Winterthur«Lachen verboten» - Polizist ruhig gestellt wegen Einstein-Zitat
Zwei altgediente Stadtpolizisten nahmen sich im Juli 2021 und Februar 2022 das Leben. Ein 95-seitiger Bericht einer externen Untersuchung legt gravierende Missstände bei der Winterthurer Stadtpolizei offen.
Darum gehts
- Bei der Winterthurer Stadtpolizei nahmen sich zwei Quartierpolizisten das Leben.
- In der Folge wurde eine Administrativ-Untersuchung in Auftrag gegeben.
- Der 95-seitige Bericht der Kanzlei Rudin Cantieni ist nun einsehbar und belegt, dass es zu Mobbing gekommen war.
95 Seiten lang ist der Untersuchungsbericht der Zürcher Kanzlei Rudin Cantieni zu den Suiziden in der Quartierpolizei Winterthur. Zwei altgediente Quartierpolizisten hatten sich im Juli 2021 und Februar 2022 das Leben genommen, Letzterer gar auf der Wache Winterthur. In der Folge wurde eine Administrativuntersuchung eingeleitet, die gravierende Missstände bei der Stadtpolizei offenlegte.
Im vergangenen November wurde eine Zusammenfassung veröffentlicht, den Bericht selbst hielt der Stadtrat zunächst unter Verschluss. Der Bezirksrat entschied Ende April aber, dass der Bericht in anonymisierter Form der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müsse. Nun liegt er vor, wie der Landbote berichtet (Bezahlartikel).
Der Bericht (hier ist er einsehbar) zeigt, dass es zu Mobbing von oben kam, durch das Betroffene am Arbeitsplatz isoliert, ausgegrenzt oder gar entfernt worden sind. Der Missstand wird zwar klar benannt, bewusst aber nicht der Verantwortliche, weil es nicht Aufgabe der Untersuchung gewesen sei, Beteiligte zu verurteilen.
Kritiker zum Schweigen gebracht
Klar ist: Der Führungsstil, der mit Antritt des neuen Chefs der Quartierpolizei ab 2018 Einzug hielt, kam bei der Basis nicht gut an. Dieser forderte von seinen Polizisten mindestens zwölf Verzeigungen pro Jahr und führte gar eine Rangliste ein. Kritische Stimmen wurden zum Schweigen gebracht. Ein obrigkeitskritisches Einstein-Zitat im Büro der Quartierpolizei hatte eine personalrechtliche Untersuchung zur Folge, bei der dem betroffenen Polizisten nicht einmal das rechtliche Gehör gewährt wurde. Der Polizist wurde in der Folge krankgeschrieben.

Aus der Zeitung erfuhr der krankgeschriebene Polizist im Juli 2021, dass er aus seinem Quartier Wüflingen der Altstadt zugeteilt wurde, wo auch sein Chef Dienst hat. Noch im gleichen Monat nahm er sich auf einer Wanderung das Leben.
Rudin Canteni spricht im Bericht von einem «unreflektierten Umgang mit Macht». Der Betroffene habe keine Chance gehabt, selber gehört zu werden, zudem sei der Entscheid, ihm das geliebte Quartier zu entziehen, sachlich nicht zu begründen.
Im August unterzeichneten sämtliche Quartierpolizisten einen Brief, dessen Inhalt geschwärzt wurde, und setzten bis zu Stadträtin Katrin Cometta (GLP) die ganze Polizeiführung über den Konflikt ins Bild. Die Anliegen der Quartierpolizisten wurden weiterhin nicht gehört. Sie wurden vor die Wahl gestellt, in ihrer Funktion zu bleiben oder sich in den Schalterdienst umteilen zu lassen. Ein weiterer Quartierpolizist, der ebenfalls krankgeschrieben war, nahm sich an dem Tag das Leben, als er den Schalterdienst hätte antreten sollen.
Autoritäre Führungskultur
Die Probleme in der Führungskultur beschränken sich aber nicht allein auf die Quartierpolizei, sondern betreffen die Stadtpolizei als Ganzes. So ist die Rede von einem System, in dem der Kommandant alle wesentlichen Entscheide trifft, Hierarchie und Loyalität wichtiger seien als Kompetenz und Kritik gänzlich unerwünscht sei. Dies habe auch die Kommunikation mit der Departementsvorsteherin Katrin Cometta negativ beeinflusst. «Es ist fraglich, ob diese über alle relevanten Themen informiert war», kommt der Bericht zum Schluss.
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