfen. Diese fischt bis in eine Tiefe von vier Metern treibende Kunststoffteile ab. Pro Fahrt könne so zwei Tonnen Müll gesammelt werden. Ist ein Netz voll, wird es verschlossen und mit einer Boje und einem Peilsender versehen, der seine Position an eine Kontrollzentrale überträgt. Auf hoher See soll ein weiterer Katamaran namens Seefarmer die vollen Netze einsammeln und sie zum Energieschiff See-Elefant bringen. Auf ihm wird der Plastikmüll sortiert, zerkleinert, dem Recycling zugeführt oder durch Erhitzung verflüssigt und so zu schwefelfreiem Heizöl umgewandelt. Realisiert wurde bisher allerdings nur die Seekuh. Ob Günther Bonin seine Vision verwirklichen kann, hängt – wie bei den anderen Projekten auch – in erster Linie davon ab, ob genug Investoren gefunden werden können. Denn so unterschiedlich die Konzepte von Ocean Cleanup, Pacific Garbage Screening, The Sea Cleaners und One Earth – One Ocean sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Sie rufen auf ihren Websites alle eindringlich zum Spenden auf.

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Anfang September verliess die erste Hochsee-Abfallsammeleinrichtung des Projekts The Ocean Cleanup den Hafen von San Francisco. Nach einer Testphase ist die rund 600 Meter lange schwimmende Barriere an ihrem Bestimmungsort angekommen.

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Laut dem Meeresbiologen Gerhard Herndl von der Uni Wien funktioniert das System trotz Anfangsproblemen «recht prächtig». Das System 001 wurde erst in Küstennähe eingehend überprüft, denn wie sich die gesamte 600 Meter lange Röhre verhält, war zuvor noch nie getestet worden. «Die Vorversuche wurden nämlich durchwegs mit kleineren Barrieren durchgeführt», sagte Herndl, der Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Vorhabens ist.

Bis zu 60 Anlagen geplant

Seit etwas mehr als vier Wochen ist das System im nördlichen Pazifik rund 500 Kilometer von San Francisco entfernt im sogenannten Great Pacific Garbage Patch im Einsatz (siehe Bildstrecke). Nicht nur in diesem ozeanischen Kreiselstromgebiet zirkulieren mittlerweile Unmengen an Plastik.

Das Ocean-Cleanup-Team um den medienwirksam agierenden jungen Niederländer Boyan Slat möchte zukünftig mit bis zu 60 solchen Anlagen die Meere von Kunststoffabfall befreien, der auf und knapp unter der Oberfläche schwimmt. Die Forscher beobachten mittels Drohnen, die von Begleitschiffen aus starten, sowie über eingebaute Kameras, wie der erste U-förmig gegen den Strom ausgerichtete, passiv treibende Prototyp den Müll einsammelt.

Das Konzept gehe bisher auch auf, «das Plastik sammelt sich wirklich an, und die Lebewesen werden auch nicht geschädigt», sagte Herndl. Lediglich Exemplare der an der Wasseroberfläche treibenden Segelqualle (Velella velella) sammeln sich wie erwartet in grösserer Zahl an der Barriere. Diese Art könne diese Ausfälle allerdings leicht kompensieren, so der Biologe.

Eine Frage der Geschwindigkeit

Erst vor wenigen Tagen zeigte sich jedoch, dass bei stärkerem Wind und somit erhöhter Strömung ein Teil des bereits gesammelten Kunststoffes wieder abhandenkam. Ist nämlich der Geschwindigkeitsunterschied zwischen Barriere und Strömung und damit der Staudruck zu gross, könne sich der etwa drei Meter tief reichende «Teppich» fallweise nach hinten biegen und das Plastik wieder freigeben.

Die Experten steuern jetzt gegen, indem das U an den Enden etwas zusammengezogen wird. Damit werde das System 001 selbst etwas schneller, «und der Unterschied zwischen der Geschwindigkeit des Wassers und der Barriere ist nicht so gross», erklärte Herndl. In den nächsten Wochen werde dann auch erstmals das gesammelte Plastik abgeschöpft und wieder an Land gebracht. Der gesamte Vorgang wird wissenschaftlich begleitet und evaluiert.

