Psychische Störung

22. Juli 2014 11:03; Akt: 22.07.2014 11:03 Print

Wo der Wahn zu Hause ist

Über die biologischen Ursachen von Schizophrenie war bislang kaum etwas bekannt. Eine neue Studie ändert das – und führt im besten Fall zu neuen Therapieansätzen.

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Rund ein Prozent der Menschen erkrankt im Laufe des Lebens an Schizophrenie. (Bild: Sanja Matonickin/Colourbox.com)

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Zwischen Schizophrenie, Immunsystem und der Signalübermittlung im Gehirn besteht allem Anschein nach ein Zusammenhang. Das hat ein Forscherteam unter Beteiligung von Forschern der Universität herausgefunden. Die Erkenntnisse, die im Fachjournal «Nature» veröffentlicht wurden, werden in die Lehrbücher eingehen, schätzen Experten in einem Kommentar in der gleichen Ausgabe. Denn bisher waren die biologischen Ursachen der schweren psychischen Krankheit, die etwa jede hundertste Person weltweit betrifft, weitgehend unbekannt. Entsprechend ungezielt waren auch die Behandlungsmöglichkeiten.

Schon lange ist bekannt, dass Schizophrenie zu einem beträchtlichen Teil erblich – also genetisch bedingt – ist. Doch bislang waren nur gut zwei Dutzend Erbgutregionen bekannt, die mit dem Risiko dafür zusammenhängen. Nun haben über 100 Wissenschaftler aus aller Welt in der weltweit grössten Erbgut-Kartierungsstudie für die Krankheit insgesamt 108 solcher Regionen – darunter 83 bislang unbekannte – zu Tage gefördert.

Entstehung der Schizophrenie

«Damit lassen sich erstmals die Stoffwechselwege systematisch kartieren, die zur Entstehung der Schizophrenie beitragen», erklärte Sven Cichon, Professor für Medizinische Genetik an der Universität Basel, in einer Mitteilung der Hochschule. «Wir stellen uns vor, dass diese genetischen Varianten die betreffenden Prozesse so verändern, dass ihre Träger anfälliger für Schizophrenie sind.»

Die Forscher hatten für die Studie das Erbgut von 37'000 Menschen mit und 113'000 ohne Schizophrenie durchforstet. Die Resultate deuten darauf hin, dass vor allem Signalübertragungswege betroffen sind, über die Gehirnzellen Informationen mit Hilfe der Botenstoffe Glutamat und Dopamin sowie der Kalziumkanäle austauschen.

Rolle des Immunsystems

Es fanden sich zudem Hinweise darauf, dass das Immunsystem tatsächlich eine Rolle bei der Entstehung von Schizophrenien spielt. Dies erklärt, warum in Familien mit Autoimmunkrankheiten und nach gewissen Infektionen in der Schwangerschaft Schizophrenie häufiger auftritt. Für diese These gab es bisher keine handfesten Belege.

Den Ergebnissen zufolge spielt bei der Schizophrenie nicht der geänderte Bauplan von Proteinen, die aus den Genen abgelesen werden, die Hauptrolle, sondern die produzierte Menge von Proteinen. Dies könnte ein Ausgangspunkt für verbesserte Therapien sein, die bei der Genregulation ansetzen, erklärte Cichon. Doch sei es schwer abzuschätzen, inwieweit sich dieses Wissen in Therapien umsetzen lässt.

Schizophrenie ist eine schwere psychische Erkrankung, die sich in Wahnvorstellungen, Denk- und motorischen Störungen äussert. Etwa eine von 100 Personen ist davon betroffen, oft bricht die Krankheit im frühen Erwachsenenalter aus. Derzeit verfügbare Medikamente behandeln einen Teil der Symptome – den psychotischen Wahn – aber nicht die schweren Beeinträchtigungen des Fühlens und Denkens.

(fee/sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Frau X am 22.07.2014 11:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Angehörige

    Ich bin mit einer schizophrenen Mutter aufgewachsen. Das schlimmste daran ist die fehlende Einsicht über die Krankheit. Medikamente werden versteckt und nicht eingenommen. Es müssten zugunsten der mitleidenden Angehörigen Lösungen gefunden werden wie Medikamente mit Depotwirkung verabreicht werden könnten. Viel Kraft an alle Angehörigen, es ist sehr schwer mit einem schizophrenen Familienmitglied zu leben.

