Preisexplosion im Ausland – ist der Einkaufstourismus am Ende?

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Inflation in DeutschlandPreisexplosion im Ausland – ist der Einkaufstourismus am Ende?

Lebensmittel kosten in Deutschland über 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Trend könnte noch zunehmen. Einige Einkaufstouristen denken nun um.

Darum gehts

  • Viele Früchte und Gemüse sind in Deutschland teurer als in der Schweiz.
  • Bei Preisveränderung  ändern viele die Einkaufsgewohnheiten, sagt ein Experte.
  • Jetzt können Schweizer Händler jubeln.

Die Inflation ist in den Nachbarländern deutlich höher als in der Schweiz. In Deutschland kosten Lebensmittel nun mehr als 20 Prozent mehr als im Vorjahr. In der Schweiz sind es gerade mal 6,5 Prozent. Manche Lebensmittel wie Früchte und Gemüse sind hierzulande nun günstiger.

Ist das nun das Ende des Einkaufstourismus? Laut einer Umfrage der Uni St. Gallen bewirkt die Preisteuerung im Ausland bei jedem fünften Einkaufstouristen ein Umdenken. Diese kaufen jetzt wieder verstärkt in der Schweiz ein.

Bei Preisveränderung ändern viele die Einkaufsgewohnheiten

Der Preis ist für viele Konsumentinnen und Konsumenten ein sehr wichtiges Kriterium, sagt Marcel Stoffel, Detailhandelsexperte und Herausgeber des Shoppingcenter-Marktreports, zu 20 Minuten. «Sobald sich die Preise verändern, schlägt sich das in den Einkaufsgewohnheiten nieder», so Stoffel.

Den Leuten sei bewusst geworden, dass nicht mehr alles günstiger ist in Deutschland. Manche Produkte wie etwa Kleider seien in der Schweiz zwar noch teurer. Aber: «Viele schliessen von wenigen Produkten aufs ganze Sortiment und vergleichen nicht ganze Warenkörbe. Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass man eher wieder in der Schweiz einkauft», so Stoffel.

Schweizer Handel profitiert

Für den Schweizer Handel sei das eine gute Nachricht. «Das ist ein Wettbewerbsvorteil, nachdem er wegen des starken Frankens lange im Nachteil war», sagt der Detailhandelsexperte. Der Trend könnte noch zunehmen: Laut Maxime Botteron, Ökonom bei der Credit Suisse, könnten die Preisunterschiede für gewisse spezifische Güter noch grösser werden.

Zwar können Schweizer Einkaufstouristen mehrwertsteuerfrei einkaufen (siehe Box). Dafür sind die Kosten für die Anfahrt meistens höher und es braucht entsprechend mehr Zeit. Allerdings sei das generelle Preisniveau in der Schweiz immer noch höher, sagt Botteron.

300 Franken Freibetrag

Waren dürfen in die Schweiz mehrwertsteuerfrei eingeführt werden, wenn ihr Gesamtwert nicht 300 Franken übersteigt. Wenn dieser Wert überschritten wird, müssen Einkaufstouristen für den Gesamtwert der Waren die Schweizer Mehrwertsteuer bezahlen.

Zudem könnten Schweizerinnen und Schweizer durch den starken Franken im EU-Ausland sehr günstig einkaufen. Ausserdem sei der Preis nur ein Grund für den Einkaufstourismus. «Eine Rolle spielen etwa auch die grosse Vielfalt der Produkte», so Botteron.

Auch Johanna Gollnhofer, Wirtschaftswissenschaftlerin und Marketing-Professorin an der Universität St. Gallen, geht von weniger Einkaufstouristen aus, wenn man davon ausgeht, dass die Menschen wegen der tieferen Preise im Ausland shoppen. «Aber manche verbinden den Einkauf auch mit einem Restaurantbesuch und gönnen sich einen schönen Tag im Ausland», so Gollnhofer.

Politik könnte Einkaufstourismus verstärken

Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger von der Uni Freiburg verweist auf eigene Preisanalysen, wonach Gemüse in der Schweiz immer noch massiv teurer ist. Er glaubt nicht, dass vereinzelte teurere Preise in Deutschland mit der Inflation zusammenhängen, weil es sonst für alle Güter gelten müsste.

Ausserdem werde die Inflationsdifferenz durch den stärkeren Schweizer Franken aufgefangen. In der Schweiz sei im Agrarbereich der Grenzschutz preistreibend. Dieser gilt, wenn in der Schweiz für das jeweilige Gemüse Saison ist. Weil es im Nationalrat Bestrebungen gebe, den Grenzschutz noch auszudehnen, könnte der Einkaufstourismus sogar noch zunehmen, so Eichenberger.

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Fabian Pöschl (fpo) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Verantwortlicher Wirtschaftsnews im Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.

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