Lästige Pflicht

12. Juli 2014 16:18; Akt: 12.07.2014 16:26 Print

Brasilien sehnt sich nach dem schnellen Ende

von Kai Müller - Das Spiel um Platz 3 hat schon mancher Fussballnation Freude bereitet. Nicht so Brasilien und Holland. Die Gescheiterten würden am liebsten auf ihre letzte Partie verzichten.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Fragen seien erlaubt: Wie wird das brasilianische Publikum auf seine gedemütigten Helden reagieren? Schlagen der Seleção von den Rängen des Estádio Nacional in Brasília Hohn und Spott entgegen? Oder gar Wut? Oder bereiten die Fans ihrer Mannschaft einen warmen Empfang, der geschundenen Volksseele zuliebe?

Es ist vieles denkbar, wenn sich am Samstag der WM-Gastgeber und Holland zum Spiel um Rang 3 treffen, diesem Kehraus-Match, der für die Beteiligten nichts als eine lästige Pflichtübung ist. «Der dritte Platz kann mir gestohlen bleiben», hatte Flügelstürmer Arjen Robben schon nach der Penaltyniederlage im Halbfinal gegen Argentinien geschimpft. «Das Spiel dürfen sie von mir aus echt abschaffen.»

Ähnlich polterte Hollands scheidender Nationaltrainer Louis van Gaal, der zu verstehen gab: «Das hat nichts mit meiner Auffassung von Sport zu tun. Es gibt nur einen Preis, der zählt, und das ist der Weltmeistertitel.»

Versöhnlicher Abschluss des Sommermärchens

Van Gaal mag zwar kaum Widerrede dulden, doch die WM-Geschichte hat gezeigt, dass es durchaus Nationen gibt, die dem vorletzten Match des Turniers Bedeutung beimessen. Für Österreich (1954) und Chile (1962) sind die dritten Plätze bis heute die grössten Erfolge. Gleiches gilt für Kroatien (1998) oder die Türkei (2002). Deutschland strebte 2006 zwar den Heim-Triumph an und fiel im Halbfinal, versöhnte sich dank des 3:1 gegen Porutgal aber mit den Fans, die den WM-Monat als Sommermärchen in Erinnerung behalten sollten.

Selbiges wird Brasilien nicht gelingen, egal, wie die Partie gegen Holland ausgeht. Zu tief sitzt die Schmach des historischen 1:7 gegen Deutschland, zu tief die Enttäuschung über den zerschlagenen Traum der «Hexacampeão», des sechsten WM-Titels – Gedanken an ein mögliches Scheitern hatten in den Köpfen der Brasilianer keinen Platz gehabt.

«Alles beweint, was es zu beweinen gab»

Entsprechend heftig fielen die Reaktionen nach der Demütigung von Belo Horizonte aus. Den Spielern schlug teils blanker Hass entgegen. In Cafés und Restaurants in Rio de Janeiro, die die täglichen Pressekonferenzen live übertragen, quittierten die Menschen die Äusserungen der Beteiligten mit Pfiffen und Schmährufen.

Die Spieler hoffen dennoch auf einen anständigen Abschluss. «Wir haben alles beweint, was es zu beweinen gab. Und jetzt versuchen wir am Samstag, die Partie zu gewinnen», sagt der verletzte Neymar, der seine Teamkollegen im Stadion unterstützen will. Captain Thiago Silva formulierte die Motivation so: «Ich habe immer gesagt, dass unser einziges Ziel der Titel ist und uns der zweite, dritte oder vierte Platz egal ist. Aber jetzt müssen wir unserem Trikot Ehre machen.»

Dani Alves hat überhaupt keine Lust

Einzig Barça-Aussenverteidiger Dani Alves machte keinen Hehl daraus, dass ihm die Lust komplett fehlt. «Ich habe immer um erste Plätze gekämpft. Und wenn ich das nicht kann, ziehe ich es vor, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen.»

