Brasilien-Debakel

09. Juli 2014 12:36; Akt: 09.07.2014 12:36 Print

«Möglich, dass der Trottel-Effekt schuld war»

von R. Neumann - Was geschah in den Köpfen der brasilianischen Spieler nach dem zweiten Gegentor? Ein Sportpsychologe erklärt, warum ein rosaroter Elefant eine Rolle gespielt haben könnte.

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Fehler gesehen?

Herr Seiler, was ist da gestern mit der Mannschaft von Brasilien passiert?
Als Team hat man eigentlich gemeinsam eine Vorstellung eines Spielmodells. So will man spielen, so reagiert die Verteidigung, so verschieben sich die einzelnen Spieler – in allen Köpfen herrscht das gleiche Verständnis. Beim ersten Tor für Deutschland hat das überhaupt nicht geklappt, Thomas Müller stand allein im Strafraum. Danach fiel das System auseinander, die Spieler waren völlig perplex.

Aber warum? Stellt man sich als Team nicht auch darauf ein, dass man in Rückstand geraten könnte?
In Brasilien spielt der Fussball eine andere Rolle, die Spieler standen unter einem unheimlichen Druck. Es ist die Heim-WM, man will den Titel holen. Die Erwartungen des Publikums, des ganzen Volkes sind riesig.

Auch das spürten die Spieler schon zuvor. Warum kam es gerade jetzt zum Debakel?
Es ist möglich, dass das Fehlen von Thiago Silva in der Abwehr verheerend für die gemeinsame Vorstellung war, dass er das System zusammengehalten hatte. Nach dem zweiten Tor fingen die Spieler an, sich selber Vorwürfe zu machen. Sie konnten es kaum glauben, dass das gerade ihnen passierte. Möglich, dass auch Schuldzuweisungen untereinander gemacht wurden.

Beim dritten, vierten und fünften Tor waren die Spieler kopflos, spielten wie eine Schülermannschaft.
Das könnte damit zusammenhängen, dass die Spieler nur noch daran dachten, möglichst Fehler zu vermeiden. Das ist wie beim rosaroten Elefanten: Wenn ich Ihnen sage, Sie sollen nicht an einen denken, denken Sie an einen. Wenn die Spieler sich also nur noch darauf konzentrieren, möglichst keinen Fehler zu machen, passiert einer. Und noch einer. Dieses negative Denken kann verheerend sein.

In dieser Situation dürfte es ziemlich schwierig sein, positiv zu denken.
Wir Sportpsychologen versuchen, das Denken der Spieler in positive Bahnen zu lenken, weil sie sich dann auf ihre Fähigkeiten und Aufgaben konzentrieren. Eine weitere Möglichkeit, die innerhalb des Teams aufgetreten sein könnte, ist der Trottel-Effekt.

Trottel-Effekt?
Wenn ein Spieler keinen Fehler gemacht hat, 30 Minuten lang gerannt und gekämpft hat und die anderen lassen solche Fehler zu, kann er denken: «Ich bin doch nicht der Trottel im Verein, der Löli im Umzug.» Dann schraubt er sein Engagement zurück, weil es ihm «zu blöd» ist.

Was hätten Sie als Trainer dem Team in der Kabine gesagt?
Das ist enorm schwierig. Ich hätte versucht, sie auf ihre Aufgabe einzuschwören, ihr Können, ihr System. Aber vor allem, dass sie nach vorne schauen und nicht an das Vergangene – oder eben an die Angst vor dem Fehler – denken. Man hat gesehen, dass das in der zweiten Halbzeit schon besser geklappt hat. Aber etwas hat das Team gehemmt.

Eine Torschusspanik?
Ich würde eher von einer Ladehemmung sprechen. Es gab eine typische Szene, als einer mit dem Ball vor dem deutschen Tor auftauchte, doch statt zu schiessen, hat er noch drei Mal gedribbelt und dann den Ball verloren. Als hätten sie verlernt, was ihr Team eigentlich ausmacht. Daran hätte ich sie zu erinnern versucht.

Wie würden Sie das Team vor dem kleinen Final auffangen?
Ich würde mit ihnen zu Beginn die Fehler rekonstruieren und beleuchten, was schiefgelaufen ist. Und versuchen, den Spielern das am Anfang erwähnte Modell des eigenen Spiels wieder einzubläuen, worauf sie sich fokussieren sollten. Zum Glück gelang den Brasilianern noch ein Ehrentreffer. Vielleicht können sie sich daran ein bisschen aufbauen.