Trägheit statt GPS

15. Dezember 2011 23:00; Akt: 15.12.2011 21:17 Print

Cruise-Missile-Technik für Blinde

von Fee Riebeling - Das GPS funktioniert prima – in mehr oder weniger offenem Gebiet. In Städten hingegen ist die Genauigkeit oft mangelhaft. Berner Forscher arbeiten an einer Lösung.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Wenn Blinde alleine in der Stadt unterwegs sind, bewegen sie sich auf ihnen bekannten Strecken. Suchen sie aber bestimmte Adressen, stehen sie vor einem Problem. Auch das Satellitennavigationssystem GPS, das uns im Auto den richtigen Weg weist, kann nicht weiterhelfen.

Zwar können moderne Handys die GPS-Signale empfangen, aber hohe Gebäude verfälschen die Ermittlung der Position. Denn statt auf direktem Wege von den Satelliten auf das Handy zu gelangen, treffen die Ortungssignale zuerst auf die Fassaden der Hochhäuser und kommen dadurch verzögert beim Empfänger an. Ob und wie gross die Abweichungen sind, erfährt der Nutzer nicht. «In der Stadt behindert GPS die Blinden mehr, als dass es ihnen hilft», sagt Peter Raemy von der Berner Fachhochschule. Der Professor für Analogelektronik, Messtechnik und Mobilkommunikation forscht deshalb mit seinem Team an einer Navigationshilfe, die ganz ohne Satelliten-Daten auskommt. Sie nutzen dafür das physikalische Prinzip der Trägheit: Sensoren an den Schuhen messen Beschleunigungen und Drehungen der Füsse. Aus den Einzeldaten zu jedem Schritt lässt sich der zurückgelegte Weg konstruieren.

Die Idee ist nicht neu: Trägheitsnavigationssysteme sorgen beispielsweise dafür, dass Langstreckenflugzeuge, U-Boote oder Cruise Missiles ihren Bestimmungsort erreichen. Doch diese Systeme kosten gut eine halbe Millionen Franken – zu teuer für Privatpersonen. Die Kosten konnten die Berner Ingenieure durch den Einsatz günstigerer Sensoren bereits deutlich senken. Nun feilen sie noch an der Präzision. Doch bereits jetzt lässt sich die Schrittlänge auf ein paar Zentimeter genau ermitteln. Bei GPS hingegen liegt die Genauigkeit bei fünf bis zehn Metern – bei gutem Empfang.