Murat Yakin

09. Juli 2014 16:38; Akt: 09.07.2014 16:43 Print

«Fussball kann man nicht immer erklären»

20-Minuten-Kolumnist Murat Yakin ist vom Brasilien-Debakel nicht überrascht. Und er versteht nicht, warum Trainer Felipe Scolari nach dem Rückstand so cool blieb.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Eines vorweg: Im Fussball kann man nicht immer alles erklären. Man kann die Dinge analysieren und versuchen, Gründe zu finden, warum etwas manchmal funktioniert und manchmal nicht. Die 1:7-Niederlage der Brasilianer ist so eine Sache, die man nicht genau erklären kann. Dennoch sind mir Unterschiede zwischen Brasilien und Deutschland aufgefallen.

Zum Beispiel, dass zu viel Musik, Emotion und Tralala Brasilien von der eigentlichen Arbeit abgelenkt haben. Neymar, Alves und Co. waren mehr mit ihren Frisuren beschäftigt, mit der Erwartung des Volkes und dem Titel, den man schon im Sack zu haben meinte, als sich mit dem Gegner zu befassen. Sie waren zu überzeugt, dass nichts passieren kann.

Ernsthaftigkeit gegen Tralala

Die Deutschen konzentrieren sich seit jeher auf ihre Stärken: Fitness, Organisation und Wille. Die Ernsthaftigkeit, mit der sie die WM angehen, legen vielleicht noch die Holländer und mit Abstrichen die Argentinier hin. Viele Teams, die Ablenkungen zugelassen haben, liessen diese Ernsthaftigkeit vermissen und sind längst zu Hause. Ausnahmen mache ich da bei den Franzosen, die nur durch ein unglückliches Tor 0:1 im Viertelfinal verloren haben und die Schweiz, der das Quäntchen Glück gefehlt hat gegen Argentinien.

Ausgeflippt sind nach der deutschen Gala lediglich die Moderatoren. Die Spieler und der Trainer analysierten das 7:1 auffallend nüchtern. Diese Demut ist für deutsche Verhältnisse eher unüblich. Da sagte Müller, man solle die Kirche im Dorf lassen. Löw sprach davon, dass man Brasilien überrascht und danach leichtes Spiel gehabt habe. Und Mats Hummels sprach davon, dass nach 30 Minuten klar war, dass man durch sei und deshalb die Emotionen am Schluss nicht hochgeschwappt seien. Das war ein Beweis für diese Ernsthaftigkeit und die Ordnung, die für den Spitzenfussball fundamental wichtig ist. Da gibt es keinen Platz für Popstars und Möchtegern-Diven.

Scolari überraschte mich

Auch Felipe Scolari hat mich überrascht. Wenn deine Mannschaft nach rund 20 Minuten 0:2 zurückliegt, musst du reagieren und versuchen zu verhindern, dass dein Team ins offene Messer läuft. Du musst versuchen, das drohende Debakel abzuwenden und dich egal wie in die Pause retten. Ich weiss, und ich höre jetzt schon den Aufschrei meiner Kritiker, die mir bis zum Überdruss vorwerfen, zu defensiv spielen zu lassen, kein Spektakel zuzulassen, aber ist keine Reaktion des Trainers eine Lösung? Ich denke, das 1:7 am Dienstag enthebt mich jeder Antwort. In solchen Situationen ist der Job jedes Trainers, eine Gegenmassnahme zu ergreifen, ein Zeichen zu setzen.

Für mich ist dieser Erfolg auch ein Sieg der Ernsthaftigkeit und der bodenständigen Arbeit über Popstars und Diven, die durch zu viel Ablenkung die eigentliche Pflicht aus den Augen verloren haben. Das sind natürlich nur Überlegungen aus der Distanz. Aber noch einmal: Im Fussball lässt sich halt nicht alles immer bis ins kleinste Detail erklären.»

(ete)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Nina am 09.07.2014 17:01 Report Diesen Beitrag melden

    ehrlich:

    schön gesagt, danke

  • Friedrich-Conrad Staufer-Grüter am 09.07.2014 17:12 Report Diesen Beitrag melden

    Ich stimme zu

    Es war zu viel Show bei den Brasilianern und zu wenig Professionalität. Scolari hätte nach dem 2:0 einen Wechsel vollziehen müssen um erstens den Rythmus des Gegners ein wenig zu brechen und zweitens um eine gewisse Stabilität zu wahren. Zudem habe ich irgendwie das Gefühl, dass man in Brasilien die Gegner nicht ernsthaft analysiert. Das Toreschiessen wurde den Deutschen wahrlich zu einfach gemacht.

    einklappen einklappen
  • B. Schweizerin am 09.07.2014 17:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke, Herr Yakin!

    Das ist für mich die nachvollziehbarste und am besten verständliche Analyse dieses Matches, die ich bis jetzt gelesen habe ;-)

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • hin-gucker am 09.07.2014 21:45 Report Diesen Beitrag melden

    solche Kommentare

    Ja, ja - der Herr Yakin weiss es ja immer besser und hält sich ja auch für den Besten - nur schade, dass es niemand merkt, oder herr Yakin

  • J. Meyer am 09.07.2014 21:22 Report Diesen Beitrag melden

    Man sieht sich wieder, Brasilien

    Yakin hat im Grossen schon recht. Viele waren von einem harten Spiel überzeugt, mit leichtem Vorteil für DE, ausser natürlich all jene Pessimisten u hämischen Kommentatoren. Dass DE aber SO gewinnt, können viele Profis nicht erklären, wo auch immer auf der Welt. Vielleicht versuchte Scolaris ja, sein Team zu motivieren, aber es resignierte nur noch, weiss der Teufel warum? Mir tun die Brasilianer trotz meiner Fanzugehörigkeit zu DE dennoch leid. So habe ich denen das wirklich nicht gewünscht. Aber es lag nicht nur am dt. Team, sondern auch an ihnen selbst, das es so kam.

  • Quatschkopf am 09.07.2014 20:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Doch!! Kann man!

    7 Tore geschossen von 5 (!) Spielern! Das sagt alles! Jeder spielt für die Mannschaft und nicht die Mannschaft für ein paar Sternchen!!

  • zigi am 09.07.2014 19:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nicht überrascht?

    Nicht überrascht? Gestern hat das noch anders getönt...

  • Dario am 09.07.2014 19:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fraglich

    Und ich kann mir nicht erklären warum Murat Yakin der Experte spielt.