Oceanice: Kunsteis für nachhaltiges Eishockey

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Nachhaltigkeit im SportDieses Feld aus Meeresplastik begeistert sogar Eishockey-Profis

Der ehemalige Eishockeyprofi Riccardo Signorell und seine Frau Dayana bauen Kunsteisfelder, auf denen man skaten kann wie auf richtigem Eis. Neu bieten sie das Kunsteis auch für den heimischen Keller an und wollen damit den Nachwuchs voranbringen.

von
Adrian Schräder

Worum es geht

  • Der ehemalige Eishockeyprofi Riccardo Signorell hat ein spezielles Kunsteis entwickelt.
  • Auf Oceanice spielt es sich laut einigen Experten fast wie auf richtigem Eis.
  • Dem Kunststoff wird angeschwemmtes Meeresplastik aus Südostasien beigemischt.
  • Eishockey soll dank der Erfindung zum Ganzjahressport werden.

Der Klimawandel hinterlässt auch im Eishockey seine Spuren. Ein Hockeyfeld zu betreiben, kostet Unmengen an Energie. Für Aussenfelder ist es vielfach zu warm. Gleichzeitig möchte man als Profi eigentlich das ganze Jahr zu Wettkampfbedingungen trainieren. Der ehemalige Eishockeyprofi Riccardo Signorell hat mit seiner Firma Green Hockey die Lösung entwickelt: recyceltes Kunsteis und darauf abgestimmte Kufen und Pucks. In Rapperswil ist bereits eine grosse Anlage im Einsatz.

Ein Samstagabend in Zürich. Der ZSC empfängt den SC Bern. Die ausverkaufte Swiss-Life-Arena bebt. Eishockey heisst das Spiel, doch es findet neuerdings auf Plastik statt. Ein realistisches Szenario?

Riccardo Signorell: Ja, auf jeden Fall, obwohl das noch ein paar Jahre Entwicklung braucht. Zu Beginn kann ich mir vorstellen, dass nur Junioren und untere Ligen diesen Untergrund neben dem Training auch als Spielfeld nutzen. Ausserdem könnte in Kürze eine Sommer-Hockey-League dazukommen. Unsere Produkte schaffen nie da gewesene Möglichkeiten, um meinen geliebten Sport weltweit am Leben zu erhalten. Ob am Schluss dann die Profis ihre Spiele darauf austragen, ist im Moment schwierig zu beantworten.

«Wir demokratisieren das Eishockey.»

Riccardo Signorell

Sie haben jahrzehntelang auf höchstem Niveau Eishockey gespielt. Jetzt bauen Sie Kunsteisplätze. Warum? Geht es da um die Nachhaltigkeit oder um Pragmatismus?

Mit dem Bau von Kunsteisflächen demokratisieren wir das Eishockey. Ich bin neben einer Eisbahn aufgewachsen und habe im Winter täglich jede freie Minute auf dem Eis verbracht. Hätte ich als Kind im Keller oder der Garage diesen Untergrund für Skills & Repetition gehabt, ich wäre im siebten Himmel gewesen. Solche Flächen schaffen auf kleinstem Raum ein immensen Trainingspotenzial. Zudem sind meine Frau und ich extrem daran interessiert, die Welt von morgen bewusster und holistischer zu gestalten. Da ist Nachhaltigkeit nicht einfach ein Modebegriff, sondern Programm.

Dass es die Möglichkeit gibt, Eis mit Kunststoff zu ersetzen, ist nicht neu. Was ist neu an Ihrem Produkt?

Es sind eigentlich drei neue Erfindungen, die aufeinander abgestimmt sind. Ganz am Anfang haben wir an neuen Kufen herumgetüftelt und konnten schon mit dem ersten Prototyp wie auf Eis fahren. Also eigentlich sind unsere austauschbaren Sharkblades dafür verantwortlich, dass wir uns intensiv mit synthetischem Eis auseinandergesetzt haben. Unzählige Tests mit Profispielern auch aus der NHL haben gezeigt, dass beide Produkte in einer Symbiose sein müssen, um eine optimale Performance zu zeigen. Im Unterschied zu bestehenden Synthetik-Eisplatten sind unsere mit angeschwemmtem Meeresplastik angereichert. Das dritte Produkt ist ein spezieller Puck aus einer Kunststoff-Gummi-Mischung. Herkömmliche Pucks sind für Kunsteis unbrauchbar.

Woher kommt das Meeresplastik?

Eingesammelt wird es an den Stränden in Südostasien, wo es sortiert, gereinigt und aufbereitet wird. Es wird dann über Rotterdam mit dem Schiff zu unserem Oceanice- Produzenten Murdotec in Deutschland geliefert.

In Rapperswil ist aktuell bereits ein grosses Feld in Betrieb. Wie nachhaltig ist so eine Anlage tatsächlich? Mit dem Recycling ist das ja immer so eine Sache. Oft sind da nur zehn bis 20 Prozent beigemischt.

Kunststoff ist ein schwieriges Thema im Moment. Die Menschen wissen zu wenig darüber. Dieser Thermoplast ist ein fantastisches Material und wird in der Lebensmittelindustrie und an vielen Orten weltweit eingesetzt. Im Meer hat das nichts zu suchen und genau das wollen wir angehen. Unsere Mischung ist Betriebsgeheimnis, liegt jedoch bei weitaus mehr als 20 Prozent. Wir werden in den nächsten Jahren mit dem Zurücknehmen alter Flächen den Anteil von 60 Prozent übersteigen. Um die Stabilität und Prozesssicherheit zu gewährleisten, sind wir gezwungen, auch neuen Kunststoff beizumischen.

Die Entwicklung in diesem Bereich schreitet rasant vorwärts. What’s next?

Die nächsten Projekte werden in Richtung Profitrainingscenter gehen, als Erstes wird eines in Langnau umgesetzt. Momentan sind wir mit diversen Proficlubs im In- und Ausland in Verhandlung. Zudem fokussieren wir uns zurzeit vor allem auf ein «Hockey-Mom»-Package.

Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Wir bieten kleinere Kunsteis-Platten für den Hausgebrauch an. Für 5000 Franken kriegt man ein paar Quadratmeter Spielfläche, unsere Sharkblades-Kufen und den speziellen Puck. Dafür kann man zwölf Monate pro Jahr trainieren, wann immer man will. Wer schon mal ambitioniert Hockey gespielt hat, weiss, dass einem das bereits im ersten Jahr viel Geld spart. 

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