Einzelkritik

02. Juli 2014 05:06; Akt: 02.07.2014 09:25 Print

Wir sind stolz auf euch!

von S. Compagno/E. Tedesco, São Paulo - Es war die brutalste aller möglichen Niederlagen. 0:1 verliert die Schweiz den WM-Achtelfinal gegen Argentinien. Doch auf diese Nati können wir stolz sein.

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«Papi bleibt wohl länger» lautete der Titel unserer ersten Einzelkritik nach dem Ecuador-Spiel. Der Vater zweier Töchter wäre wohl gerne noch viel länger geblieben, so wie er sich den langsam gestarteten, dann aber immer stärkeren Argentiniern entgegenstemmte. Weltklasse-Paraden gegen Rojo (58.), Higuaín (60.), Messi (78.) und Di María (109.). Mit diesem Torhüter hätten wir gerne ein Elfmeter-Schiessen erlebt. Einer aus dem Flohband, das gegen Lionel Messi (genannt «La Pulga», der Floh) eingesetzt wurde. Wollen wir den Juventus-Verteidiger für den einen Prellball schmähen, der zum entscheidenden argentinischen Angriff und zum späten 0:1 führte? Nein! Lichtsteiner hat 117 Minuten lang den Nachweis seiner unbestrittenen Klasse geliefert. Alles andere war Pech, geschuldet der Erschöpfung nach heroischem Kampf. In Porto Seguro hatte der lange Romand seinen Teamkollegen Xhaka und Dzemaili einen Irokesenschnitt rasiert. In São Paulo rasierte er jeden Gegenspieler, der in der zweiten Etage zum Abschluss kommen wollte. Gewann ein Kopfball-Duell nach dem anderen. Schwachpunkt? Das war einmal! Das ist man sich vom so unendlich coolen Ostschweizer nicht gewöhnt. Tränenüberströmt stand der Innenverteidiger nach dem Schlusspfiff im Corinthians-Stadion. Die Tränen werden trocknen, der Blick auf eine WM, die er auf der Ersatzbank begann und mit einem Weltklasse-Auftritt gegen Argentinien beendete, wird sich wieder klären. Prädikat Weltklasse. Was der 21-Jährige ablieferte, war erneut ein Zungenschnalzer. Klasse, wie er in der ersten Halbzeit erst Lavezzi ins Leere laufen liess, dann aus schlechter Position Messi stoppte. Hat da mal jemand gesagt, er sei nicht schnell genug? Der Mittelfeld-Puncher hatte vor dem Spiel gesagt, im Falle eines Ausscheidens sei man nicht weiter als 2006 (Achtelfinal-Out gegen die Ukraine). Nach dem Spiel gab er zu, sich getäuscht zu haben. Im Verbund mit Inler einer der besten Sechser der Welt. Cool, ballsicher, intelligent und im 1-gegen-1 nicht zu bezwingen. Der Captain war das Hirn dieser Mannschaft. Stark in der defensiven Arbeit gegen Messi nach dem Motto: Doppeln war gestern, wir stellen dir den Strom zu dritt ab! Daneben immer auch wieder mit klugen Zuspielen auf den freien Mann. Prädikat Weltklasse. Erneut eine defensiv tadellose Leistung des im Laufe des Turniers vom Zentrum auf Rechtsaussen gerückten Mittelfeldspielers. Und nach vorne hatte er eine von drei sehr guten Schweizer Chancen. Schade ging sein Schuss aus elf Metern genau auf Goalie Romero (28.). Ein Tor hätte die Nerven der Gauchos weiter strapaziert. Stand am Ursprung aller Schweizer Torchancen: der kluge Rückpass auf Xhaka (28.), die traumhafte Spielverlagerung auf Drmic (39.) und die Flanke, die in der 122. erst auf Dzemailis Kopf und dann am Pfosten landete. Klasse-Auftritt des Alpen-Messis. Verzückte und belustigte die brasilianischen Zuschauer mit ein paar gelungenen Tricksereien, welche die Argentinier gar nicht so lustig fanden. Daneben machte er mit Rodriguez die linke Flanke dicht. Stark. «Vielleicht schaut Messi nach dem Spiel ein Video von mir», hatte der Stürmer vor dem Spiel gescherzt. Dachte vielleicht an seinen Spruch, als er nach 38 Minuten alleine vor Goalie Romero einen Heber versuchte, statt einfach mal draufzuhauen. Oder den Ball anzunehmen. Zeit wäre gegen eine entblösste argentinische Abwehr vorhanden gewesen. Der polyvalente Mittelfeldspieler kam nach 64 Minuten für den entkräfteten Xhaka und führte sich gleich mit einer herzhaften Grätsche gegen Di Maria ein. Dafür gab es Gelb. Gefiel sonst mit viel offensiver Unternehmungslust, ist aber so agil, dass er auch in der Defensivarbeit stets wieder auf dem Posten war. Kam in der 82. Minute für Drmic und fand in einer zunehmend mit Defensivaufgaben ausgelasteten Nati kaum eine Chance für eine gelungene Offensivaktion. Hing in der Luft. Wieso, wieso, wieso landete dieser Kopfball am Pfosten? In der 113. Minute kam der dritte Neapolitaner für Mehmedi, der an Krämpfen litt. Hätte nach 121 Minuten zum Volkshelden werden können, wäre sein Kopfball um fünf Zentimeter weiter rechts aufs Tor geflogen. Gerade Dzemaili, der ein Turnier hinter Inler und Behrami verbrachte, aber stets Leistung zeigte, wenn er eingewechselt wurde, hätte dieses Tor verdient.

