Strafgericht Basel-Stadt: «Die Leute haben beschlossen, dass ich der Täter bin»

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Strafgericht Basel-Stadt«Die Leute haben beschlossen, dass ich der Täter bin»

Am Mittwoch stand ein 40-jähriger Schweizer vor dem Strafgericht Basel-Stadt. Er soll versucht haben, einen Top-Banker mit einem Hammer zu töten. Die Staatsanwaltschaft fordert eine stationäre Therapie, sein Verteidiger einen Freispruch.

Darum gehts

Am 26. Juni 2022 ging ein Mann vor dem Bahnhof SBB in Basel von hinten auf einen damals 63-Jährigen zu und prügelte mit einem Hammer auf ihn ein. Später stellte sich heraus, dass das Opfer François Villeroy de Galhau, Präsident der französischen Zentralbank und Vorsitzender der Bank für Internationalen Zahlungsaustausch (BIS), war.

Am Mittwoch sass der Beschuldigte wegen versuchter vorsätzlicher Tötung vor der Dreierkammer des Basler Strafgerichts. Schläge mit einem schweren Gegenstand gegen den Kopf können tödliche Verletzungen verursachen, so die Staatsanwaltschaft.

Schon bevor die eigentliche Befragung startete, legte der 40-jährige Schweizer dar, dass es sich um eine Verwechslung handeln muss. Nicht er sei der Täter, sondern ein anderer Mann. «Ich werde beschuldigt für etwas, was ein anderer gemacht hat», insistierte er während des Prozesses. Drei Aktenordner platzierte er vor sich auf der Anklagebank, aus denen er immer wieder zitierte.

Beschuldigter bestreitet Schizophrenie

Laut einem forensischen Gutachter leidet der Beschuldigte unter einer paranoiden Schizophrenie. Zum Tatzeitpunkt habe eine vollständige aufgehobene Schuldfähigkeit bestanden, so der Psychiater am Mittwoch im Gerichtssaal. Davon wollte der Mann aber nichts wissen. «Sie sind vollkommen falsch mit der Diagnose», warf er dem Arzt vor und bezichtigte ihn, das Gutachten böswillig manipuliert zu haben. «Wieso haben Sie nicht die Wahrheit gesagt? Wieso haben Sie nicht gesagt, dass ich kerngesund bin?», so der Beschuldigte verzweifelt.

Fünf Augenzeuginnen und -zeugen haben die Tat beobachtet und im Nachhinein gegen den Mann ausgesagt. Ein Zeuge schilderte am Mittwoch eindrücklich: «Wie in einem bösen Traum, wie in einem Film, habe ich gesehen, wie er auf ihn eingehauen hat.»

In den Augen des Beschuldigten habe sich auch die Staatsanwaltschaft gegen ihn verschworen. «Meine Vermutung ist, dass nur Personen eingeladen wurden, die mich belasten können. Alle anderen wurden nicht eingeladen. Die Leute haben beschlossen, dass ich der Täter bin.»

Therapie auch gegen Willen Erfolg versprechend

Auswertungen des Handys des Mannes zeigen, dass er zu seinem Opfer sowie einer Bank-Generalversammlung, die am Tattag stattgefunden hat, eine Internetsuche betrieben hatte. Darauf angesprochen sagte der Mann, er habe lediglich mit Kryptowährungen gezockt und habe aus diesem Grund dazu recherchiert.

Die Staatsanwaltschaft stützt sich auf die Empfehlung des Gutachters und fordert eine stationäre psychiatrische Massnahme und eine medikamentöse Behandlung. «Auch gegen den Willen des Beschuldigten ist eine Therapie Erfolg versprechend», so der Staatsanwalt. Zudem sei die momentane Sicherheitshaft zu verlängern. Die Anordnung sei «einschneidend, aber notwendig». Das Risiko, dass der Mann wieder gewalttätig wird, könne durch eine Therapie erfahrungsgemäss reduziert werden.

Der Anwalt des Beschuldigten fordert einen Freispruch. Sein Mandant sei unschuldig, das psychiatrische Gutachten sei «schlampig», so der Verteidiger. «Es ist ganz normal, dass sich Zeugen irren. Mein Mandant hatte kein Motiv für diese Tat. Er ist kerngesund und braucht keine Massnahme.»

Das Urteil wird am Donnerstag gesprochen.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
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Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein
Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer
LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133
Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13
Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

Jeanne Dutoit ist stellvertretende Chefredakteurin der Lokalredaktion Basel.

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