Basler Kriminalstatistik: Massive Zunahme an Vergewaltigungen

Publiziert

Basler Kriminalstatistik«Junge Sexualstraftäter orientieren sich auf Social Media an solchen Vorbildern»

Basel verzeichnet im letzten Jahr eine deutliche Zunahme von Gewalt- und Sexualdelikten. Besonders akzentuiert zeigt sich dieser Trend im Jugendstrafrecht. Gewaltforscher Dirk Baier ordnet die Entwicklung ein.

Darum gehts

  • In Basel hat die Zahl der Gewaltdelikte 2022 gegenüber dem Vorjahr erneut zugenommen.
  • Markant zugenommen hat die Zahl der angezeigten Sexualdelikte, insbesondere der Vergewaltigungen.

Der schweizweite Anstieg der im Jahr 2022 polizeilich registrierten Straftaten spiegelt sich auch im Kanton Basel-Stadt. Die am Dienstag veröffentlichte kantonale polizeiliche Kriminalstatistik 2022 zeigt unter anderem bei den Gewalt- und Sexualdelikten steigende Werte, wie die Basler Staatsanwaltschaft am Dienstag mitteilte. Basel behauptet in dieser Kategorie seit Jahren den unrühmlichen Spitzenplatz in der Schweiz. Zurückgegangen seien dagegen die Anzeigen wegen Einbruchdiebstählen. Die Gesamtzahl der bei der Jugendanwaltschaft Basel-Stadt angezeigten Delikte ist ebenfalls gestiegen.

So ist die Zahl der angezeigten Gewaltdelikte 2022 um 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 2724 Fälle gestiegen. Dabei gab es ein vollendetes Tötungsdelikt und 17 versuchte Tötungen. In beiden Kategorien ging die Fallzahl leicht zurück. Gestiegen sind hingegen die Anzeigen wegen Körperverletzung, Gewalt und Drohung gegen Beamte und häuslicher Gewalt. Im Jugendstrafrecht zeigt sich dieser Trend akzentuiert. Hier haben Delikte gegen Leib und Leben um 32 Prozent zugenommen. Im Bereich öffentliche Gewalt wurden gar mehr als doppelt so viele Fälle verzeichnet.

Nur jedes zehnte Sexualdelikt wird angezeigt

Bei den Sexualdelikten wurde eine Zunahme der Anzeigen um knapp 40 Prozent verzeichnet. Dabei sticht in der Statistik eine deutliche Zunahme der angezeigten Vergewaltigungen um 78 Prozent von 23 auf 41 Fälle gegenüber 2021 ins Auge. «Eine Veränderung des Anzeigeverhaltens der Geschädigten könnte eine Erklärung für die markante Zunahme sein», so Hans Amman, Leiter der Kriminalpolizei der Basler Staatsanwaltschaft. Es sei aber schwierig die konkreten Ursachen festzustellen. Die Aufklärungsquote ist hier ebenfalls markant von 65 auf 80 Prozent gestiegen.

Die veränderte Anzeigebereitschaft hält auch Kriminologe und Gewaltforscher Dirk Baier von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften für eine plausible Erklärung für die Zunahme. Er gibt aber zu bedenken. «Im Durchschnitt liegt die Anzeigerate bei sexueller Gewalt in etwa bei zehn Prozent, neun von zehn Delikten werden also nicht angezeigt.» Wenn es also gelinge, mehr Opfer zum Sprechen zu bringen, führe das zu einem Anstieg in der Statistik, da diese nur angezeigte Fälle abbilde.

Falsche Vorbilder in Sozialen Medien

Dabei machten mehrere Fälle Schlagzeilen, so schockierte die Öffentlichkeit im vergangenen Sommer gleich eine Mehrzahl von schweren Sexualdelikten im öffentlichen Raum. Besonders ausgeprägt ist dieser negative Trend bei jugendlichen Straftätern. Sexualdelikte mit Gewaltanwendung haben sich gegenüber 2021 von vier auf 15 Fälle mehr als verdreifacht. «Dieser Anstieg  ist auch im längeren Zeit bemerkenswert», sagt Baier.

Der Gewaltforscher vermutet hier auch kulturelle Gründe. In sozial wenig integrierten Milieus gebe es möglicherweise eine erstarkende Orientierung an Dominanz- und Männlichkeitsnormen, die sexuelle Übergriffe an Frauen begünstigten. «Wir reden hier über solche jungen Männer, die bereits in der Familie mit solchen Normen gross geworden sind, die sich in Sozialen Medien an solchen Vorbildern orientieren und die sonst wenig im Leben haben, keine ausreichende Schulbildung und schlechte berufliche Perspektiven», so Baier. Gleichzeitig warnt er davor, junge Männer oder Männer mit Migrationshintergrund pauschal unter Verdacht zu stellen.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Polizei nach Kanton
Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein
Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer
LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133
Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13
Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

Keine News mehr verpassen

Mit dem täglichen Update bleibst du über deine Lieblingsthemen informiert und verpasst keine News über das aktuelle Weltgeschehen mehr.
Erhalte das Wichtigste kurz und knapp täglich direkt in dein Postfach.

Deine Meinung zählt

751
0
80
Merken