Kein Trikottausch mehr

14. Juli 2018 09:43; Akt: 15.07.2018 16:00 Print

Die schönen Gesten geraten in Vergessenheit

Früher war der Trikot-Tausch an Weltmeisterschaften gang und gäbe. In Russland aber ist dieses Ritual kaum zu sehen.

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Für rund 573 Franken preist die Fifa online ein von Pelé signiertes Foto an, auf welchem der brasilianische Star zu sehen ist, wie er mit Englands Legende Bobby Moore sein Trikot tauscht. Entstanden ist es an der WM 1970 in Mexiko nach dem Gruppenspiel zwischen Brasilien und England, das die Seleção 1:0 gewann. Ein Original-Shirt von Pelé war zu diesen Zeiten fast Gold wert – und ist es heute noch. Das Leibchen, das die Fussball-Ikone dann im WM-Final gegen Italien (4:1) mit der Rückennummer 10 trug, wurde im März 2002 durch die Christie's Auktion in London versteigert und brachte umgerechnet satte 222'000 Franken ein.

Dass am Sonntag nach dem WM-Final in Moskau zwischen Frankreich und Kroatien beispielsweise Paul Pogba und Luka Modric ihre getragenen Trikots noch auf dem Rasen wechseln – und dabei fotografiert werden – ist eher unwahrscheinlich. Wenn überhaupt, dann tun die Spieler dies wohl in den Katakomben, so wie es am Turnier 2018 gehandhabt wird. Die Ära des Trikottauschs in aller Öffentlichkeit scheint vorüber zu sein. Doch warum?

Lieber selber behalten

Die Gründe sind verschieden. Einerseits verbot der Weltverband im Jahr 1998 den Shirtwechsel vor den Augen aller; mit der Begründung, dass auch an die Frauen der arabischen Welt gedacht werden müsse. Musliminnen könnte ein nackter Oberkörper eines durchtrainierten Fussballers sauer aufstossen. Nachdem sich Unverständnis über diese Vorschrift – und vor allem das von der Fifa vorgebrachte Argument – breit gemacht hatte, wurde sie wieder abgeschafft.

Andererseits untersagen einige Clubs und Verbände ihren Spielern, das Dress einfach herzugeben. Oder die Profis wollen das Trikot selber behalten, als persönliches Erinnerungsstück oder zum Verschenken an ihre Liebsten (Familie/Freunde).

Messis Trikot? Nein danke!

Die WM-Neulinge aus Island wollten zwar mit berühmten Gegenspielern ihre Trikots tauschen, liefen dabei aber auf. Captain Aron Gunnarsson hatte Cristiano Ronaldo um einen Wechsel gefragt. Doch der Isländer erwischte einen ungünstigen Moment, da der portugiesische Superstar nach Ende des Gruppenspiels noch leicht entnervt ob dem Remis (1:1) war. Der Stürmer schenkte Gunnarsson lediglich ein abschätziges Lächeln. Die Isländer machten sich einen Spass aus der Anekdote mit «CR7» und liessen daraufhin verlauten, dass sie ihre Shirts künftig nur noch auf Nachfrage tauschen würden.

Für Schmunzeln sorgte wegen eines geplanten Trikottausches auch Ante Rebic. Der Kroate wollte sich nach dem Gruppenspiel gegen Argentinien das Dress von Messi angeln, er hatte es einem Freund versprochen. Der bei Eintracht Frankfurt engagierte Stürmer verzichtete nach dem 3:0-Sieg allerdings darauf, da er sich über das mangelnde Fairplay der Südamerikaner aufregte. «Die Argentinier haben einen solch schlechten Eindruck hinterlassen, dass ich das Trikot nicht mehr haben wollte», verriet Rebic gegenüber goal.hr.

