Neue StudieJedes vierte Kind hat Familienmitglied mit psychischer Erkrankung
27 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in der Schweiz haben ein Familienmitglied mit einer psychischen Erkrankung. Das zeigt eine neue Studie. Die Kinder bleiben oft im Verborgenen, obwohl Unterstützung vielen helfen würde.
Darum gehts
- 27 Prozent der Schweizer Kinder leben mit einem Familienmitglied, das eine psychische Erkrankung hat.
- Das zeigt eine repräsentative Studie von «Stand by You Schweiz».
- Die betroffenen Kinder werden oft übersehen.
- Dies prägt viele bis ins Erwachsenenalter.
«Als Kind behielt ich meine Sorgen für mich. Denn ich dachte: Ich kann sie meinen Eltern nicht aufbürden, denn die Situation ist schon schwierig genug», erzählt Lilian gegenüber 20 Minuten. Die 18-Jährige ist eine von 2,1 Millionen Menschen in der Schweiz, die Angehörige oder Vertrauenspersonen von Menschen mit psychischen Erkrankungen sind. Doch Hilfsangebote und die Sichtbarkeit dieser Gesellschaftsgruppe sind rar. Besonders herausfordernd kann die Situation als Kind oder Jugendlicher sein.
Erstmals wurde in der Schweiz eine Studie durchgeführt, die sich explizit mit dieser Gruppe beschäftigt. Die repräsentative Studie der Organisation «Stand by You Schweiz» fand heraus: Mehr als jede vierte Person hatte in ihrer Kindheit ein Familienmitglied, das mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen hatte.
Unterstützung fehlte als Kind
65 Prozent gaben an, dass sie in ihrer Kindheit und Jugend nicht die gewünschte Unterstützung erhalten haben. Bei Personen ohne Familienmitglieder mit einer psychischen Erkrankung gaben halb so viele (31 Prozent) an, dass ihnen zu Hause die Unterstützung gefehlt hat.
Über die Studie
Für Tracy Wagner, Psychologin und Vorstandsmitglied von «Stand by You Schweiz» zeigt die Studie, dass Angehörige in der aktuellen Gesellschaft noch zu wenig gesehen werden. «Aktuell liegt der Fokus auf der Person mit einer psychischen Erkrankung und nicht auf der Familie, obwohl sie als Gesamtes auch betroffen ist.» Denn häufig komme es vor, dass Kinder und Jugendliche gewisse Aufgaben übernehmen müssen, die eigentlich die Eltern tragen sollten. «Einige wirken nach aussen sehr stark und entwickeln gewisse Stärken. Aber auch sie leiden oft im Stillen und werden leicht übersehen.»
Betroffenen fällt es schwerer, um Hilfe zu bitten
Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Erlebte viele bis ins Erwachsenenalter prägt. Fast die Hälfte gab an, dass sie Mühe haben, um Hilfe zu bitten (47 Prozent), bei der übrigen Bevölkerung waren es 32 Prozent. Viele versuchen selbst dann stark zu sein, wenn sie längst überfordert sind (44 Prozent vs. 30 Prozent) und haben Mühe, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu kommunizieren (40 Prozent vs. 18 Prozent). Dafür haben sie einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit (76 Prozent vs. 65 Prozent) und reflektieren ihr Leben und ihre Erfahrungen häufiger (69 Prozent vs. 56 Prozent).

Für Wagner macht die Befragung deutlich, wie wichtig es ist, dass das Stigma von psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft verschwindet. «Viele Menschen sind zu wenig sensibilisiert. Das hemmt Angehörige zu erzählen, was sie zu Hause erleben.» Andere Leute seien schlichtweg überfordert. «Und Hilfsangebote für Angehörige sind rar. Oft bekommt man erst Unterstützung, wenn man selber überlastet und erkrankt ist.»
Situation für Betroffene «komplex»
Für Betroffene sei die Situation heute komplex und die Unterstützungsangebote ein Flickenteppich. «Stand by You Schweiz» sei momentan daran, ein schweizweites Angebot zu entwickeln.
Wagner rät Betroffenen: «Der Schulsozialarbeiter ist eine gute Anlaufstelle. Falls es das an der Schule nicht gibt, kann man sich einer erwachsenen Person anvertrauen, der man vertraut. Zum Beispiel jemand aus dem Verein oder einer Familienfreundin.»
Mädchen häufiger betroffen als Jungs
Anja Zingg (anz), arbeitet seit 2020 bei 20 Minuten. Sie ist seit Juni 2023 Leiterin des Ressorts Gesellschaft & Community.
