Sportpsychologe

27. Juni 2018 05:51; Akt: 27.06.2018 05:51 Print

«Adler-Affäre schweisst das Team zusammen»

Sportpsychologe Jan Rauch erklärt die Siegermentalität der Schweizer Nati. Sie werde Costa Rica nicht unterschätzen.

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Dr. Jan Rauch ist Sport- und Teampsychologe an der ZHAW. Er berät diverse Fussballprofis im mentalen Bereich. Die Geste, die grosse Diskussionen auslöste: Nach dem erlösenden 2:1 in der 90. Minute gegen Serbien zeigte Xherdan Shaqiri den Doppeladler. Zuvor hatte sich schon Granit Xhaka nach seinem Tor dazu hinreissen lassen. In der Jubeltraube formte Xhaka nochmals den Adler. Und auch Captain Stephan Lichtsteiner formte die Hände zum albanischen Nationalsymbol. Die Fifa eröffnete darauf ein Verfahren gegen die drei Schweizer. Am Montag folgte das Urteil: Die Spieler werden nicht gesperrt, sondern nur gebüsst. Für die umstrittenen Gesten wurden Shaqiri und Xhaka von der Fifa zu einer Busse von je 10'000 Franken verurteilt. Captain Lichtsteiner muss 5'000 Franken bezahlen. Auch Serbiens Trainer Mladen Krstajic wurde zu einer Busse von 5'000 Franken verdonnert. Er hatte Schiedsrichter Felix Brych frontal angegriffen und sich zur Aussage hinreissen lassen, man sollte den deutschen Referee vor das UNO-Tribunal in Den Haag stellen. Für die verurteilten Nati-Spieler läuft eine Crowdfunding-Kampagne: Am Dienstagmorgen wurden bereits über 9'200 Franken gespendet. Auch der kosovarische Handelsminister Bajram Hasani will spenden – ein ganzes Monatsgehalt von 1500 Euro. Der serbische Fussball-Verband muss wegen des Verhaltens eines Teils seiner Anhänger 54'000 Franken bezahlen. Einige Fans trugen im Station Pullover mit dem Konterfei des verurteilten Kriegsverbrechers Ratko Mladic. Macht die Adler-Geste nun Schule? Saudiarabiens Stürmer Salem Al-Dawsari feierte seinen Treffer gegen Ägypten mit der Vogel-Figur. Da könnte es aber am Spitznamen der Saudis liegen: Sie nennen sich die «Grünen Falken».

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Tagelang diskutierte die Schweiz über den Doppeladler-Jubel. Hat das einen Einfluss auf die Partie gegen Costa Rica?
In den sozialen Medien und Kommentarspalten wurde wieder darüber diskutiert, ob die Secondos nun richtige Schweizer seien. Das sorgt für Unruhe. Vorausgesetzt, dass es in der Mannschaft keinen Streit zwischen Spielern mit und ohne Migrationshintergrund gibt, wird die Affäre das Team aber noch stärker zusammenschweissen. Druck von aussen, ein gemeinsamer Feind, verbindet. Das gilt nicht nur in der Politik, sondern auch im Sport.

Sollte ein Spieler die Zeitung lesen oder sich bewusst abschirmen?
Ich würde ihm raten, nichts zu lesen. Teilweise machen sie es aus Neugierde trotzdem, weil sie wissen wollen, was in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

Woraus schliessen Sie, dass die Stimmung intakt ist?
Das Team wirkt von aussen sehr solidarisch. Wenn Captain Stephan Lichtsteiner ebenfalls den Doppeladler macht, zeigt das, dass es im Team nicht zwei Lager gibt. Der Aussenverteidiger war es, der vor einigen Jahren – vielleicht ungewollt – die Diskussion um die Secondos in der Nati losgetreten hatte. Inzwischen hat er offenbar mit den Vätern der albanischstämmigen Spielern geredet und ein besseres Verständnis für das Verhalten seiner Kollegen. Solche Leaderfiguren sind extrem wichtig.

Was macht die Schweiz derzeit so stark? Gegen Serbien konnte sie in extremis die Partie kehren.
Ein Faktor ist die Konstanz, der lange Weg, den man gemeinsam beschritten hat. Man hat sich Automatismen und gleiche Werte antrainiert. Mit der erfolgreichen Qualifikation für die WM und die EM 2016 gibt es ein kollektives Selbstvertrauen, eine Siegermentalität: Xhaka und Co. wissen, dass sie auch unter Druck erfolgreich sein können und was sie von ihren Mitspielern erwarten dürfen. Auch Trainer Vladimir Petkovic gibt seinen Mannen Sicherheit, indem er extrem lange an einem Spieler auch nach Fehlern festhält, selbst wenn sie der «Blick» abschiesst. Im Team ist die psychologische Sicherheit sehr wichtig.

