Münchenstein BL: 750 Mietende betroffen – ganzes Quartier fürchtet Leerkündigungen

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Münchenstein BL750 Mietende betroffen – ganzes Quartier fürchtet Leerkündigungen

In der Baselbieter Gemeinde Münchenstein soll in einem ganzen Quartier aufgestockt werden. Die Anwohnenden wehren sich vor Angst von steigenden Mietkosten und Leerkündigungen.

Darum gehts

  • In der Baselbieter Gemeinde Münchenstein fürchtet ein Quartier Leerkündigungen wegen einer neuen Quartierplanung.
  • Alle Wohnhäuser der Siedlung Zollweiden sollen mit einem zusätzlichen Stockwerk versehen werden.
  • Die Gemeinde hat die Planung initiiert, eine Interessengemeinschaft von Anwohnenden will diese nun verhindern.

«Es macht furchtbar Angst», sagt eine Anwohnerin. Die 61-Jährige lebt seit 38 Jahren in einer Wohnung im Zollweiden-Quartier in Münchenstein bei Basel. Im Quartier leben rund 750 Personen, viele junge Familien haben hier ein Zuhause gefunden. Der Wohnraum hier ist günstig. Das könnte sich ändern. Wegen einer geplanten Aufstockung der Gebäude drohen Leerkündigungen und happige Mietzinsaufschläge, befürchtet die IG Zollweiden. Angesichts der Wohnungsnot, kommen diese Pläne zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Auf den Spielplätzen im Quartier ist der Quartierplan das Thema Nummer eins, seit die IG die Pläne der Gemeinde publik gemacht hat.

Die Gemeinde möchte das 40 Jahre alte Quartier «sanft verdichten» und zusätzlichen Wohnraum für rund 200 Anwohnende schaffen, indem alle Mehrfamilienhäuser um ein zusätzliches Geschoss aufgestockt werden. Es gebe klaren Erneuerungsbedarf im Quartier. Die Gemeinde ist mit diesen Plänen an die Eigentümer herangetreten, die diese wohlwollend aufgenommen haben. Die Anwohnenden wurden noch nicht aktiv informiert. Das haben Nadine Metzger und Mike Pfaff übernommen. Die Juristin und der IT-Spezialist haben die IG Zollweiden ins Leben gerufen, um den Quartierplan, der die Aufstockungen ermöglicht, zu verhindern.

«Ich hoffe, unsere Ängste werden ernst genommen»

Nadine Metzger, IG Zollweiden

Die beiden gründeten die IG, um die Anliegen der Anwohnenden des Quartiers zu vertreten. Inzwischen haben sich schon über 220 Anwohnende angeschlossen. «Ich hoffe, unsere Ängste werden ernst genommen», sagt Nadine Metzger. Sie fordert eine Garantie gegen Leerkündigungen, den Erhalt von bezahlbarem Wohnraum für alle bestehenden Mietenden. Ihre Anliegen seien bei der Gemeinde hinterlegt. In einem ersten Gespräch mit der Gemeinde konnten ihre Befürchtungen nicht entkräftet werden. 

Pikant: Der für den Quartierplan zuständige Gemeinderat Daniel Altermatt (GLP) wohnt selbst im Quartier. Für die Sorgen seiner Nachbarn und Nachbarinnen hat er wenig Verständnis: «Die grundsätzliche Idee eines Quartierplans ist das Geben und Nehmen. Da wir als Gemeinde von den Eigentümern investitionsrelevante Dinge wie zum Beispiel eine verbesserte Regenwasserbehandlung, energetische Massnahmen wie Gebäudeisolation und Sonnenkollektoren, mehr ökologische Ausgleichsflächen, viel mehr Veloabstellplätze, et cetera . verlangen, müssen wir ihnen auch etwas geben.» Das, was die Gemeinde geben könne, sei beispielsweise die Möglichkeit, die Gebäude aufzustocken.

Dass Sanierungen nötig seien, sieht die IG ein. Unnötig wertsteigernde Sanierungen gelte es aber zu verhindern: «Diese Kosten würden dann auf uns Mieter abgewälzt.» Davon seien dann vor allem Familien, Alleinerziehende und ältere Leute, die mit ihrer Rente nichts anderes suchen können, betroffen. Die Befürchtungen sind nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Vor einem Jahr wurden bereits mehrere Liegenschaften im Quartier saniert. Der Mietzinsaufschlag bei einer Dreizimmerwohnung betrug in diesem Fall 320 Franken, bei einer Vierzimmerwohnung wurde die Miete gar um ganze 520 Franken erhöht.

«Die Alternative ist ein Verlust an Wohnqualität»

Daniel Altermatt, Gemeinderat (GLP) und Anwohner

Eine Garantie gegen Leerkündigungen konnte bis jetzt allerdings weder der Gemeinde noch den Eigentümern abgerungen werden. Auf Anfrage antwortete etwa die Helvetia Versicherung, der mehrere Wohnhäuser gehören, nur ausweichend. Man werde mit allen involvierten Parteien «offen, ehrlich und frühzeitig kommunizieren», teilte die Unternehmenskommunikation mit. Die Swiss Life, der ebenfalls mehrere Wohnblöcke gehören, hat der IG Zollweiden indes schon mitgeteilt, dass eine Aufstockung in bewohntem Zustand kaum zumutbar wäre.

Gemeinderat Altermatt hält entgegen, dass der neue Quartierplan die Lösung sei, von der die Anwohnenden voraussichtlich am meisten profitieren könnten. Er gebe der Gemeinde die Möglichkeit auf Anliegen wie Leerkündigungen und Mietzinserhöhung gezielt einzugehen und diese mit den Eigentümern soweit möglich vertraglich festzuhalten, erklärt er. «Es muss auch die Wohnqualität erhalten werden, denn das war ursprünglich ein Vorzeigequartier.» 

Das letzte Wort wird aber die Bevölkerung haben. Die Quartierplanung wird voraussichtlich Ende 2024 vor die Gemeindeversammlung kommen. Sind die Ängste der Anwohnenden bis dahin nicht entkräftet, droht der Gemeinde eine krachende Niederlage.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Fragen zu Miete oder Vermietung?
Hier findest du Hilfe:
Mietrecht.ch, Schlichtungsstellen nach Region
Mieterinnen- und Mieterverband, Tel. 0900 900800 (kostenpflichtig)
Casafair, Hauseigentümerverband
HEV Schweiz, Hauseigentümerverband

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