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Eine Einzelkritik der Spieler in der Bildstrecke, die für einmal fast ohne Kritik auskommt. Ein Blick zurück ohne Zorn, aber mit unendlichem Bedauern über diese drei Minuten, die nur der Fussball so schreiben kann.

Das Schlusswort gehört Alexandre Comisetti, der 30-fache Schweizer Internationale arbeitet heute als Experte für das Westschweizer Fernsehen TSR: «So etwas habe ich als Fussballer nie erlebt. Und was mich am meisten ärgert: Diese Mannschaft hätte ich gerne nochmals spielen sehen.» Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • jayjoe am 02.07.2014 06:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hitzfeld

    Schade wurde die "Kritik" an Hitzfeld vergessen. Wen ein Trainer eine Mannschaft auf einen technisch Überlegenen Gegner so positionieren kann das dieser praktisch neutralisiert ist und auch noch die besseren Chancen im angriff hat, ist das MEISTERLICH! Hitzfeld Trainer des Jahres 2014!

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  • Meister am 02.07.2014 07:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    An Politiker

    Nehmt ein Beispiel auf diese Mannschafft mir verschiedenen Herkunft wie sie zusammen halten und zusammen arbeiten. Alle für einen und einer für alle. Bravo Jung für mich seid ihr die Meister auf dem Feld.

  • FrauMeinung am 02.07.2014 08:07 Report Diesen Beitrag melden

    BRAVO

    CH-Nati! WIR SIND STOLZ AUF EUCH! Spannendes Spiel, bis zum Schluss alles gegeben...Das machte uns Freude.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Walter Kuhn am 02.07.2014 15:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    s CH a DE

    Als Grenzgänger habe ich sowohl DE als auch der Nati die Daumen gedrückt. Ganz ehrlich, die Schweiz hätte hier weit mehr den Sieg verdient, als Deutschland am Vortag.

  • Hans H am 02.07.2014 14:17 Report Diesen Beitrag melden

    Effizient

    Wir waren ebenbürtig. So wie Chile, Algerien & Mexiko es auch waren. Trotzdem müssen die "Underdogs" nach Hause. Das unterscheidet uns von den ganz grossen: während wir den Pfosten treffen geht er halt bei den Grossen rein.

  • J. Meyer am 02.07.2014 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    Hitzfeld ist ein Ausnahmetrainer,

    der es schaffte, einen Aussenseiter an dieser WM so zu positionieren, das eine hochfavorisiert gesetzte Mannschaft wie Argent. blass aussah u es nicht schaffte, die Nati in der regulären Spielzeit zu bezwingen. Das spricht für die Qualität der Nati, aber auch gegen die Qualität der Argentinier. Auf diese Nati kann man wirklich stolz sein, die kämpferisch alles gegeben hat u leider mit dem Pfostenschuss auch vom Glück verlassen war. Es war ein Spiel nahe dem Herzinfarkt u habe mich trotzdem mit dieser Nati gefreut, weil sie Potential zeigte u in Zukunft noch mehr zeigen wird.

    • VSO am 02.07.2014 22:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Argentina

      Der Bessere gewann, alles Schönreden nützt nichts mehr. Wie unsere deutschen Nachbarn schon sagten: Der Sieg zählt, alles andere ist Nebensache. Mal abgesehen davon war unser Team max. 30 Minuten den Argentiniern ebenbürtig (niemals überlegen), der Rest der Zeit beschränkte sich auf krampfhaftes Verteidigen in der eigenen Patzhälfte. Und mal ehrlich, mit 10 Verteidigern und einem Torwart, kann man kein Spiel gewinnen.

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  • S.mark am 02.07.2014 13:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Argentinien schwach

    Argentinien enttäuscht mich an dieser WM. Sie spielen nicht als Mannschaft bis jetzt nur durch und durch schlechte Leistungen..

  • Bernadette Schlömmer am 02.07.2014 13:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Diego

    Allez diego