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  • Major Depression am 22.07.2014 11:42 Report Diesen Beitrag melden

    Auch Allergien spielen eine Rolle

    Dass das Immunsystem eine Rolle spielt, kann gut sein, denn man hat auch herausgefunden, dass psychische Störungen wie Schizophrenie oder Depressionen aufgrund von Allergien entstehen können. Ich denke auch, dass viele psychische Krankheiten erblich sind. Würde mich sehr freuen, wenn die neuen Erkenntnisse um die biologischen Hintergründe einen grossen Beitrag zur Entstigmatisierung psychisch Kranker leisten. Bin auch Betroffene (Depressionen, kommt in unserer Familie häufig vor) und führe (mit Medis) ein ganz normales Leben. Toll, dass Ihr darüber schreibt, bitte mehr solcher Artikel!

  • Kahina am 22.07.2014 15:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Drogen verstärken Krankheit

    Achtung! Cannabis kann bei entsprechender Veranlagung Schizophrenie auslösen oder massiv verstärken!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • roger mafli am 24.07.2014 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Egal was Forscher herausfinden ...

    ... es gibt immer irgend welche Fehlgeleiteten die behaupten Cannabis sei der Auslöser für Schiophrenie? Lustig ist, dass es bei MS-Patienten dann offenbar keine Problem gibt und Cannabis inzwischen weltweit ärztlich verschrieben wird ... gerade weil keine Nebenwirkungen auftreten. Aber Hauptsache man kann irgend etwas die Schuld geben ... genau so verhindert man todsicher jeglichen Fortschritt. Die meisten Erkenntnisse in Sachen Schizophrenie stammen denn auch von Albert Hofmann und seinen LSD-Versuchen ... welches auch verboten wurde weil man den Wirkstoff statt den Missbrauch bekämpft.

    • Kurt. K. am 25.07.2014 21:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ich glaub Sie irren sich

      Nicht für Schizophrenie sondern für Psychosen, wenn schon eine Veranlagung besteht. Es ist wie beim Huhn und dem Ei, man kann nicht sagen was zuerst da war. Die Psychose kann durch Kiffen ausgelöst werden auch durch Alkohol. Oder wer zu Psychosen neigt Kifft eher. Kiffen verändert die Hirnstruktur, das sozialverhalten und empfinden der Menschen. Kiffer werden gleichgültiger den Mitmenschen gegenüber, der Arbeit gegenüber vielleicht halten sie nur so das Leben aus.

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  • Hanspeter Niederer am 24.07.2014 01:12 Report Diesen Beitrag melden

    unnütze Datenauswertungen

    Ne, liebe Forscher, vergesst diese endlosen Datenauswertungen von schon gemachten Studien. Schizophrenien werden durch schwere soziale Traumata ausgelöst, die die Abspaltung von unerträglichen Gefühlen erfordern. Dies bewirkt die Zerstörung der Integrität der Persönlichkeit. Aber die Forscher fahren natürlich die biologische Schiene, weil sie gerne ein Medikament entwickeln möchten, mit dem die Pharmamafia Milliardenumsätze generieren kann. Kinder müssen besser vor schwer gestörten Eltern geschützt werden. Das ist der einzige erfolgversprechende Ansatz.

    • Fachfrau am 25.07.2014 10:00 Report Diesen Beitrag melden

      Sie verwechseln da etwas ..

      Teilweise haben Sie Recht nur verwechseln Sie die Schizophrenie mit der dissoziativen Identitätsstörung, früher auch multiple Persönlichkeit genannt. Bitte nochmals richtig informieren!

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  • Patrick am 23.07.2014 08:56 Report Diesen Beitrag melden

    Medikamente

    Wo ligt das Problem? Es gibt so viele Medikamente und "Happymacher", da kannst Du die schlimmste psychische Störung haben, es gibt immer ein Mittel dagegen.

    • Daniel am 23.07.2014 15:40 Report Diesen Beitrag melden

      Psychopharmaka ist pures Gift

      Diese Medikamente sind pures Gift für den Körper und haben nur eine 'Teilwirkung': Deswegen auch die vielen gefährlichen Nebenwirkungen. Leider gibt es nichts besseres im Moment. Aber die Pharmaindustrie verdient gut :)

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  • Patrick am 23.07.2014 08:42 Report Diesen Beitrag melden

    Wer ist noch normal?

    Ich habe auch einen Dachschaden, wo ligt denn jetzt das Problem? In meinem Arbeitsumfeld falle ich kaum auf, wer ist heute denn noch "normal"?!

    • Katharina am 28.07.2014 13:50 Report Diesen Beitrag melden

      Endlich

      einer der es versteht! Find ich super was du schreibst! Blublüb

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  • Maurice am 23.07.2014 05:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Echt harte krankheit

    Mein ehemaliger bester kumpel ist auch an dem erkrankt, ich musste mich nach 2 jahren distanzieren, weil er uneinsichtig war, immer dachte dass alle anderen schuld sind, auch mir gab er die schuld. Dass macht man nicht lange mit und distanziert sich. Weil heilbar ist er nicht mehr.