«Bin nöd da zum Liblis tüschlä»

Zum Thema Trikot-Tausch bleibt aus Schweizer Sicht vor allem eine Anekdote aus dem Oktober 2011 in Erinnerung. Admir Mehmedi, der damals mit dem FC Zürich in der Champions-League-Qualifikation gegen Bayern München antrat. Von einem Journalisten wurde der Winterthurer gefragt, ob er sich überlegt habe, mit wem er das Dress tauschen wolle. Der heute beim VfL Wolfsburg aktive Nationalspieler antwortete: «Mit keinem. Ich habe schon im Hinspiel mit keinem getauscht.» Mehmedi gab zu bedenken, dass er Profifussballer sei, und fügte an: «Ich bin nöd da zum Liblis tüschlä mit dene.»

Andere Spieler sehen das ebenso. Roy Keane, der irische Ex-Profi und heutige Assistenzcoach des Nationalteams von der «Grünen Insel», sagte einst: «Ich kann mich nicht erinnern, als Clubspieler jemals das Trikot getauscht zu haben. Für einen Routinier wie mich finde ich das ausserdem lächerlich.»

Warten auf Xavis Trikot

Benjamin Huggel hingegen fand das Tauschen von Trikots immer «mega cool». Über hundert hat der ehemalige Spieler des FC Basel und der Schweizer Nationalmannschaft während seiner 14-jährigen Profikarriere gesammelt. «Ich habe eine ganze Kiste voll, wobei nicht alle gleich besonders sind», verrät er. Seine grösste Trophäe sei das Shirt von Xavi. Dieses musste sich Huggel regelrecht erdulden. Nachdem sich die Basler am 4. November 2008 im Rückspiel der Champions-League-Gruppenphase auswärts ein 1:1 erkämpft hatten, fragte er den Barça-Mittelfeldspieler in den Katakomben das Camp Nou auf dem Weg zur Garderobe an. «Er antwortete, dass ich einen Moment warten solle, da gleich der spanische König in die Kabine komme», erinnert sich der Basler. Die Zeit verstrich und Huggel rechnete bereits damit, dass nichts mehr aus dem Tausch wird. Doch Xavi hielt Wort und überreichte ihm das Shirt. «Es ist mir viel zu klein, aber er war ein grosses Vorbild», schmunzelt der 41-Jährige.

«Nach Niederlagen des Gegners habe ich auch schon erlebt, dass sich ein Spieler trotz vorgängiger Abmachung eines Tausches nicht daran hielt», schildert Huggel. Neben dem von Xavi konnte er sich auch Trikots von anderen Stars wie Thierry Henry, Gennaro Gattuso, Francesco Totti oder Michael Ballack ergattern. «Mit dem Holländer Clarence Seedorf wollte ich nach dem Länderspiel in Genf (im August 2007; Red.) auch tauschen, habe es dann aber vergessen», gesteht der einstige Mittelfeldakteur. Offenbar war sein Freudentaumel über den damaligen 2:1-Erfolg über die Niederlande zu gross.

«Das zollt von Respekt»

Huggel sagt, dass er schon als Bub grosse Freude an Fussball-Trikots gehabt habe. Den Austausch betrachtet er als grosse Geste, «vor allem, wenn der Gegner verlor». So könne man etwas vom Gegner mitnehmen. «In der Pause bieten sich die besten Möglichkeiten für einen Tausch, da das Spiel noch nicht entschieden und noch keiner sauer ist», weiss der siebenfache Schweizer Meister, der seit Januar 2018 die Spiele der Schweizer Nationalmannschaft für SRF als Experte begleitet. In seiner Funktion als Co-Moderator liess er sich an der WM in Russland nach einem verbalen Seitenhieb von Blerim Dzemaili zu einem Jacket-Wechsel mit Moderator Rainer Maria Salzgeber hinreissen.


