Ottmar Hitzfeld

02. Juli 2014 07:57; Akt: 02.07.2014 08:37 Print

Der würdevolle Abgang einer Trainer-Legende

Mit dem WM-Achtelfinal gegen Argentinien endete auch die Karriere von Ottmar Hitzfeld. Ein Abgang in Würde nach 31 Jahren.

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Schweiz - Zypern 4:1, Genf (1. Länderspiel): Ottmar Hitzfeld nimmt vor Jahren seine Arbeit mit der Schweizer Nationalmannschaft auf und feiert bei seinem Debüt einen klaren Sieg gegen die Insulaner. Schweiz - Luxemburg, 1:2, Letzigrund, WM-Quali (3. Länderspiel): Nur drei Wochen später erlebt der Lörracher seine bitterste Niederlage als Naticoach. Die Nati verliert gegen Luxemburg das WM-Qualispiel gegen Luxemburg - die Welt-Nummer 140. Schweiz - Italien, 0:0, Basel (10. Länderspiel): Ein Jahr später feiert die Nati ein achtbares Remis gegen ein Top-Ten-Team. Schweiz - Israel, 0:0, Basel WM-Quali (14. Länderspiel): Die Schweizer Nati hat sich für die WM 2010 qualifiziert. Ein Punktgewinn im letzten Spiel reichte für das Ticket für Südafrika. Spanien - Schweiz, 0:1, Durban, WM-Endrunde (19. Länderspiel): Gelson Fernandes traf im ersten WM-Gruppenspiel zur Sensation. Die Schweiz besiegte den späteren Weltmeister 1:0 - schied allerdings nach der Gruppenphase aus. Chile - Schweiz, 1:0, Port Elizabeth, WM-Endrunde (20. Länderspiel): Die Niederlage im zweiten Gruppenspiel, gleichzeitig das 20. Länderspiel in der Ära Hitzfeld, erwies sich als zu grosse Hypothek. Honduras - Schweiz, 0:0, WM-Endrunde, letztes Gruppenspiel, Bloemfontein (21. Länderspiel): Das 3. WM-Spiel der Schweizer endete torlos und in einer herben Enttäuschung. England - Schweiz, 2:2, EM-Quali, Wembley (30. Länderspiel): Die Geburtsstunde der «neuen Nati», nachdem sich Rekordtorschütze Alex Frei und Routinier Marco Streller mitten in der EM-Kampagne für 2012 aus der Nati verabschiedet hatten. Wales - Schweiz, 2:0, EM-Quali, Swansea (33. Länderspiel): Die Hitzfeld-Elf erlitt in Wales eine doppelte Niederlage. Eine Viertelstunde nach dem 0:2 gegen die Waliser erfuhr sie, dass Montenegro gegen England ein Remis geschafft und die Schweiz die EM 2012 in Polen und der Ukraine verpasst. Schweiz - Deutschland, 5:3, Basel (38. Länderspiel): Unglaublich, aber wahr! Die Schweiz bezwingt den 2. im Fifa-Ranking 5:3 und schafft den ersten Sieg gegen die Deutschen seit etwas mehr als 55 Jahren. «Für mich als Deutschen einer der schönsten Siege», so der heute 64-jährige Weltklassetrainer. Kroatien - Schweiz, 2:4, Split (40. Länderspiel): Der perfekte Start in eine sehr gute WM-Kampagne 2014. Die Schweiz bezwingt Kroatien (8. im Fifa-Ranking) in einem Testspiel deutlich. Als Doppeltorschütze war FCZ-Stürmer Mario Gavranovic verantwortlich - Schweizer mit kroatischen Wurzeln. Schweiz - Norwegen 1:1, Bern: Wegen des gestreckten Mittelfingers im Länderspiel gegen Norwegen ist Ottmar Hitzfeld bei den nächsten zwei WM-Quali-Spielen gegen Zypern gesperrt. Schweiz - Brasilien, 1:0, Basel (49.. Länderspiel): Wieder ein deutliches Auf-sich-sufmerksam-Machen der Nati. Benaglio und Co. siegten gegen Brasilien - ein weiteres Top-Ten-Team - in Basel 1:0. Das Tor erzielte Barças Dani Alves auf Vorlage von Haris Seferovic. «Ich habe nur die Flanke gegeben, aber ich werde mich bei Alves für die 50 Prozent Anteil bedanken», so Seferovic schmunzelnd. Schweiz - Island, 4:4, Stade de Suisse in Bern: Hitzfeld feiert sein 50. Länderspiel. Seine Bilanz in 50 Partien: 23 Siege, 17 Remis und 10 Niederlagen. Nur vier Trainer haben seit 1960 die 50er-Marke geknackt: Karl Rappan (83 Spiele, aber in 4 Amtszeiten), Paul Wolfisberg (51 Spiele zwischen 1981 und 85) und sein Vorgänger Köbi Kuhn (73 Spiele von 2001 bis 2008). Albanien - Schweiz 1:2, Tirana: Die Schweiz qualifiziert sich dank des Auswärtssiegs für die WM in Brasilien. Honduras - Schweiz 0:3, Manaus: Ottmar Hitzfeld weiss, wem er die Verlängerung seiner Karriere verdankt. Xherdan Shaqiri erzielt alle drei Tore, bringt die Schweiz in den Achtelfinal und zögert das Karrierenende des Nationaltrainers um mindestens ein Spiel heraus. Switzerland's coach Ottmar Hitzfeld, top center, instructs his players during the break before the extra-time of the World Cup round of 16 soccer match between Argentina and Switzerland at the Itaquerao Stadium in Sao Paulo, Brazil, Tuesday, July 1, 2014. (AP Photo/Thanassis Stavrakis) Argentinien - Schweiz 1:0 n.V., São Paulo. Das war das letzte Spiel für Ottmar Hitzfeld als Schweizer Natitrainer. Die Schweizer kämpften nach Kräften, aber waren letztlich das unglücklichere Team. Der Lörracher verabschiedet sich nach dem bitteren Aus im WM-Achtelfinal bei den Fans. Auch in der letzten Minute sucht Hitzfeld den Kontakt zu den Spielern. Er musste die meisten von ihnen trösten. Lange hat er sich auf den Moment des Abschieds einstellen können. An der letzten Pressekonferenz als Nationaltrainer in Sao Paulo konnte Ottmar Hitzfeld die Tränen aber nicht zurückhalten. Die Traum-Karriere eines Weltklassetrainers ging an diesem Tag in Brasilien zu Ende.