Vermutlich ist seine Antwort die ehrlichste. Es ist nicht zu leugnen: Ganz Brasilien hatte den Beginn der WM herbeigesehnt. Nun sehnt sich ganz Brasilien nach deren Ende.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sebenso am 12.07.2014 18:22 Report Diesen Beitrag melden

    Bin über das Brasilien-Aus froh

    Seien wir doch ehrlich. Nüchtern betrachtet hatte Brasilien keine Chance, Weltmeister zu werden. Dafür fehlte dieser Mannschaft (und insbesondere dem Trainer) schlicht und einfach die Klasse. Bereits der Halbfinal war eine Runde zuviel. Aber Brasilien wollte es so. Und wer A gesagt hat, muss auch B sagen. Die Regeln waren von Anfang an bekannt. Deshalb erwarte ich, dass Brasilien noch einmal alles gibt, auch im kleinen Finale. Ansonsten schliessen sie die WM ganz schlecht ab (zwei Niederlagen, zwei Remis und drei gewürgte Siege).

    einklappen einklappen
  • Rainer Duffner am 12.07.2014 17:54 Report Diesen Beitrag melden

    Mangelnde professionelle Einstellung

    Als "Aussenstehender" interessiert mich die Partie auch nicht. Währe ich BRA oder NED-Fan, würde ich es aber anschauen. Habe auch immer die Spiele um Platz 3 der DFB-Elf angeschaut - und die waren immer sehr ansehnlich. Hier zeigt sich dann vielleicht auch, warum die DFB-Elf so oft so weit kommt in den Turnieren: 100% professionelle Einstellung. Einen Spieler wie Robben würde Löw nach so einer Ansage nie mehr aufstellen, selbst wenn er nur mit 9 Mann auflaufen müsste - und das wissen auch alle Spieler. Wenn DE morgen den Titel holt, dann ist er mehr als verdient. BRA ist da wo es hingehört.

  • Wolle S. am 12.07.2014 18:48 Report Diesen Beitrag melden

    Unsportlichkeit

    Ich finde das Spiel wichtig, hier kann man Wiedergutmachung betreiben. Jedoch haben beide Mannschaften Angst vor einer weiteren Blamage, insofern unterstelle ich beiden auch Unsportlichkeit ! Dazu kommt, dass sich viele Zuschauer die Karten vom Mund abgespart haben um ihre Idole zu sehen. ... nochmal Unsportlichkeit ... ja, das ist es, kurz und knapp !

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ruedi Trachsler am 12.07.2014 23:51 Report Diesen Beitrag melden

    Untergang vor Augen

    sportlich, politisch, sozial, ökonomisch.... es ist wie bei den Italienern, Spaniern und Engländern: Irgend einmal ist nicht mehr zu verbergen, in welchem Zustand diese Gesellschaften sind. Einmal sind auch Mythen aufgebraucht.... Brasilien und Fussball-Götter... ach hört doch auf...

  • Michelle am 12.07.2014 23:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Brasilien sehnt sich nach dem Ende!

    Ja, ich auch. Brasilianischer Fussball ist langweilig, fad und uneffizient und ist gegen vorwiegend mit groben Fouls aufgefallen. Mit einer grossen Klappe allein wird man nicht Weltmeister!

  • Fred Feuerstein am 12.07.2014 22:13 Report Diesen Beitrag melden

    Go Holland!

    Oh ja, ich sehne mich auch nach einem Ende für Brasilien!

  • Zuschauerin am 12.07.2014 21:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hop hop

    Nein sie sollen spielen und kämpfen, im Leben geht nicht immer nur um ersten Platz. Ihre Arbeit ist Fussbal zu spielen, verdienen gutes Geld. Sie sollen sich dem Spiel widmen und nicht der Gedanke ,zu gewinnen, einfach nur spielen und das beste zu geben. Viel Glück, aber eben nur die die kämpfen können gewinnen. Angst und Unsicherheit, Zweifel verhindern immer den Sieg.

  • Tim K. am 12.07.2014 21:21 Report Diesen Beitrag melden

    Echte Fans sind treu

    Das ist irgendwie krass. Wenn Brasilien Weltmeister geworden wäre, hätten die Fans sie gefeiert. Nach dem Ausscheiden ernten sie nur noch spott. Auf solche Fans können sie gerne verzichten.

    • Sandra am 13.07.2014 04:41 Report Diesen Beitrag melden

      Wir haben gewonnen-Das Team hat verloren

      Ich glaube, jede Mannschaft hat solche Fans. Regen sie sich nicht darüber auf. Bringt ja doch nix. Freuen wir uns lieber auf ein hoffentlich gutes letztes Spiel :)

    einklappen einklappen