Seltene Szene: Nach dem WM-Gruppenspiel der Schweizer gegen Costa Rica tauschen Benjamin Huggel und Rainer Maria Salzgeber ihre Jackets. (Video: SRF/Tamedia)


Ein Verbot des Trikot-Tauschs würde Huggel bedauern. «Das bereitet doch Freude und zollt von Respekt», begründet der Ex-Profi. In einem Cupspiel mit dem FC Basel gegen einen Unterklassigen eine Anfrage abzulehnen, sei ihm jedenfalls nie in den Sinn gekommen. «Dass die Clubs den Spielern aber nur ein gewisses Kontingent an Trikots zur Verfügung stellen, das kann ich verstehen.» Umso mehr schätzte es Huggel, als dies während seinem zweijährigen Abstecher zu Eintracht Frankfurt (2005 bis 2007) nicht der Fall war. «In Frankfurt durften wir das Trikot nach jedem Match tauschen.»

Nicht mehr das Gleiche

Fussballfans trauern den zunehmend in Vergessenheit geratenen schönen Gesten nach, die ein Trikot-Tausch mit sich bringt. Längst nicht wegen der nackten Oberkörper, sondern weil er ein Zeichen gegenseitiger Hochachtung darstellt. Und Hand aufs Herz: Wenn die Spieler in den Katakomben ungebrauchte Shirts untereinander austauschen, ist das in etwa vergleichbar mit dem «Tüschlä» von Panini-Bildern in geschlossenen Verpackungen – es ist schlicht nicht das Gleiche.

WM-Center

(ddu)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Luigi am 14.07.2018 10:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Diva

    Die heutigen Spieler führen sich wie Diven auf.Die Superstars sind total abgehoben.Sie haben das Gefühl was besseres zu sein.Traurig das der gegenseitige Respekt verloren geht

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  • Italico Nero am 14.07.2018 10:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schafe

    Die aktuellen Star-Spieler sind auch arrogant, eingebildet und zu stolz um ihre leibchen zu tauschen und zu respekt zu zeigen. Spieler wie Maldini, Figo, R. Carlos usw gibt es nicht mehr.

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  • Thomas am 14.07.2018 10:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    egoman

    tja der sportsgeist ist wohl gestorben.... Nur noch eingebildete hochnäsige Schauspieler und egozentriker auf dem Platz...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • panthomas am 15.07.2018 21:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaubwürdigkeit

    Zidane das Spukende und Kopfstossende Fußballer als vorbildlich zu bezeichnen ist wohl nicht glaubwürdig!

  • Axel Schweiss am 14.07.2018 22:56 Report Diesen Beitrag melden

    Respekt

    In einer Medienwelt, wo jeder viertklassige Fussballer bereits zum Superstar hochstlisiert wird, bleiben halt auch die guten Manieren auf der Strecke. Trikotttausch hat auch etwas mit dem Fairplay und Respekt dem Gegner geneüber nach einem Spiel zu tun und war es noch so hart.

  • Georg am 14.07.2018 16:35 Report Diesen Beitrag melden

    das war's mit Fussball

    Nach dem Zirkus an dieser WM ist für mich der Fussball definitiv kein Thema mehr. Nur noch selbstverliebte Diven und Schauspieler, die weder Gegner noch Schiri respektieren, sich nur selber inszenieren und auch von den Fans nicht mehr viel halten (Bsp. Ignorieren von Fans auf dem Flughafen nach Rückkehr, keine oder schnoddrige Interviews, etc.). Da schau ich lieber nur noch Eishockey oder auch Tennis.

    • Drippler am 14.07.2018 16:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Georg

      Die Schiris verschaffen sich auch zu wenig Respekt. Ich würde für jedes Reklamieren und Zeitspiel sofort eine Karte zeigen. Auch wer bei einee Auswechslung vom Platz spaziert.

    • Su am 14.07.2018 18:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Drippler

      Wurde von oben so verordnet.

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  • Baselboy12 am 14.07.2018 16:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Früher vs heute

    Würde sagen der respekt auf dem feld ist auch kleiner geworden. Früher haben sich die grossen spieler gegenseitig respektiert. Heute hab ich das gefühl der ist weniger geworden

  • Cr7 Juve am 14.07.2018 16:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Serie A

    in der serie a sieht man dies noch ab und zu :-) #besteliga

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