Ottmar Hitzfelds Zeit als Schweizer Nationaltrainer.

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«Man kann sich erhobenen Hauptes verabschieden», sagte Ottmar Hitzfeld und verliess den Konferenzraum im Stadion von São Paulo. Die Schweiz habe in der ganzen Welt viele Sympathien gewinnen können. Und: «Das kann uns stolz machen.» Oh ja, diese Nati hat uns stolz gemacht in der Corinthians-Arena. Umso mehr schmerzt das Ausscheiden.

Hitzfeld bewies ein letztes Mal, wieso er nicht ein guter, sondern ein grosser Trainer ist. Auf dem Feld nahm er jene Spieler in den Arm, die es am meisten brauchten. Die anderen beglückwünschte er zu einer grandiosen Leistung. Er habe den Rasen in erster Linie betreten, um den Spielern zu danken: «Sie haben heute etwas Grossartiges geleistet - nicht für sich allein, sondern für das ganze Land.» Er übermittelte seiner schwer gezeichneten Mannschaft eine Botschaft des Trosts: «Die Schweiz hat weltweit viele Sympathien gewinnen können. Das kann uns stolz machen.»

Turbulente 180 Sekunden

«In den letzten drei Minuten habe ich nochmals alles erlebt, was einem während eines ganzen Trainerlebens passieren kann», fasste Ottmar Hitzfeld die letzten 180 Sekunden seiner 31-jährigen Karriere. Und auch im letzten Moment seiner Karriere verhielt sich der Trainer-Maestro wie ein Gentleman: «So ist Fussball, darum lieben wir den Fussball. Ich gratuliere Argentinien zur Viertelfinal-Qualifikation.» Hitzfeld lamentierte nicht, er akzeptierte das Ergebnis, das bittere Out, das abrupte Ende seiner Ära: «Ich bin stolz auf meine Laufbahn, in der ich auch viel vom Glück begünstigt wurde.» Das letzte Engagement für den SFV sei ihm eine grosse Ehre gewesen.

Wie 1999 mit Bayern

Als Hitzfeld in den ersten Minuten nach dem unerhört bitteren Knock-out wie in Trance über den Platz spazierte, kamen bei ihm Gefühle auf wie 1999 im Final der Champions League: «Ich erlebte so etwas schon einmal gegen Manchester United, als wir innerhalb weniger Minuten alles verloren haben. Das war ähnlich heute.»

