Uli Forte

09. Juli 2014 23:19; Akt: 09.07.2014 23:43 Print

«Brasilien hatte keinen Plan B»

von Eva Tedesco - Traum oder Trauma liegen eng beieinander. Das hat uns der Halbfinal zwischen Deutschland und Brasilien einmal mehr gezeigt. Eine Suche nach Gründen.

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Der 1:7-Untergang der «Seleção» bietet auch am Tag danach viel Diskussionsstoff. Bei Fans und Experten herrscht Kopfschütteln, Unglaube und Erstaunen. Viele versuchen den Dingen auf den Grund zu gehen, aber selbst ausgebildete Fussball-Lehrer sind ratlos, wie eine kurze Umfrage von 20 Minuten ergab. «Im Fussball kann man nicht immer alles erklären», sagt Murat Yakin in seiner Kolumne für 20 Minuten.

Michael Skibbe war erstaunt, aber eine Erklärung hat auch der GC-Trainer, der derzeit mit den Hoppers im Trainingslager in Österreich weilt, nicht. Und auch keine Lösung. «Für einen Trainer ist es schwer zu reagieren, wenn eine Mannschaft so zerfällt», so Skibbe, «aber man hat dem Team angemerkt, wie gross der Druck im eigenen Land war.»

Überforderte Brasilianer

«Das war verrückt. Die Spieler sind nach dem 0:1 regelrecht in eine Stockstarre gefallen», sagt Hanspeter Latour. Der ehemalige Thun-, GC- und Köln-Trainer und heutige Experte beim Schweizer Fernsehen und Radio hat ein Brasilien gesehen, das «schlicht nicht auf dem Platz war» und mit den Deutschen überhaupt nicht zu recht gekommen sei. «Das war wie ein Wasserfall, der nach einem heftigen Sturm über einen hereinbricht. Selbst nach dem 0:2 wäre noch nichts verloren gewesen. Denn man weiss, wie schnell es gehen kann, wenn der Anschlusstreffer gelingt. In dieser Situation wären die Führungsspieler gefordert gewesen.»

«Tatsächlich habe ich als ehemaliger Fussball-Trainer kurz versucht, mich in die Situation von Felipe Scolari hineinzuversetzen. Da bist du als Trainer aber machtlos», ist Latours Erkenntnis. «Ideal wäre ein Time-out wie im Eishockey, um ein, zwei kurze Anweisungen geben zu können und der Mannschaft die Chance, sich zu sortieren. Leider hat man das im Fussball nicht.»

Ein Sieg und sonst nichts

Gewinnen um jeden Preis und kein Plan B sind Argumente, die YB-Trainer Uli Forte ins Feld führt. «Brasilien ist überrascht worden und war auf das 0:1 überhaupt nicht vorbereitet. Man hat gemerkt, auch in der Vorberichterstattung, dass die Mannschaft auf den Sieg gegen die Deutschen getrimmt und auf Erfolg eingestellt war. Die Spieler waren schon vor dem Spiel sicher, die Deutschen besiegt zu haben und hatten keinen Plan B in der Tasche. Das 0:1 hat alle Pläne durcheinandergebracht.»

Das Brasilien an der WM habe mit dem Brasilien vom Confed Cup nichts mehr gemein, wo die Seleção überzeugend aufgetreten und diese Generalprobe auch gewonnen hat. «Ich schreibe das auch dem immensen Druck zu, der auf den Schultern der Spieler gelastet hat.» David Luiz sei «mental komplett überladen» gewesen. Und Marcelo sei selbst nach dem frühen 0:2 kopflos nach vorne gestürmt, habe die Defensive damit entblösst und das nur, weil er in dieser Situation alle überragen wollte.

Forte wäre gerne Mäuschen in der Kabine gewesen

Forte: «Erstaunt hat mich, dass auch der Trainer wie erstarrt wirkte. Ich habe mir noch beim 0:2 gedacht: Mein Gott, zieh die Bremse! Seine Reaktion ging aber in die gleiche Richtung wie bei seinen Spielern: Er war sich zu hundert Prozent siegessicher. Ich würde gerne die Zeit zurückdrehen, in der Kabine Mäuschen spielen und reinhören, wie und was in der Vorbereitung gesagt wurde. Ich bin mir fast sicher, dass einzige Thema war, dass sie die Deutschen schlagen, der Final und Titel und nichts anderes. So leid es mir tut das zu sagen, aber für mich hatte auch der Trainer keinen Plan B und konnte deshalb nicht reagieren.»