Kischis Einwurf

10. Juli 2014 10:03; Akt: 10.07.2014 17:04 Print

So sicher wie ein Goldbarren

von M.Kistler, Rio de Janeiro - Brasilianer haben ihre eigene Vorstellung von der Schweiz: Bei uns ist alles so sauber und so sicher, wir machen die beste Schokolade und sind – im Gegensatz zu ihnen – pünktlich.

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Klar, wir helfen kräftig mit, dieses Klischee aufrechtzuerhalten. Was bringst du Freunden und Bekannten mit? Schokolade. Und vielleicht noch eine Uhr.

Neulich lernte ich wieder mal einen Carioca (einen Einwohner von Rio de Janeiro) kennen. Schon nach kurzer Zeit zückte er sein Handy, zeigte mir Bilder, die einer seiner Freunde in der Schweiz gemacht hatte. Darauf war nur ein Velo zu sehen. Doch der gute Mann kam so in Fahrt wie Fabian Cancellara bei einem Zeitfahren. Es ging alles rasend schnell. Ich musste ihn bitten, ein wenig zu bremsen, damit ich ihn verstehen konnte. Sein Freund hatte in der Schweiz ein Velo gemietet und es am Abend – ohne abzuschliessen – einfach auf dem Trottoir stehen lassen. Und am nächsten Morgen war es noch immer am gleichen Ort. «Não é normal!» In Brasilien wäre das Velo mit hundertprozentiger Sicherheit weg gewesen.

An der Copacabana ist man sicher – während der WM

Ich fragte meinen neuen Freund nicht, wann und wo das gewesen sei. Ich wollte ihm seine gute Meinung über die Schweiz lassen. Aber ich frage Sie: Wo in unserem Land ist das noch möglich? In Zürich sicher nicht. Der einzige Ort auf Erden, wo momentan nichts gestohlen wird, ist Rio de Janeiro! Vielleicht nicht in ganz Rio, aber an der Copacabana ist man – zumindest für die Dauer der WM – so sicher wie ein Goldbarren in der Schweizer Nationalbank.

Segurança Prefeitura, normale Polizei, Militärpolizei (PM), Choque-Einheiten (die zur Befriedung der Favelas eingesetzt werden), Infanterie und Fallschirmjäger an jeder Ecke – und während der Spiele etwas mehr von allen. Sie sorgen nicht nur für die Sicherheit, sie dienen quasi auch als Touristenführer und geben auf jede Frage Auskunft – sie wollen, dass du dich als Tourist hier wohlfühlst. Nur die Helikopter, die dauernd über der Copacabana kreisen, gehen mir in der Zwischenzeit mehr auf den Wecker als die getunten Vuvuzelas! Klar, damit überwacht die Polizei das ganze Treiben aus der Luft quasi global – aber Helis der Polizei sind die Einzigen, die mir im Falle eines Falles nicht helfen könnten. Oder haben Sie schon mal gesehen, dass ein Helikopter einen Dieb jagt?

Dennoch laufe ich wieder mit meinem iPhone herum, habe wie in der Schweiz genügend Bargeld dabei – und fühle mich sicherer als im Zürcher Kreis 4. Schade nur, dass dieser Zustand wohl nur noch von kurzer Dauer sein wird. Wie sagen doch viele Einheimische schon jetzt: «Nach der WM wirds schlimm.»
Hoffentlich nicht, ich will mich ja nach dem Fussballspektakel noch ein wenig erholen.