Was kann Vladimir Petkovic tun, dass seine Spieler jetzt nicht abheben und Costa Rica unterschätzen?
Wenn ich die Spieler reden höre, habe ich bei keinem das Gefühl, dass sie das Spiel auf die leichte Schulter nehmen. Die Mannschaft will immer gewinnen. Das hat ihnen Petkovic eingeimpft. Wenn die Öffentlichkeit die Schweiz schon in den Achtelfinals sieht, dann hat das weniger mit dem Gegner als mit der hervorragenden Ausgangslage zu tun.

Bei einem Sieg winkt ein Spiel gegen Deutschland. Motiviert das die Spieler zusätzlich.
Es gab Spieler, die gesagt haben, sie würden sich über eine solche Affiche freuen. Diese Nati hat wohl das Vertrauen, dass sie es mit jedem Gegner aufnehmen kann. Persönlich wäre es mir aber lieber, der Topfavorit käme erst im Final.

WM-Center

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Serbe am 27.06.2018 06:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Also..

    Mich als Serben provoziert die Geste von Xhaka und Shaqiri überhaupt nicht.. ich meine, die sind Albaner.. für mich ist es ok wenn sie sich auch so verhalten denn ich habe eine Mannschaft (Serbien) welche mein Volk, also auch mich repräsentiert, und welche ich immer unterstützen werde. Ich bin überzeugt dass die ganze Adler Affäre mehr ein Problem für die Schweiz als für Serbien ist denn ich weiss ehrlich gesagt noch ob sich das Schweizer Volk mehrheitlich mit diesen Spielern identifizieren kann.. und die Tatsache dass Politiker und Verband es tolerieren verspricht ja einiges für die Zukunft

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  • Adi am 27.06.2018 06:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genug!!

    Ich habe schon jetzt genug von der WM!! Das Ganze hat mit Fussball nicht's mehr zu tun.

  • ASDF am 27.06.2018 06:19 Report Diesen Beitrag melden

    Schauen sie mal die Gesichter an.

    Wir haben uns gefreut und gelacht wenn wir ein Tor geschossen hatten. Jetzt sehe ich nur noch Hass und Verachtung des Gegner bei den Doppeladlern. Traurig!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Realist am 27.06.2018 12:28 Report Diesen Beitrag melden

    viel lärm um

    Ich weiss gar nicht was hier immer alle rumschreien. Der Tschagga und der Tscherdan sind doch alles Schweizer oder? Wie die anderen 21 und der Trainer.

  • Maximus Aurelius am 27.06.2018 12:18 Report Diesen Beitrag melden

    Gefährlich

    Da grauts mir gerade, wenn ich an all die jungen Soldaten in der CH Armee denke. Wenn man schon bei einer WM klar Stellung zum Heimatland bezieht, was passiert wohl im Ernstfall. Da stehen dann wohl nur noch Müller und Meier an der Front.

  • J.P. am 27.06.2018 10:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fragiler Teamgeist!

    Das wage ich zu bezweifeln! Was soll die Mannschaft denn sonst nach aussen demonstrieren? Dann könnte sie ja gleich nach Hause gehen! Ich habe selbst Mannschaftssport auf Top Niveau betrieben und weiss, das sowas dem Teamgeist IMMER schadet, besonders wenn die grenzenlose Dummheit einzelner Spieler der Auslöser der ganzen Misere ist. Respektloses nationalistisches Getue gleich gegen 2 Nationen (darunter die eigene) hat definitiv auch mit Intelligenz zu tun! Mal sehen, ob dieser Teamgeist über die WM hinaus bestehen bleibt, vor allem bei einem allfälligen frühzeitigen Ausscheiden der Nati...

  • Grisuu am 27.06.2018 09:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was geht 2.0

    Ich schäme mich grad richtig Schweizer zu sein wenn ich euer gemoser das nur schon 5 Tage anhällt lese. Ich bleibe Standhaft und steh hinter der Nati. Euer verhalten ist so lächerlich.

  • Zakiic am 27.06.2018 09:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nati

    Das Team zusammen und die Nation auseinander..

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