Wenn alles glattgeht, läuft die Rettung der Weltmeere so ab wie im Video gezeigt. (Video: The Ocean Cleanup)

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ruth am 27.11.2018 13:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Suuuuper

    Genial und noch schneller ginge es, wenn jeder seinen Müll in der Zukunft fachgerecht entsorgen würde.

    einklappen einklappen
  • Papa Bär am 27.11.2018 13:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nachdem ich...

    ...damals vor 50 Jahren als kleiner Junge von derartigen Projekten überzeugt wurde, hat es im Verlauf bis heute bei zu vielen Projekten an zu vielen Orten viel zu oft gebröckelt. Was ich daraus gelernt habe? Tagtäglich bei uns selbst beginnen, Wissen, welche Abfallprodukte wohin gehören, nicht an dubiose Selbstbereicherer spenden und die restlichen 364 Tage unseren Planeten zumüllen. Das ist scheinheilig und bestätigt sich immer wieder zur Weihnachszeit. Dasselbe mit der Armut. Bilder von leidenden Kindern doch Kondome sind strikt verboten. Ja bei Unvernunft muss leider die Natur selektieren.

  • Maria am 27.11.2018 13:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tolle Menschen

    Ich bin beeindruckt, wie dieses Projekt entstanden ist. Nicht nur tatenlos zusehen und sich fragen, was man als Einzelperson tun kann, sondern Visionen umsetzen und dafür andere begeistern. Echt toll! Es wird sicher etwas bringen, es ist sicher zu wenig, es ist hoffentlich nur der Anfang und ruft uns alle auf, dieses Problem von Anfang an auf der Seite des Konsumentenin in den Griff zu bekommen und nicht nur am Ende auf der Seite der unter dem Menschen leidenden Natur.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Prince am 28.11.2018 21:51 Report Diesen Beitrag melden

    Unser System lebt ausschliesslich

    durch Profit. Also was geschieht denn, wenn alle Missstände behoben würden - alle Menschen wirklich gesund wären? Eben - einfach etwas studieren. Das System lebt also auch von Missständen, ist sogar von diesen abhängig. "Man" will nicht Missstände beheben und auch Kriege sind dabei ganz wichtig. Vorne gross das Blaue verzapfen und hintenrum perfid das krasse Gegenteil. Wie lange noch?

  • Fred2 am 28.11.2018 09:08 Report Diesen Beitrag melden

    und trotzdem

    verhält es sich so als versuchte man einen Waldbrand mit einem Tropfen Wasser zu löschen. Um wirklich etwas zu bewirken müssten Tausende davon in den Ozeanen unterwegs sein. Alleine der nötige Spritverbauch der durch Schiffe die das Plastik abholen müssten. Man sollte viel mehr endlich Massnahmen planen um zu verhindern das Plastik in den Gewässern landet. Wäre die viel günstigere Variante.

  • Klaus am 28.11.2018 08:49 Report Diesen Beitrag melden

    Ein guter Ansatz

    Komisch, hier hört man von den CO2 Verschwörern gar nichts, ist wohl nicht so interessant, da es ja kein Geld einbringt, daran wird die Verlogenheit dieser Leute so richtig offensichtlich. Aber dieses ganze Plastik ist ein reales und nachvollziehbares Problem welches uns alle angeht. Mit CO2 Abgaben geht kein Plastik aus dem Meer und auf das Klima hat es ebenfalls null Einfluss da Geld ja nicht das Klima beeinflusst, sondern nur in die Tadschen der Reichen wandert.

  • Typhoeus am 27.11.2018 15:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ohne sauberes Wasser

    auf der Erde geht die Menschheit zugrunde.

  • Typhoeus am 27.11.2018 15:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Cleanup aller Gewässer,

    ob Teich oder Ozean, geht alle an.