HIV-Pille: Freifahrtschein für Sex ohne Kondom?

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«Prep»Freipass von der Krankenkasse für Sex ohne Kondom? Aufregung um HIV-Pille

Krankenkassen übernehmen künftig die Kosten für «Prep».  Personen, die Risiko-Sex haben wollen, schützen sich damit vor HIV.  Das sei grundsätzlich gut, könnte aber ein falsches Signal aussenden, befürchten Politikerinnen.

Darum gehts

  • Es gibt Männer, die haben Sex ohne Kondom. Sie sind einem höheren HIV-Risiko ausgesetzt. 
  • Für diese Risikogruppen übernehmen ab Juli 2024 die Krankenkassen die Kosten für «Prep» – eine Pille, die vor HIV schützt. 
  • Das spaltet die Gemüter: Soll die Allgemeinheit für Prävention bezahlen, weil Männer Sex ohne Kondom haben wollen? 
  • Fachstellen begrüssen den Entscheid klar. Doch aus der Politik regt sich Widerstand. 

Die Krankenkassen übernehmen künftig die Kosten für Prep-Pillen. Diese schützen vor einer Ansteckung mit HIV. Der Dachverband Santésuisse reagierte auf den Entscheid des Bundesrats empört: «Es kann nicht sein, dass die Prämienzahler teure Medikamente finanzieren, obwohl sich eigentlich jeder selber schützen kann», sagt Christoph Kilchenmann, stellvertretender Direktor, gegenüber der «NZZ am Sonntag».

Laut der Zeitung übernimmt die Krankenkasse die Kosten auch dann, wenn Männer in ein Bordell gehen und kein Kondom benutzen. Eine gratis HIV-Pille als Freifahrtschein für Sex ohne Kondom im Bordell?

«Prep schafft falsche Anreize»

SVP-Nationalrätin Martina Bircher ist geteilter Meinung: «Einerseits finde ich jegliche Möglichkeiten, sich vor HIV zu schützen, gut. Andererseits finde ich einen weiteren Ausbau des Leistungskatalogs schlecht.» Das gehöre zur Eigenverantwortung.

Dass die Allgemeinheit jetzt für dafür zahlen soll, dass Männer ohne Kondom Sex haben, sei nicht in Ordnung. «Der Bund hat grosse Anstrengungen unternommen, um gegen sexuell übertragbare Krankheiten mit Kondomen vorzugehen. Das Medikament könnte dem entgegenwirken.»

Prep schaffe falsche Anreize. «Es gibt nicht nur HIV, sondern auch andere sexuell übertragbare Krankheiten. Davor würde ein Kondom schützen.» Auch Sexarbeiterinnen sollen von Kunden verlangen, ein Kondom zu brauchen. Dass nun die Nutzung der Pille durch die Kostenübernahme ansteigt, hält sie für realistisch.

«Das Kondom bleibt wichtig»

Grünen-Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber sagt: «Männer, die ihre Verantwortung nicht übernehmen wollen, gibt es leider immer. Es ist immer noch besser, wenn sie das Medikament nehmen, als dass sie dann HIV bekommen.» Sie unterstütze den Entscheid des Bundesrats deshalb. Mit der Pille habe man eine weitere Möglichkeit, die Ausbreitung von HIV zu stoppen.

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Trotzdem müsse man gut informieren, denn die Pille schütze nicht vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. «Wenn man das Medikament nimmt, ist man besser vor HIV geschützt. Das heisst aber nicht, dass man sich nicht weiter schützen soll.» Das Kondom bleibe wichtig.

Fachstellen begrüssen die Massnahme

Klar für die Massnahme sind verschiedene Fachstellen, etwa die Aidshilfe Schweiz, Sexuelle Gesundheit Schweiz oder Procore, das nationale Netzwerk zur Verteidigung der Interessen von Sexarbeitenden. «Männer, die kein Kondom benutzen wollen, wenn sie die Dienste von Sexarbeitenden in Anspruch nehmen, sind ein Problem. Wir müssen weiterhin gute Aufklärungsarbeit leisten, gratis Schutzmittel zur Verfügung stellen und die Gesundheitsversorgung für Sexarbeitende sicherstellen. Die Befürchtung, dass jetzt hordenweise Männer auf Kondome verzichten und sich stattdessen Prep verschreiben lassen, zielt aber ebenfalls völlig an der Realität vorbei», sagt Rebecca Angelini, Geschäftsleiterin von Procore.

Auch Barbara Berger, Geschäftsleiterin von Sexuelle Gesundheit Schweiz, sagt: «Die Aussage, man bezahle so für Männer, die Sex ohne Kondom haben, ist mir zu moralisch. Fakt ist: Wir klären seit 40 Jahren darüber auf, dass beim Sex ein Kondom zwingend sei. Und trotzdem gibt es noch HIV-Ansteckungen. Also funktioniert das offensichtlich nicht bei allen. Und genau dort setzte man jetzt mit der Kostenübernahme für Prep an.»

«Prävention kostet weniger als Behandlung»

Auch für Berger ist klar: «Prep wird niemals das Kondom ersetzen und wir müssen weiterhin in die Sexualaufklärung investieren und das Kondom als effiziente und günstige Massnahme gegen HIV und ungewollte Schwangerschaften bewerben.»

Das Kostenargument zieht laut Berger nicht: «Wir geben bald jährlich gegen sechs Millionen Franken aus. Derzeit infizieren sich jedes Jahr rund 300 bis 400 Menschen in der Schweiz mit HIV, ihre lebenslange Behandlung kostet rund eine Million Franken pro Patient. Schon mit sechs verhinderten Ansteckungen hat sich die Investition also gelohnt. Und das Ziel ist, bis 2030 gar keine Infektionen mehr zu haben.»

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Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News, Wirtschaft & Videoreportagen und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.

Adriel Monostori (ajm), Jahrgang 2002, arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er moderiert seit 2022 Videos und ist seit September 2024 Redaktor am Distributionsdesk.

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