Kischis Einwurf

12. Juni 2014 16:56; Akt: 12.06.2014 17:40 Print

Viereinhalb Stunden für Sepp Blatter

von M. Kistler, Rio de Janeiro - Als glücklich registrierter Besitzer von WM-Tickets weiss ich, dass Fussball-Messias Sepp Blatter an alles gedacht hat – fast alles!

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Blick auf das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro. Zuschauer, die sich für die Spiele dort rüsten wollen, brauchen viel Geduld. (Bild: Keystone)

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In Brasilien angekommen, erhalte ich von der Fifa wieder einmal ein E-Mail. Darin werde ich aufgefordert, mit einem Radio ins Stadion zu kommen. Der Weltfussballverband will mich überraschen. Nur habe ich kein Radio dabei. Aber wenn der Walliser Fussball-Gott wünscht, dass ich mit einem Radio ins Stadion gehe, dann mache ich das! Zudem, mit einem iPhone kann man in Rio de Janeiro – trotz omnipräsenter Polizei – nicht herumlaufen. Denn für diese Geräte wird hier noch immer getötet. So ist klar: Zwei Handys mit Radio für meine Frau und mich müssen her! Eine Kleinigkeit für uns Schweizer …

Es ist 14.30 Uhr, die Sonne brennt, das Thermometer zeigt 35 Grad. Zu Fuss gehts auf Handy-Suche. Die Häuserschluchten der Avenida Nossa Senhora de Copacabana schützen vor der Sonne. Überall hat es Strassenhändler, die alles anbieten, was Fussballfans und Touristen brauchen könnten. Doch dafür haben wir keine Augen. Jetzt geht es nur um die Telefone mit Radio.

Nach 15 Minuten finden wir ein Elektrogeschäft. Für unser Anliegen «Telefon» hat der Verkäufer vor dem Laden kein Gehör, er will Fernseher verkaufen. Irgendwann gibt er auf – und wir stossen zu einer Vitrine mit Handys vor. Und eine Verkäuferin gesellt sich mehr oder weniger interessiert zu uns. Meine Frau will nicht nur ein Handy mit Radio, sondern auch mit TV. Alles kein Problem. Nach fünf Minuten ist der Deal perfekt, denkt der unwissende Gringo aus der Schweiz.

Bezahlen im zweiten Stock

Jetzt geht es erst richtig los. Wir müssen in den ersten Stock und eine handgeschriebene Quittung vorweisen. Doch leider stehen dort schon sieben Leute an. Und dem Herrn hinter dem Tresen scheint es heute nicht nach Arbeit zumute zu sein. Nach 15 Minuten sind dann wir an der Reihe, nur um unseren Zettel zu zeigen. Er nickt – und schickt uns wieder zurück. Allerdings mit einem weiteren Papier. Dann geht alles rasend schnell: Kaum wieder bei der Vitrine und der Verkäuferin, werden wir in den zweiten Stock geschickt – dort befindet sich die Kasse! Angekommen, sehe ich Licht im Dunkeln, denn es hat fünf Kassen. Und nur vor zwei stehen Leute. Das muss jetzt also schnell gehen. Doch die Damen hinter den Kassen drei, vier und fünf haben momentan keine Zeit! Anstehen. Nach endlosen Minuten haben wir endlich bezahlt.

Doch wo ist das Telefon? Das dürfen wir im ersten Stock abholen – Sie wissen schon, beim arbeitswütigen Herrn, der heute wohl nicht seinen besten Tag hat. Und natürlich warten schon wieder Leute vor uns. Bis wir endlich an der Reihe sind, kenne ich jede Waschmaschine, jeden Tumbler und jeden Kühlschrank (die sind teilweise wirklich richtig gross). Doch dann der grosse Moment: Wir sind dran, der gute Mann öffnet die Verpackung und schaut, ob alles da ist. Und es ist alles da! Hurra! Jetzt nichts wie weg hier!

Weg? Wir brauchen ja noch eine SIM-Karte. Und die gibts wieder bei der Verkäuferin, die wir vor fast anderthalb Stunden kennengelernt haben. Also wieder ein bisschen Zeit, um sich nun wirklich mit den Fernsehern zu befassen. Ein Produkt ist offizieller Fifa-Partner. Die zweite Marke verkauft sich unter dem Patronat der brasilianischen Nationalmannschaft besonders gut. Wie auch immer, das Telefon läuft noch nicht.

Doch dann die Erlösung: SIM-Karte okay, Telefon okay! Und die nette Dame gibt uns noch auf den Weg mit, dass wir vorsichtig sein sollen: Handys würden hier gern gestohlen! Kein Wunder, bei diesem Papierkram!

Der aufmerksame Leser hat es gemerkt: Mittlerweile ist es 16.35 Uhr – und wir wollten doch ZWEI Handys! Entnervt, aber nicht entmutigt machen wir uns auf den Heimweg, in der Hoffnung, irgendwo noch schnell ein zweites Telefon kaufen zu können. Und tatsächlich laufen wir an einem Shop eines Telefonanbieters vorbei. Meine Frau und ich schauen uns an – und betreten den Laden. Keine Schlange, keine Wartezeit, eine nette Verkäuferin begrüsst und bittet uns, uns zu setzen. Wir tragen unser Anliegen vor – Telefon mit Radio. «Ja klar, wir haben sogar ein super Angebot für Sie.» Prepaid, Radio com tudo!

Zahlen mit Kreditkarte braucht Geduld

Gut, kaufen wir, diesmal gehts sicher schnell. Doch leider haben wir nicht an den ganzen Papierkram gedacht, vergessen, dass das Internet in Brasilien alles andere als schnell ist – und dass wohl auch die Computer nicht auf dem neusten Stand sind. Als ich ihr nach einer Stunde sagte, dass das Brot, das wir zwischendurch gekauft hatten, hart sein wird, bis wir aus diesem Laden raus sind, meinte sie freundlich und höflich lächelnd: «Wir sind fast fertig!»

Wir waren so weit, dass uns wohl nicht mal mehr das Lächeln von Gisele Bündchen verzaubert hätte. Als es dann endlich ans Bezahlen ging, war noch ein Amerikaner vor uns dran. Er bezahlte mit Kreditkarte. Das dauerte geschlagene zehn Minuten! Ein Vorgeschmack auf unsere eigene Zahlungsmodalität. Immerhin wurde unsere Karte akzeptiert, und der Vorgang konnte abgeschlossen werden. Die Verkäuferin bedankte sich noch einmal bei uns für den Kauf – und die Geduld, die wir gehabt hätten!

Als wir den Laden verlassen, empfängt uns ein kühler, leicht feuchter Wind. Von der Sonne ist nichts mehr zu sehen. Kein Wunder: Mittlerweile ist es 18.55 Uhr – und dunkel!

So komme ich noch einmal auf unseren Schweizer Fussball-Messias zurück: Lieber Sepp Blatter, schauen Sie doch, dass es an der nächsten WM in Russland – Sie sitzen dann wohl immer noch auf dem Thron – zu den Tickets auch gleich ein Handy gibt!