Kischis Einwurf

16. Juli 2014 22:38; Akt: 16.07.2014 23:28 Print

Ich werde nie Brasilianer

Sie können es mir glauben: Ich habe mich wirklich bemüht, mich dem Leben in Brasilien anzupassen – doch beim Gang zum Bäcker bin ich gescheitert.

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Die WM ist passé. Das nächste sportliche Grossereignis wartet: Im August 2016 starten die Olympischen Spiel in Rio.

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Ich schaltete schon bei der Ankunft in Rio zehn Gänge zurück, versuchte das Tempo der Cariocas anzunehmen. Wollte mich wie sie an die Schlangen und Wartezeiten gewöhnen – und alles einfach locker nehmen. Beinahe ist es mir geglückt.

Meine Bäckerei, die nur zwei Minuten von unserem Haus entfernt liegt – und das beste Brot der ganzen Copacabana herstellt –, hat mir am Dienstagabend klar aufgezeigt, dass ich auch nach fünf Wochen noch immer Schweizer bin.

Ich ging in die Padaria. Und wieder einmal musste ich mich in der Schlange einreihen. Der ganze Laden ist etwa 20 Quadratmeter gross. Vorne stehen Regale mit Keksen und Kuchen. Das Brot ist ganz hinten. Dort steht auch der Backofen, der anzeigt, wann es das nächste frische Brot gibt. Wer einfach nur Brot will, umgeht die Fila und greift sich einen Laib aus dem Regal.

Doch weil es nichts Besseres als ein Pãozinho frisch aus dem Ofen gibt, warten die Leute. Deshalb die Schlange.

Dieses Mal stand ich weit hinten und als ich an die Reihe kam, war das Brot nur noch lauwarm. Dann drehte ich mich um – und war schon wieder in einer Schlange! Diesmal ging es ums Bezahlen. Zwei Kassen, drei Kassiererinnen und ein Gerät für Kreditkarten. Und jeder, wirklich jeder, bezahlte mit Plastik.

Das Brot zwar in der Hand – wieder eine Schlange

Die kleinste Rechnung betrug 1,84 Reais (74 Rappen). Und da die Leitungen hier nicht die besten sind, zog sich das in die Länge. Kurz gesagt: Schnell Brot holen dauerte an jenem Abend 45 Minuten – und das Brot war natürlich kalt!

Zum Glück war es mein letzter Gang in die Padaria, denn die Ferien sind, wie die WM und die grossen Sicherheitsvorkehrungen an der Copacabana, vorbei. Ich Fleischmensch ass fünf Wochen lang Rindsfilet (kostet hier in der Metzgerei 17 Franken, aber jetzt freue ich mich auf Wienerli, Cervelats, Bratwürste, Landjäger, Salametti und Fleischkäse), durfte die Stimmung im Maracanã und im Public Viewing am Strand sowie viele unvergessliche Stunden mit Freunden geniessen.

Und bis zum 5. August 2016, wenn in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele beginnen, werde ich mich auch über die Schlange in meiner Bäckerei beruhigt haben.

Até lá!