Als Klubtrainer hat Hitzfeld alles gewonnen. Als Nationaltrainer hat er die Schweiz zu seiner Herzensangelegenheit gemacht. Hier konnte er nicht davon ausgehen, Titel zu gewinnen. Hitzfeld geht als statistisch erfolgreichster Nati-Coach aller Zeiten. An den Endrunden jedoch stiess er an Grenzen – seine und jene der Mannschaft. Die WM 2010 war nach der Vorrunde zu Ende, die Qualifikation für die EM 2012 verpasste eine Nati im Umbruch. Und jetzt?

«Wenn wir scheitern, sind wir nicht weiter als 2006», hatte Valon Behrami vor dem Achtelfinal gegen Argentinien gesagt. Er sollte sich täuschen. Die Nati ist viel weiter als 2006. Hitzfeld hat den Schweizer Fussball in der oberen Mittelklasse Europas etabliert. Er hat so viele Spiele gewonnnen, dass die Schweiz in den Qualifikationen den Grossen im Weltfussball weitgehend aus dem Weg gehen kann. Nur der Exploit, ein «Grande Finale» seiner Trainerkarriere, blieb ihm verwehrt.

Persönlicher Schmerz

Hitzfeld rang nicht nur der Niederlage wegen mit den Emotionen. Am Tag vor seinem grossen Spiel in São Paulo war der Fussball für ihn plötzlich in den Hintergrund gerückt - Trauer verdrängte die WM-Euphorie. 24 Stunden vor dem letzten Highlight seiner Trainer-Karriere hatte Hitzfeld vom Tod seines Bruders Winfried erfahren, der in Basel an Leukämie gestorben war.


(sco/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Martin Kälin am 02.07.2014 08:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Einfach nur Danke Herr Hitzfeld. Ein wahrer Meister seines Fachs reicht den Stab weiter. Ihnen privat viel Kraft in diesen Tagen und aber auch viel Freude in ihrem nächsten Lebensabschnitt.

  • Marc am 02.07.2014 08:40 Report Diesen Beitrag melden

    DANKE

    Grande Hitzfeld, Merci Nati! Diese WM hat mir gezeigt wie wir sein können. Schweizer, Albaner, Bosnier, Kroaten und alle weiteren Nationen die in der Schweiz wohnen fieberten zusammen in Rot/weissem Trikot mit. Zusammenhalt, Freude, Stärke.. Alles in einem Land. Nun sollte dies nurnoch so sein wenn niemand Fussball spielt. Danke Otti für euren Auftritt an der WM 2014.

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  • Thomas von Allmen am 02.07.2014 08:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke für 118min Hoffnung!

    Es war ein Kopf an Kopf rennen, was nicht selbstverständlich auf diesem Niveau! Danke Ottmar & Spieler

Die neusten Leser-Kommentare

  • pit53 am 02.07.2014 15:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    der grosse

    ich verstehe nicht viel von fussball und co. aber othmar hitzfeld ist einfach super ,hat keinen grössenwahn,zeigt gefühle ein toller mann,wünsche ihm alles gute in zukunft, Danke

  • manfred pircher am 02.07.2014 13:39 Report Diesen Beitrag melden

    Die grosse kleine Schweiz

    Gratulation an die Nationalmannschaft und ein grosses Dankeschön an Herr Hitzfeld ! Es war ein grandioses Spiel !

  • Hans Meiser am 02.07.2014 10:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hitzfeld

    War ein sehr guter Trainer, hat stets alle respektvoll behandelt und seine ruhige Art hat mich sowieso überzeugt. Danke für alles. wären nur mehr Menschen so..

  • Supa Buaschi am 02.07.2014 09:34 Report Diesen Beitrag melden

    Alles Gute Meister

    Das schweizer Herz weint heute! Nicht nur wegen des nach heroischem Kampf verpassten Viertelfinales gestern, sondern weil uns damit einer der besten Trainier europas verlässt. Herzlichen Dank für alles Herr Gottmar Hitzfeld. Nicht nur Sie hatten das Wasser in den Augen stehen. Ein Abgang mit Würde und grossem Erinnerungswert. ein Abschied mit wehenden Fahnen!! Chapeau Monsieur!

  • R.M. am 02.07.2014 09:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grosser Meister seines Fachs

    Endlich einmal positive Berichte! Herr Hitzfeld war, ist und bleibt ein Mensch mit den Füssen auf dem Boden. Anständiges Benehmen und immer freundlich auch wenn die Situationen nicht immer die besten waren. Ich wünsche ihm für seine Zukunft alles alles Gute, Gesundheit und Zeit für seine Familie. Seine sympathische und witzige Art werde ich vermissen. Der Verlust des Bruders kam im ungünstigsten Moment, aber auch da zeigte er Grösse. Mein herzliches Beileid Herr Hitzfeld.