Teufelswerk und Narretei

06. April 2009 21:34; Akt: 06.04.2009 22:23 Print

Zuviel Sex-Appeal und Zauberei im Tanz

Da ist schon 'mal Feiertag, und man darf nicht feiern, werden sich manche Jugendliche am Osterwochenende ärgern: Denn theoretisch besteht in sechs Kantonen noch ein Tanzverbot an hohen Feiertagen. Aber Tanzen galt nicht erst den Christen als anrüchig.

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Debütantinnen und Debütanten beim traditionellen Kaiserball im Zürcher Kongresshaus am 13. Dezember 2008. (Bild: Keystone)

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«Der Tanz ist ein Kreis, dessen Mittelpunkt der Teufel ist» soll Kirchenvater Augustinus (353-430) geschrieben haben. Noch bis ins 17. Jahrhundert erschienen Schmähschriften von Klerikern, die Tanzen als Teil der Teufelsanbetung ansahen. Neben Sex-Appeal und Zauberei war Tanz ein Indiz, an dem man eine Hexe erkannte.

Die euphorisierende bis ekstatische Wirkung des Tanzes war nicht erst der christlichen Kirche suspekt. «Niemand tanzt, wenn er nüchtern ist, es sei denn, er sei wahnsinnig», urteilte der römische Staatsmann und Philosoph Cicero schon im 1. Jh. vor Christus.

Verlust des Seelenheils

Um 800 verbot Karl der Grosse Tanzen allgemein. Die Leute aber liessen es sich nicht nehmen, und so akkzeptierte es die Kirche im Mittelalter als notwendiges Übel. Die Stadtbehörden regelten dieses Vergnügen des einfachen Volkes mittels je eigenen Sittenmandaten. Die Zürcher beispielsweise verordneten 1370 ein Tanzverbot auf Hochzeiten und erlaubten Tanzen ausschliesslich an Neujahr, Fasnacht, Markttagen und auf Chilbis.

Die Reformatoren zogen wieder rigidere Saiten auf und Tanzen wurde rund ums Jahr unter Strafe gestellt, von der Busse bis zur Verlust des Seelenheils. Genf sprach 1539 ein Verbot aus, Bern 1573.

Stille Einkehr befohlen

Weil katholische Gebiete toleranter waren, wichen Protestanten gern in die Nachbarkantone aus, die Berner etwa gingen nach Luzern. Dieser Kanton hatte damals «nur» ein Tanzverbot an den hohen Feiertagen, war also gleichsam fortschrittlich.

Nur weil der Kanton erst vor einem Monat beschlossen hat, das Tanzverbot abzuschaffen, ist er nicht rückständiger als andere. Appenzell Innerrhoden etwa hat das Tanzverbot wieder aufgenommen - dort gilt es sogar die ganze Karwoche über.

Selbst Trendsetter Zürich hat die Vergnügungseinschränkungen an hohen Feiertagen erst 2000 gelockert. Tanz-, Sport-, Kino- und andere laute Veranstaltungen sind an hohen Feiertagen allerdings draussen immer noch verboten. Weitere Kantone mit Tanz- und anderen Verboten an hohen Feiertagen sind Schaffhausen, Baselland, Solothurn, Obwalden und Uri.

In den meisten ist das «Tanzverbot» im Ruhegesetz geregelt: Es zwingt demnach nicht Angehörige aller Glaubensgruppen zur christlichen Besinnung, sondern schützt ihr Recht auf Erholung.

Schlüpfriges von der Kanzel?

Dass Karfreitag als Todestag Christi, dem Glaubensstifter der Bevölkerungsmehrheit, ein Trauertag ist, kann man verstehen. Dass aber auch an Ostern, wo Jesus erfreulicherweise auferstanden ist, in vielen Kantonen Freudlosigkeit verordnet wird, erstaunt.

Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein war Ostern der einzige Tag im Jahr, an dem in der Kirche Lachen angebracht war und die Predigten deshalb witzig sein durften. Diese Tradition des «risus paschalis» entstand im 14. Jahrhundert und wurde - wie das Tanzen auch - unter dem Einfluss des Protestantismus' verdrängt.

Manche Priester, so klagte der Basler Reformator Johannes Ökolampad vor 500 Jahren, würden an Ostern sogar Witze machen darüber, «was Eheleute in ihrer Kammer und ohne Zeugen zu tun pflegen». So schlüpfrig dürften die klerikalen Spässe aber nicht gewesen sein. Der Reformator wollte wohl eher die Gegnerschaft verunglimpfen.

(sda)