Psychische Erkrankung in der Familie: Lilian berichtet von ihrer Erfahrung als Angehörige

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Lilian (18)«Ich wollte in einer Ausnahmesituation keine Last sein»

Lilian ist noch ein Kind, als bei ihrem Bruder eine psychische Erkrankung diagnostiziert wird. Sie erzählt, was sie als Angehörige erlebt hat und wo die Unterstützung fehlte.

Darum gehts

  • Lilian (18) wächst als Angehörige eines Familienmitgliedes mit einer psychischen Erkrankung auf.
  • Ihre Eltern seien immer sehr offen mit ihr umgegangen und für sie da gewesen.
  • Trotzdem versuchte sie, möglichkst keine Last zu sein.
  • Oft fehlte ihr die Unterstützung von aussen, zum Beispiel in der Schule.

Lilian stand kurz vor derm Übertritt in die Oberstufe, als bei ihrem vier Jahre älteren Bruder eine psychische Erkrankung ausbricht. «Es war eine schwierige und intensive Zeit», erzählt die 18-Jährige. «Rückwirkend kann ich das sagen. Währenddessen war es so eine Ausnahmesituation, dass ich keine Ressourcen hatte, um mir darüber Gedanken zu machen.»

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Lilian ist mit ihren Erfahrungen nicht alleine. Wie eine neue Studie zeigt, gibt es in der Schweiz schätzungsweise 1,9 Millionen Menschen, die in ihrer Kindheit oder Jugend ein Familienmitglied mit einer psychischen Erkrankungen gehabt hatten. Vieles, was die Studie belegt, hat Lilian selber erlebt.

«Ich war einfach die Schwester von …»

Häufig ist es so, dass Betroffene mit ihrer Situation alleine sind, weil ausserhalb der Kernfamilie kaum jemand über die Situation Bescheid weiss. Bei Lilian war das anders. Sie erzählt, dass sie in einer kleinen Ortschaft in Graubünden aufgewachsen ist. «Die Leute wussten von der Erkankung meines Bruders. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass Aussenstehende mit mir darüber sprechen konnten oder wollten.» Sie sei einfach «die Schwester von …» gewesen.

privat

«In der Schule habe ich häufig eine grosse Unbeholfenheit gespürt. Ich hatte nur bei einer Lehrperson das Gefühl, dass sie damit umgehen kann und ein offenes Ohr für mich hatte.» Zum Glück sei es zu Hause ganz anders gewesen. «Meine Eltern sind immer extrem offen mit der Situation umgegangen. Obwohl ich sehr jung war, haben sie versucht, mir altersgerecht zu erklären, was gerade los war.» Diese Offenheit habe sie auch gegen aussen tragen können. «Meine Freunde wussten Bescheid. Aber klar, andere in dem Alter kommen damit nicht in Berührung und es kann überfordern. Darum war es nicht häufig Thema.»

Familie war immer für sie da

Die Gymi-Schülerin betont, dass ihre Eltern ihr nie das Gefühl gaben, dass sie mit ihren Sorgen nicht zu ihnen kann. Und trotzdem: «Ich wollte in dieser unglaublich schwierigen Situation nicht noch eine Last sein. Also habe ich vieles mit mir selber ausgemacht und viel Verantwortung für mich übernommen.» Auch das sei etwas, dass sie in diesen Momentan nicht realisierte habe. «Aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, sehe ich das sehr klar.»

Hast du in deinem Umfeld Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen gemacht?

Die Gymi-Schülerin betont, dass ihre Eltern ihr nie das Gefühl gaben, dass sie mit ihren Sorgen nicht zu ihnen kann. Und trotzdem: «Ich wollte in dieser unglaublich schwierigen Situation nicht noch eine Last sein. Also habe ich vieles mit mir selber ausgemacht und viel Verantwortung für mich übernommen.» Auch das sei etwas, dass sie in diesen Momentan nicht realisierte habe. «Aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, sehe ich das sehr klar.»

Sie lernte, sich abzugrenzen

Wofür Lilian bis heute dankbar ist: «Meine Eltern haben mich eines Tages in die Gesprächstherapie geschickt. Das hat mir extrem geholfen.» In dieser Zeit sei es nur um sie gegangen, um ihre Probleme, die sie mit einer aussenstehenden Person besprechen konnte. «Aber das ist für viele in ähnlichen Situationen nicht selbstverständlich.» Auch ihre Familienkonstellation sei wertvoll gewesen. «Ich lebe in einer Patchworkfamilie. Und ich glaube, es half, dass die Last auf den Schultern von mehreren Erwachsenen verteilt gewesen war.»

Lilian sagt heute, dass es ihr gut gehe. «Ich habe einen anderen Blick auf die Welt als Gleichaltrige.» Sie habe gelernt, ihren eigenen Raum einzunehmen und sich abzugrenzen. «Ich weiss jetzt: Ich kann nichts für die Situation, ich kann sie nicht besser oder schlechter machen. Und das liegt auch gar nicht in meiner Verantwortung.»

Anja Zingg (anz), arbeitet seit 2020 bei 20 Minuten. Sie ist seit Juni 2023 Leiterin des Ressorts Gesellschaft & Community.

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